, 20. November 2017
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Das Problem ist das Kapital, nicht der Fussball

Aus dem Novemberheft: Wer den modernen Fussball als «entfesselt» kritisiert, hat nicht unrecht – doch die Kritik greift zu kurz: Das Problem ist nicht der Fussball, sondern der Kapitalismus, der sich im Sport in seiner reinsten Form äussert.

kybunpark, Sitzplatz Erwachsene, Osttribüne, Sektoren B2 und B3: 350 CHF im Saisonabo. (Bild: Till Forrer)

Um das vorneweg zu klären: Ich bin kein grosser Sportfan, bloss weil ich seit Jahren eine Sportkolumne schreibe. Ich bin vielmehr Ludist, also ein Fan von Spielen – und es ist der Aspekt des organisierten Glücksspiels, dieses System der unzählbaren, zufälligen und vermeintlich berechenbaren Faktoren, der meine Faszination für den Sport seit jeher aufrecht erhalten hat. Dabei gilt mein Interesse noch am wenigsten dem Fussball, den ich als Spiel für relativ langweilig halte. Aber an diesem unwiderlegbar stabilsten Produkt einer globalen Monokultur komme ich einfach nicht vorbei.

Die wirtschaftlichen Strukturen, die sich um das «System Fussball» aufgebaut haben, kann ich nicht einfach ausblenden. Trotzdem bin ich es leid, mir die ewig gleiche Leier des «ausser Kontrolle geratenen Fussballs» anhören zu müssen, wie sie gerade diesen Sommer wieder herumgeisterte, als es um den Transfer des 25-jährigen Brasilianers Neymar ging, der für den Fantasiebetrag von 222 Millionen Euro vom FC Barcelona zu Paris St.Germain Wechselte.

Dieser Transfer verdient es, genauer betrachtet zu werden: Erstens liegt der Gesamtbetrag weit über der vielzitierten Schnapszahl, nämlich bei etwas über 440 Millionen – schliesslich legte der Verein nicht nur die Ablösesumme aus, sondern verpflichtete sich auch, Neymar während fünf Jahren einen Lohn von 45 Millionen Euro jährlich zu bezahlen.

Noch viel interessanter ist dieses Beispiel, zweitens, weil es aufzeigt, wie Kapital grundsätzlich funktioniert, wenn es darum geht, lokale Regeln auszuhebeln. Der Grund dafür, dass die Ablösesummen in der spanischen Liga solch horrende Summen erreicht haben, liegt im Bosman-Urteil des europäischen Gerichtshofs von 1992 – übrigens das meistzitierte Urteil des EuGH überhaupt.

Damals erreichte der belgische Fussballer Jean-Marc Bosman, dass zum ersten Mal in der Geschichte des Fussballs das europäische Arbeitsrecht auch für den Sport als verbindlich erklärt wurde. Bis dahin setzten sich insbesondere die Fussballigen wie selbstverständlich über geltendes Arbeitsrecht hinweg, zum Beispiel im Bereich der Personenfreizügigkeit (Ausländerquoten).

Eine der Folgen dieses Urteils war, dass in der spanischen Liga jeder Fussballer in seinem Arbeitsvertrag zwingend eine Ausstiegsklausel aufnehmen musste – eine Regel, welche die Vereine einfach umgingen, indem sie astronomische Summen für diesen Ausstieg verlangten. Summen, die zumindest nach dem Buchstaben des Gesetzes vom Arbeitnehmer selber entrichtet werden müssten, wenn sich dieser aus einem Vertrag freikauft.

Etrit Hasler, 1977, ist Slampoet, Journalist und Politiker. Er war der letzte festangestellte Sportredaktor der WOZ und verfasst seither die zweiwöchentliche Kolumne «Fussball und andere Randsportarten».

Der Fall Neymar zeigt exemplarisch, wie wirkungslos die Regelungsversuche der zuständigen Gremien verpuffen, wenn sie mit Institutionen und Personen konfrontiert sind, die über de facto endlose Mittel verfügen: Die 222 Millionen für die Ablösesumme bezahlte Neymar tatsächlich selber – mit Geld aus einem Sponsoringvertrag mit der Qatar Sports Investment, dem Besitzer seines neuen Vereins PSG. Ein Deal, der offenkundig nur dazu diente, die geltende Regelung zu umgehen. Der spanische Staat ist machtlos: Wie soll er glaubwürdig gegen einen Arbeitnehmer vorgehen, der einen Verein austrickst, der sich selber mit Tricks über geltendes Recht hinweg setzt?

Am allerhilflosesten agiert das zuständige Fussballgremium, der europäische Kontinentalverband UEFA. Dieser erliess zwar in den letzten Jahren tatsächlich Vorschriften, die dem «Transferwahn» Einhalt gebieten sollten, nämlich dass Vereine keine Transfers tätigen dürfen, die ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigen. Die PSG behauptet, sich das leisten zu können. Das Gegenteil zu beweisen ist praktisch unmöglich. Und wenn der Verein tatsächlich daran Konkurs gehen sollte, ist da niemand mehr, der von der UEFA bestraft werden könnte, da sich ihre Verfügungsgewalt in diesem Bereich auf ihre Mitgliederverbände und die Vereine beschränkt.

Eine ausweglose Situation, die den Spielchen gleicht, wie sie Apple und Amazon seit Jahrzehnten mit den europäischen Steuerbehörden treiben, und die aufzeigt, wie unmöglich es ist, einem Kapital in dieser Grössenordnung mit lokalen und nationalen Regelungen Einschränkungen aufzuerlegen: Bis diese in Kraft sind, ist das Kapital längst woanders. Das Problem ist also nicht der Fussball – es ist der neoliberale Kapitalismus selber.

Interessanterweise beweist ausgerechnet das Mutterland dieses Wirtschaftsmodells, die USA, dass es auch anders geht: Die amerikanischen Sportligen sind strikt planwirtschaftlich durchorganisiert, mit mächtigen Spielergewerkschaften und griffigen Vorschriften. So existiert in allen Ligen ausser im Baseball eine Gehaltsobergrenze, welche die Mannschaften nicht überschreiten dürfen – dies verhindert, dass der sportliche Wettbewerb einzig von den finanziellen Möglichkeiten der Investoren bestimmt wird.

Dazu kommt das detailliert austarierte System der Drafts, das den Nachwuchsmarkt komplett der Spekulation entzieht und ebenfalls einen Ausgleich der Mannschaftsstärken zur Folge hat. Das – und nicht die Binsenweisheit, dass die USA einfach kein Fussballland sei – ist denn auch der Grund, dass der Fussball in den USA nicht so recht Fuss fassen kann: Unter diesen Umständen kann der US-Fussball einfach nicht mit den europäischen Ligen konkurrieren, in denen autokratische Milliardäre den Ton angeben.

Dieser Text erschien im Novemberheft von Saiten.

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