Kategorie
Autor:innen
Jahr

Das Scheppern des Heiligen Geists

Mit Musik von Notker bis heute sind am Mittwoch in der St.Galler Kathedrale die Appenzeller Bachtage eröffnet worden. Das Programm der Basler Madrigalisten hatte es in sich – religionspolitisch.
Von  Peter Surber

«Und also ward da das ampt der heiligen mäss durch den wichbischoff von Costentz und von der küniglichen maiestat organisten und sengern sollichermass und so loblich, costlich und herlich angefangen und volbracht, das darvon nit ist ze schriben.»

So aus dem Häuschen schilderte Diebold Schilling, Autor der berühmten spätmittelalterlichen Schilling-Chronik, seine musikalischen Eindrücke 1507 am Reichstag in Konstanz, wo er mit einer eidgenössischen Delegation zu Gast war. Was die «senger» unter anderem aufführten, war die dreichörige Motette «Spiritus sanctus assit» von Heinrich Isaac, dem Hofkomponisten des Königs Maximilian I., um dessen Machtpolitik sich am Reichstag alles drehte.

Soundtrack zum Kampf

Am Mittwochabend eröffnet Heinrich Isaacs Stück die Appenzeller Bachtage. In der Kathedrale St.Gallen teilen sich die Basler Madrigalisten in drei je vierstimmige Kleinensembles auf: Zwei sind im Wechselgesang vorne im Altarraum postiert, das dritte antwortet, für die meisten Zuhörer unsichtbar, von ganz hinten. Eine Klangchoreographie, die ihren Reiz hat  – wenn man den Text des Stücks ausser Acht lässt.

Tut man das jedoch nicht, dann scheppert Isaacs Heiliger Geist ziemlich; nicht musikalisch, aber politisch. Das Stück ist ein Jubelgesang auf Maximilian und auf den Papst Julius, von dem sich der deutsche König (am Ende vergeblich) damals noch erhofft, zum Kaiser gekrönt zu werden wie zuvor schon sein Vater Friedrich III. Angerufen werden dann die weiteren «Edlen des Reichs», «ihr Kurfürsten, ihr Erzbischöfe und alle Priester, du ganzer kirchlicher Stand und ihr Führer der Waffen, ihr mächtigen Landgrafen und Markgrafen und wer sonst noch anwesend ist als Lenker des Volkes». Der Appell lautet: «Haltet Rat», «stützt die Kirche», damit die «überheblichen Völker» gezügelt werden und «der Feind des Reiches falle unter den gerechten Waffen».

Was musikalisch subtil und für heutige Ohren archaisch daherkommt, ist im Kern ein martialischer Aufruf gegen die Feinde des Römischen Reichs deutscher Nation: damals die Franzosen und die Türken. Um diese in Schranken zu halten, hatte Maximilian seine Reichsführer nach Konstanz zusammengetrommelt, und Heinrich Isaac lieferte den Soundtrack dazu.

Lange her, andere Zeiten – trotzdem hätte man im Programmheft zu diesen Hintergründen gerne etwas gelesen. Mag sein, dass das Klassikpublikum (in den vordersten Reihen der vollbesetzten Kathedrale die aktuellen «Lenker des Volkes», Regierungsvertreter, Geldgeberinnen und sonstige Honoratioren) weniger am Text als am Wohlklang interessiert ist. Aber die Veranstalter der Bachtage, mit der J.S.Bach-Stiftung und Ex-Bankier Konrad Hummler an der Spitze, haben ausdrücklich die Ambition, reflektierte Programme zu bieten und Musik historisch zu verorten.

Das Eröffnungskonzert, dem Heiligen Geist in allen Varianten gewidmet, wurde denn auch als Brückenschlag der Konfessionen angekündigt – vom St.Galler Klostermann Notker und dessen Pfingstsequenz über die Choralerneuerung des Reformators Luther, die wiederum unter anderen Johann Sebastian Bach geprägt hat, bis zu zeitgenössischen choral-basierten Kompositionen von Reger, dem Tschechen Petr Eben oder dem Briten Jonathan Harvey.

Musikgeschichtlich mochte der Brückenschlag geglückt sein – migrationsgeschichtlich wäre ein Bezug zwischen der damaligen «Türkengefahr», die Maximilian umtrieb, zur heutigen Islamophobie nahegelegen. Auch in Petr Ebens atmosphärisch dichter Vertonung des Hymnus «Spiritus mundus adunans» wurde dann nochmal das «Siegeszeichen Christi durch die ganze Welt» getragen und damit «die durch Sprachen und Gebräuche geteilte Welt geeinigt». Aus einer interreligiös reflektierten Haltung schwer zu goutieren…. Aber vielleicht ist, mit Diebold Schilling gesprochen, «darvon halt nit ze schriben».

Nächtlicher Trost mit Reger

Musikalisch zum Höhepunkt wurde schliesslich nicht Notkers etwas fragil gesungene Pfingstsequenz und auch nicht Bachs Motette «Der Geist hilft unserer Schwachheit auf», deren kontrapunktisches Feingeflecht im Riesenraum der Kathedrale mehr zu erahnen als durchhörbar war. Sondern Max Reger. Von ihm sang das sechzehnköpfige Profi-Vokalensemble unter Raphael Immoos die drei Chöre «Trost», «Zur Nacht» und «Abendlied», traumhafte Klangminiaturen in klanglicher Vollendung in einer erstmals zu hörenden Orgelfassung. Gekrönt wurden sie durch Regers ausladende Fantasie über den Choral «Wie schön leuchtet der Morgenstern»; der junge Organist Johannes Lang tauchte sie in einen berückenden melancholischen Dämmerungsschleier.

bachtage3

Den Schluss machte Jonathan Harveys clusterreiche Anrufung des «Holy Ghost» – und hier nun wehte der Geist packend und 16stimmig, gewissermassen für alle Religionen und Konfessionen, durch den Katheralenraum.

Bach für alle

An den Bachtagen, dem alle zwei Jahre stattfindenden Kleinfestival, geht das Programm bis Sonntag weiter mit Bach in Privathäusern des Appenzellerlands, mit der Kantate BWV 80 «Ein feste Burg ist unser Gott», mit Akademien, einer Bach-Choreographie mit Jugendlichen von Royston Maldoom (heute um 16 Uhr im Lindensaal Teufen) oder einem samstagabendlichen Fusion-Projekt «ChorAll» im Zeughaus Teufen.

Infos: bachstiftung.ch

Bilder: Bachstiftung

 

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Gabriele und Jean-Pierre Barbey,  

Gut Peter, dass wenigstens Saiten diesen Hummlerreinwaschanlass ein bisschen schärfer beleuchtet. Es ist halt so, wir Kulturmenschen kleben letztlich alle – wenigstens mit einem Fühlerchen – an Hummlerschen (und ähnlichen) Honigtöpfen. Dass wir es wissen, macht uns das Leben nicht leichter, aber darüber schreiben hilft vielleicht.
Dank & Gruss, Gabi & Jean-Pierre

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8