, 24. März 2015
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Das Rösslitor denkt ans Zügeln

In der Grenzregion St.Gallen spüren die Buchhändler den schwachen Euro: Die Buchbranche stellt sich auf ein schwieriges Jahr ein. Und auch Grosse wie das Rösslitor denken ans Sparen – etwa bei der Miete in der Innenstadt.

 

Die St.Galler Innenstadt leidet unter einem Brain-Drain. Die Wegzügler sind Vertreter des aussterbenden analogen Zeitalters, die sich die Mieten nicht mehr leisten können: 2009 wich der Bro Records nach drei Jahrzehnten Innenstadt nach St.Fiden aus, 2014 zog der Musik Hug gen Westen. Auch in die Bücherbranche kommt nun Bewegung. «Am heutigen Standort ist es sehr schwierig für ein Buchhaus», sagt Jörg Caluori, Filialleiter des Rösslitors. Das grosszügige dreistöckige Ladenlokal an allerbester Passantenlage am Bärenplatz sei «für den Buchhandel schlicht zu teuer geworden».

Caluori dementiert gleichzeitig das Gerücht, das Rösslitor werde in den Spisermarkt ziehen. Dieser wird gerade renoviert. «Klar ist aber, dass wir uns immer nach passenden Lokalitäten umschauen», sagt Caluori. Wichtig sei ihm als Stadtsanktgaller zu betonen, dass das Rösslitor in der Innenstadt bleibt. «Eine Stadt braucht ein grosses Buchhaus mit breitem und tiefem Angebot», sagt er. Und: «Ich arbeite lieber in einem etwas kleineren Laden und kann dafür mein Personal behalten.» An diesem sparen musste das Rösslitor bereits 2012: Damals wurden 5,5 Stellen abgebaut, die sich 11 Personen geteilt hatten.

«Es harzt»

Mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Januar hat sich die Lage nochmals verschärft – gerade im grenznahen St.Gallen. Das Rösslitor etwa hat mit Euro-Rabatt sofort reagiert. Seit Januar «harzt es», sagt Caluori. Nebst Preissenkungen – die aber nur auf Bücher erfolgen, die aus dem Euro-Raum eingekauft werden – setze er weiterhin auf eine Stärke: «Gute Beratung ist alles, bei Lesern jedes Alters. Wir sind ausgebildet, für jeden Kunden das passende Buch zu finden.» Auch könne das Rösslitor nach wie vor auf ein grosses Stammpublikum zählen, «das solidarisch ist».

Daneben müsse man aber auch «über alles nachdenken». Im Rösslitor etwa verkaufe sich eine Pizza aus Gummibärchen, die neben der Kasse liegt, «wahnsinnig» gut. «Wieso nicht vermehrt solche Sachen anbieten?» Und auch E-Reader laufen gut, etwa 100 Stück pro Monat gehen – nebst unzähligen E-Books – über den Ladentisch.

Dass auch ein Grosser wie das Rösslitor – es gehört dem Schweizer Bücherriesen Orell Füssli Thalia AG – unter Druck kommt, zeigt, dass der Buchhandel zu kämpfen hat: Wie der Schweizerische Buchhändler und Verlegerverband (SBVV) Anfang Jahr mitteilte, wurden 2014 im Vergleich zum Vorjahr fünf Prozent weniger gedruckte Bücher verkauft. Gleichzeitig tobe in der Schweiz ein «mörderischer Preiskampf», so der SBVV. Vom Rückgang ist sowohl der stationäre Buchhandel als auch der Online-Handel gleichermassen betroffen. Den Marktanteil von E-Books schätzt der SBVV derzeit nur gerade auf sechs Prozent.

Wegen der Aufhebung des Euro-Kurses dürften die eh schon günstigen Buchpreise nun weiter sinken: In der Deutschschweiz kostet ein Buch im Schnitt 21.15 Franken, Belletristik sogar nur 18 Franken.

«Bücher bleiben Herzensangelegenheit»

«Wir Buchhändler stellen uns auf ein schwieriges Jahr ein», sagt auch Carol Forster, Inhaberin des Bücherladens in Appenzell und Mitglied im SBVV-Vorstand. Preissenkungen seien nun unvermeidlich, gleichzeitig bleiben die Löhne und Mieten gleich. «Das bedeutet Umsatzeinbussen.» Für kleinere Buchhandlungen gelte es, sich in ihrer Nische zu behaupten oder eine solche zu schaffen und diese zu bespielen. «Das Wichtigste dabei ist gute Beratung: einer Stammkundin persönliche Tipps geben, ein aktuelles und breites Sortiment haben, auch wenn das fürs uns teuer ist.» Die Lyrik- und Kunstabteilung im Bücherladen etwa müsste sie kippen, «wenn ich nur auf den Umsatz schauen würde». Aber Vielfalt sei bei kleineren Buchhandlungen entscheidend, weil sie ihnen ein «unverwechselbares Gesicht gibt».

Forster macht sich aber keine Illusionen: Es würden wohl auch dieses Jahr einige kleine Buchhandlungen aufgeben müssen. Sie sei aber grundsätzlich optimistisch und sehe sich durch «schöne Zeichen» bestätigt: Etwa jenes, dass an verschiedenen Orten, wie etwa in Weinfelden die Buchhandlung Klappentext, neue Buchhandlungen eröffnet werden. «Und sowieso: Bücher sind ein unverzichtbares Kulturgut, bleiben eine für uns Herzensangelegenheit und der Buchhandel war schon immer eine kämpferische und leidenschaftliche Branche», sagt Forster.

Vielfalt in St.Gallen

Von «Idealismus, den es einfach braucht, manchmal auch Selbstausbeutung» spricht auch Pius Frey von der Buchhandlung Comedia. Im Genossenschaftsladen arbeiten derzeit fünf Buchhändlerinnen und Buchhändler. «Daneben muss man beweglich bleiben, sich immer informieren, wo man gute Bücher zu günstigen Konditionen einkaufen kann», sagt Frey. Dank jahrzehntelanger Erfahrung habe er gute Quellen und könne etwa populäre Superhelden-Comics einen Drittel günstiger verkaufen als am Kiosk. Auch die Comedia habe die Buchpreise seit Januar punktuell nach unten angepasst.

Sowieso sind Comics aller Art – vom Cartoon bis zur Graphic Novel – ein wichtiger Teil des Comedia-Sortiments. «Zusammen mit Sachbüchern und Musikbüchern haben wir uns so eine gute Nische geschaffen», sagt Frey. Wie so viele andere in der Stadt – erwähnt seien etwa die Bücherinsel, der Kinderbuchladen und die Buchhandlung zur Rose. «Gemessen an ihrer Grösse hat die Stadt noch immer eine schöne Vielfalt an Buchhandlungen», sagt Frey, der seit 1982 in St.Gallen Bücher verkauft.

Antiquariat: Es geht bergab

Einen herben Verlust musste die Buchstadt St.Gallen einstecken, als der Bücherkenner und Antiquar Louis Ribaux Ende Februar starb. Mit ihm ist zumindest vorerst auch sein Antiquariat im Klosterviertel Geschichte. Für Liebhaber antiquarischer Bücher bleibt nur noch das Antiquariat Lüchinger, betrieben seit 1980 von Markus Comba. «Aber die Sammler sterben langsam aus», sagt dieser. Seit etwa zehn Jahren gehe es konstant bergab mit dem Buchhandel. Der Euro-Schock, seit welchem er etwa 15 Prozent weniger Kunden habe, sei ein weiterer Schritt.

Comba setzt auf seine Stammkunden und sein gutes Netzwerk, über das er auch mal Raritäten auftreiben könne, die ein Kunde selber nicht finde. Daneben restauriert und bindet Comba auch Bücher. «Mit dem Buchhandel alleine auszukommen wäre es schwierig.»

Titelbild: Aufkleber auf dem Rösslitor-Schaufenster künden vom Euro-Rabatt.

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