, 9. Mai 2016
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Das richtige Wort wäre: Lebensraum

Ein Theaterstück und zwei neue Bücher beschäftigen sich mit den Fahrenden in der Schweiz. Politisch hinkt der Kanton St.Gallen weiterhin hinten nach. Jetzt stimmt Gossau über einen Durchgangsplatz ab. von Richard Butz

Aus den Proben für Picaro (Bilder: pd)

Im St.Galler Schönauquartier stehen (noch) einige Barackenhäuser, in denen zumeist Schweizer Fahrende, Angehörige der kleinen Minderheit der Jenischen, wohnen. Hier ist Theaterpädagoge Adrian Strazza auf sie aufmerksam geworden. Daraus sind Fragen gewachsen: Wer sind diese Menschen, wie leben sie, wie und wann sind sie unterwegs? Gerade diese letzte Frage hat Strazza zu intensivem Nachdenken angeregt, denn er sei, sagt er, selber auch beruflich viel unterwegs.

Infoveranstaltung zur Initiative «Teilzonenplan Wehrstrasse (Durchgangsplatz)» in Gossau:
Dienstag, 10. Mai, 20 Uhr, Andreaszentrum Gossau

Die so angestossenen Recherchen von ihm und seinem Berufskollegen Stefan Graf gestalteten sich dann um einiges schwieriger, als sie sich vorgestellt hatten. Viele Jenische sind misstrauisch gegenüber Sesshaften, sie sind es leid, idealisiert oder verachtet zu werden, hätten lieber genügend Durchgangs- und Standplätze, möchten sich einfach in ihrer Lebensweise akzeptiert wissen.

Zu einigen Begegnungen ist es dennoch gekommen, etwa im Schiltacker in St.Gallen, wo es Wohnungen für Jenische gibt, oder auf einem Durchgangsplatz im bündnerischen Bonaduz. Inspiriert vom Leben der Fahrenden, ist die Idee eines Stücks, aufgeführt als Freilichttheater, entstanden: Picaro – Ein Theaterstück für Fahrende und Sesshafte. Für die Vorarbeiten, durch einen Werkbeitrag der Stadt St.Gallen unterstützt, haben sich Graf als Autor, Strazza als Produzent, Simon Ledermann als Regisseur und Michael Wernli als Musiker an die Arbeit gemacht.

Ein Koffer mit Lebensgeschichten

Die Geschichte dreht sich um Anna, gespielt von der Jazzsängerin Miriam Sutter, und Christian (Strazza), die als junge und verliebte Jenische im Wohnwagen in einem Schweizer Sommer unterwegs sind. Mit dabei im Gepäck ist ein grosser schwarzer Koffer, gefüllt bis an den Rand mit den Lebengeschichten der Eltern von Christian: Vater Picaro, gespielt von Hans Gysi, und – imaginär – Mutter Sophie. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft reisen mit, bis es Winter wird und sich das junge Paar, das inzwischen ein Kind erwartet, fragt, wohin die Reise geht und was im nächsten Frühling sein wird.

Picaro-Vorstellungen:
27. und 28. Mai, Gallusplatz St.Gallen, jeweils um 14 und 20.30 Uhr, bei fast jedem Wetter.

Tourneeorte, -daten und weitere Infos: picaro.info. Mehr dazu auf saiten.ch: hier.

Aus diesen Fragen ist für Adrian Strazza «ein Theaterstück mit viel Musik und Gesang über das Weggehen, das Ankommen und über die Frage nach der eigenen Herkunft» geworden.

Es versteht sich fast von selbst, dass Picaro nach der Premiere Ende Mai auf dem St.Galler Gallusplatz ebenfalls auf die Reise geht, mit Halt in Rorschach, Arbon, Wil, Frauenfeld, Wattwil, Rapperswil, Buchs, Appenzell und zuletzt dem Pestalozzidorf Trogen. Zum Theater gehört auch ein bereits gut genutztes pädagogisches Begleitprojekt für Schulen.

Gossau stimmt ab

Picaro ist auch in Gossau zu sehen. Hier wird heftig gestritten über einen Standplatz für Fahrende im Grenzgebiet zur Stadt St.Gallen. Das Gossauer Stadtparlament hat Nein gesagt, gleich wie die Rheintaler Gemeinde Thal. Vom Tisch ist dieses Thema damit nicht, denn der Kanton St.Gallen hat sich verpflichtet, insgesamt sechs dieser Plätze zu schaffen. Bisher sind es erst drei. Die Aufführung am 31. Mai im Gymnasium Friedberg findet wenige Tage vor der dank einem Referendum möglich gewordenen Volksabstimmung in Gossau statt. Am 10. Mai findet eine Infoveranstaltung im Andreaszentrum Gossau über die Initiative statt, unter anderem mit Willi Gruber, Vorstandsmitglied der «Radgenossenschaft».

Michèle Minelli und Anne Bürgisser: Kleine Freiheit – Jenische in der Schweiz. Verlag Hier und Jetzt, Baden 2015, Fr. 49.–

Sara Galle: Kindswegnahmen. Chronos Verlag, Zürich 2016, ca. Fr. 70.– (ab 10. Mai im Handel)

In der Auseinandersetzung um die Rechte und Anliegen der Jenischen könnten zwei Bücher aufklärend wirken. Das eine, mit Texten von Michèle Minelli und Fotografien von Anne Bürgisser, heisst Kleine Freiheit – Jenische in der Schweiz. Es beleuchtet die schwierigen und positiven Aspekte im Alltag der Jenischen, berichtet von ihrer Geschichte und zähem Widerstand, von politischen Aktionen, von nostalgischen Vorstellungen.

Eindrücklich und erhellend ist folgende im Buch gemachte Aussage von Daniel Huber, Präsident der «Radgenossenschaft»: «Man soll nicht von Stand-oder Durchgangsplätzen sprechen. Das korrekte Wort dafür ist ‹Lebensraum›.»

Dunkle Vergangenheit

Das zweite Buch, von Sara Galle, trägt den lakonischen Titel Kindswegnahmen und erscheint dieser Tage. Die Verfasserin arbeitet detailreich das Wirken des «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» auf. Dieses wurde in den Jahren 1926 bis 1973 von der Stiftung Pro Juventute im Kontext der Schweizerischen Jugendfürsorge betrieben und stand unter der Leitung des Berufsvormunds Alfred Siegfried, eines verurteilten Sexualstraftäters.

Fast 600 Kinder wurden in dieser Zeitspanne mit Hilfe der Behörden ihren Eltern weggenommen und in Pflegefamilien, Erziehungsheimen, Arbeitsanstalten, psychiatrischen Kliniken und Gefängnissen untergebracht. Dass bei dieser traurigen Geschichte die Kantone St.Gallen und Graubünden nicht gut wegkommen, sei bereits angekündigt.

 

Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.

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