Das ExRex – das war manche Jahre lang den Festivalbesucherinnen und -besuchern des Locarneser Filmfestivals ein Begriff. Das Grosskino Rex, mitten in Locarnos Altstadt, konnte dank breitem Engagement soweit gerettet werden, dass dort weiterhin Filme gezeigt werden können.
Dem St.Galler Kino Rex am Blumenbergplatz aber geht es bald an den Kragen. Das Generalunternehmen HRS hat es gekauft und will dort neu bauen. Doch bevor es soweit ist, sorgt Saiten dafür, dass auch St.Gallen sein ExRex bekommt – nach dem Konzert- und Barbetrieb am Saiten-Jubiläum vom 6.April steht es für eine knapp dreimonatige Zwischennutzung zur Verfügung, mehr dazu hier.
Das Rex-Foyer mit Rautendecke und Bollensteinwand heute. (Bilder: co)
Noch trifft man einiges vom einstigen Kinoglanz im Rex an. Die Eingangstüren, die Schaufensterrahmen, die filigranen Wendeltreppen, die dreidimensionale Rautendecke im Foyer, die – zwar übermalte – Bollensteinwand und selbst die runden Deckenlampen hängen noch. All das war bei der Eröffnung 1952 von ausgesuchter Eleganz. Das Fachmagazin «Bauen und Wohnen» lobte das neue St.Galler Kino in den höchsten Tönen, als ein «Lichtspieltheater», das speziell für den Zweck des Filmeschauens gebaut war und mehr bot «als die mehr oder weniger glücklich dekorierten Versammlungsräume», wie Autor Ernst Zietschmann schrieb.
Ein Haus wie ein Hollywoodfilm
Dank seiner Beschreibung wissen wir, dass der Eingang mit «reichen grafischen Mitteln und starken Farbkontrasten und Materialgegensätzen» gestaltet war. «Ein breit ausladendes, blau gestrichenes Vordach auf gelb gestrichenen Eisensäulen über einer breiten Treppenanlage» empfing die Besucher. Glastüren «mit blau schimmernden italienischen Glasgriffen» öffneten sich zur Kassenhalle. «Hier empfängt uns ein richtiges Schauspiel: An der Decke, die aus schwarzem spiegelndem Opalglas zu sein scheint, schweben abstrakt gestaltete weisse Gipskörper. Die der Tür gegenüberliegende Wand ist aus kopfgrossen Flussbollensteinen, wie sie in der Baugrube gefunden wurden, aufgemauert.»
Im Foyer standen Stühle des Schweizer Designers Willy Guhl «in kräftigem Gelb, Grün und Schwarz». Insgesamt ergebe sich so eine «unwirkliche Atmosphäre, die jede Realität dieses Raumes aufhebt.» Im Gegensatz «zur stürmischen Introduktion des Foyers» war der Kinosaal ruhig gestaltet. Je vier und vier Stühle waren in unterschiedlichen Farben bezogen, was ein Schachbrettmuster ergab.
Foyer und erste Etage 1952. (Bilder: aus «Bauen und Wohnen»)
Hinter dieser sorgfältigen Gestaltung stand der Zürcher Kinobesitzer Robert Huber. Er betrieb schon seit 1937 in St.Gallen das Capitol an der Kornhausstrasse – dort wo heute ein Coop-Pronto eingemietet ist. Huber machte aus dem früheren American Cinema dort das Capitol mit einem ebenfalls sehr eleganten Foyer – es soll das «vornehmste Kinematographen-Unternehmen der Schweiz» gewesen sein, wussten die «St.Galler Nachrichten» vor ein paar Jahren.
Das neue Kino hiess zuerst Ciné 7. Den Namen bekam es nach einigem Hin und Her und weil es das siebte Stadtsanktgaller Kino war. Schaut man auf die alten Pläne, so steht auf der Fassade aber einmal «Rox», dann «Roxy» und schliesslich «Ciné 7». Entstanden ist der Kinosaal als Annex der Neubauten auf der Bergseite des Blumenbergplatzes. Die Pläne für die zwei Wohn- und Geschäftshäuser mit der City-Garage im Erdgeschoss stammen vom St.Galler Architekten Willi Schuchter und seinem Mitarbeiter Robert Neukomm. Ab 1949 existieren mehrere Studien für höhere und niedrigere Gebäude, eine sogar mit Türmchen. Viele Details standen zur Diskussion – bis hin zum Mäuerchen bei der Aussentreppe, das schliesslich nicht aus Bollensteinen, sondern in Beton gebaut werden musste.
Der Bau selber lief nicht ganz reibungslos. Die Sprengungen im Fels des Rosenbergs liessen die Umgebung erzittern und einmal ging im benachbarten Palace eine Scheibe in Brüche. Und im Februar 1952 stürzte das Baugerüst am Kinoneubau entlang der Zwinglistrasse unter der grossen Schneelast ein und blockierte die Strasse. Doch dann ging alles schnell: Am 27. September 1952 lief im neuen Ciné 7 bereits der erste Film. So halten es die Geschichtsschreiber des Ciné Club fest, der im neuen Haus Gastrecht hatte.
Brüni übernimmt und wird zum Monopolisten
Mehr als zwanzig Jahre betrieb Robert Hubers Capitol AG dann das Ciné 7. Wann es zum Rex wurde, ist vorerst nicht zu eruieren; auf der nachstehenden Fotografie von 1953 trägt es bereits beide Namen. 1974 übernimmt Franz Anton Brüni, der spätere Kinokönig, die Kinos der Capitol AG. Brüni betreibt nun neben dem Capitol und dem Rex auch die inzwischen gebauten Kinos Corso und Tiffany. Die Capitol AG besteht dann noch jahrzehntelang weiter und wird erst 2009 aufgelöst.
Die Tage der stilreinen 1950er-Jahre im Rex sind aber bald einmal gezählt. Brüni baut sich mit der Übernahme 1974 seine Attika-Wohnung aufs Dach des Rex. Sechs Jahre später, 1980, buddeln Bagger unter dem grossen Saal den Platz für das Rex Club im Keller aus. Aus dem Balkon wird das Rex Studio. Auch die City-Garage nebenan zieht weg und das schlanke, elegante Tankstellendach wird 1984 abgebrochen.
Blumenbergplatz 1953 mit City-Garage und Palace, dazwischen das neu eröffnete Kino Ciné 7 beziehungsweise Rex. (Bild: Stadtarchiv)
Brüni gibt sich mit seinen Kinos nicht zufrieden. Doch Trudi Schulthess, die Witwe des früheren Besitzers der «Vereinigten Lichtspiele» bestehend aus Hecht, Palace, Scala und Storchen, die zwanzig Jahre lang ihre Betriebe allein geführt hatte, will ein Monopol verhindern. Sie verkauft deshalb an einen Kinobetreiber aus Winterthur, doch es stellt sich heraus, dass dieser nur ein Strohmann war. So kommt Brüni 1983 zum Monopol und beginnt bald, die Säle im Stil der Zeit umzubauen.
Als Reaktion auf diese Situation mit elf Kinosälen in einer Hand entsteht 1985 das Kinok, das zuerst an unterschiedlichen Orten und dann im ehemaligen Apollo in St.Fiden startet und heute in der Lokremise das wohl bestbesuchte Kino in der Stadt ist.
Der grosse Saal im ExRex heute. (Bilder: co)
Höhepunkt des St.Galler Kinobooms ist 2003 die Eröffnung des Cinédome in Abtwil. Danach beginnt das Kinosterben in der Innenstadt. Brüni schliesst 2005 das Tiffany und verkauft 2007 alle Betriebe der Kitag-Gruppe. Diese macht 2012 das Corso zu, dann das Storchen. Das Rex schliesst im Juni 2018.
Nur das Palace wurde den Kinomonopolisten entrissen. Die Stadt kaufte das Gebäude, hier lebt ein Kulturort weiter. Jetzt öffnet auch das «ExRex» vor seinem Abbruch noch einmal die Tür – am Saiten-Jubiläumsfest vom 6. April und für kulturelle Zwischennutzungen bis Ende Juni.
Eigentlich war das Aus des Konstanzer Programmkinos Scala für Ende Jahr geplant. Schon seit Monaten im Zustand der Schnappatmung, konnte es Kinobetreiber Detlef Rabe anscheinend kaum erwarten, ihm ein vorzeitiges Ende zu bereiten. Am 29. November wurde es mit einer etwas schräg anmutenden Zeremonie beerdigt.
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