, 26. März 2020
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Das St.Galler Frauenhaus ist fast voll

Die massiven Ausgangsbeschränkungen haben Auswirkungen auf das Zusammenleben. Fachleute rechnen mit mehr häuslicher Gewalt. Im Frauenhaus St.Gallen ist dies bereits spürbar.

Die Schulen sind geschlossen, Restaurants, Cafés, Kinos und Freizeitpärke auch. Die meisten Menschen arbeiten im Homeoffice, soziale Kontakte werden so gut wie möglich gemieden: Seit fast zwei Wochen spielt sich das Leben vieler Familien vorwiegend in den eigenen vier Wänden ab. Das birgt Konfliktpotenzial, insbesondere bei Familien und Paare, deren Situation schon vor der Coronakrise angespannt war.

Fachleute befürchten denn auch eine Zunahme der häuslichen Gewalt. Dies kommt nicht von ungefähr. In China beispielsweise sollen sich gemäss der in Peking ansässigen Frauenrechtsorganisation Weiping die Anfragen von Betroffenen nach Einführung der mehrwöchigen Ausgangssperre und Quarantäne verdreifacht haben.

Drei Neueintritte an einem Tag

In der Schweiz gilt zwar keine komplette Ausgangssperre, doch es gibt massive Ausgangsbeschränkungen, deren Auswirkungen die Frauenhäuser je länger desto mehr zu spüren bekommen. Auch jenes in St.Gallen. «Gerade in dieser Woche hatten wir drei Neueintritte an einem Tag und am Vortag ebenfalls zwei», sagt die Leiterin Silvia Vetsch. Das sei schon sehr aussergewöhnlich. «Die Frauen gaben an, dass sich die Situation zu Hause wegen der räumlichen Nähe, dem Stress bei der Arbeit oder existenziellen Ängsten zugespitzt habe oder deswegen gar eskaliert sei.»

Im St.Galler Frauenhaus stehen neun Zimmer für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder zur Verfügung. Zurzeit gebe es noch einen freien Platz, sagt Silvia Vetsch. Dieser dürfte aber nicht lange leer bleiben. Die Frauenhaus-Leiterin rechnet in den nächsten Tagen mit immer mehr Anfragen. «Wir können aber nicht mehr aufnehmen als wir Platz haben.»

Weil auch andere Frauenhäuser voll sind, werden Alternativen geprüft. Die Solidarität in der Bevölkerung sei gross. «Wir haben schon Angebote bekommen, leerstehende Zimmer von Seminar-Hotels oder Airbnb-Wohnungen zu nutzen», sagt Silvia Vetsch. Dies sei allerdings nicht so einfach. «Wir bräuchten dann auch mehr gut qualifiziertes Personal, und das in der jetzigen Situation und dieser kurzen Zeit zu bekommen, ist schwierig.»

Anstieg wird noch kommen

In Zürich hat der Kanton reagiert und die Organisationen im Bereich der Opferhilfe aufgerufen, weitere Unterkünfte anzumieten und zusätzliches Personal einzustellen. Eine spätere Übernahme der Kosten werde durch das kantonale Sozialamt und die Fachstelle Opferhilfe garantiert, heisst es in einer Medienmitteilung. Auch der zusätzliche Aufwand in den Frauenhäusern und bei den Beratungsstellen werde übernommen.

In St.Gallen ist ein ähnliches Vorgehen derzeit kein Thema. «Wir stehen in regem Austausch mit dem Frauenhaus, der Opferhilfe und anderen Beratungsstellen, auch über die Kantonsgrenze hinaus», sagt Adela Civic, Leiterin der Abteilung Familie und Sozialhilfe beim Kanton St.Gallen. «Gemeinsam beurteilen wir die Lage jeden Tag neu. Oberstes Ziel ist, dass diese Organisationen ihre Funktions- und Betriebsfähigkeit aufrechterhalten können, und dies ist momentan absolut gewährleistet.» Deshalb sehe der Kanton derzeit davon ab, Anweisungen à la Zürich zu geben.

Bei der Opferhilfe St.Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden ist ein Anstieg von Hilfesuchenden wegen häuslicher Gewalt aktuell nicht feststellbar. «Aber», sagt die Geschäftsführerin Brigitte Huber, «ich gehe davon aus, dass sich dies, je länger die Ausgangsbeschränkungen dauern, ändern wird.» Momentan seien viele Familien und Paare noch damit beschäftigt, ihren neuen Alltag mit Home-Office und Home-Learning zu organisieren.

Gefährdet sind gemäss Brigitte Huber vor allem Familien und Paare, die schon vor der Corona-Krise zu einer «destruktiven Konfliktlösung» neigten. «Kommen dann noch häusliche Isolation, Stress und existenzielle Ängste hinzu, erhöht sich das Konfliktpotenzial erheblich.» Betroffenen rät die Expertin, sich unbedingt bei einer der Beratungsstellen zu melden – auch per Mail. «Da viele momentan im Home-Office arbeiten, ist das Hilfesuchen per Telefon schwieriger geworden.»

Auch sonst mehrere Einsätze pro Tag

Bei der Kantonspolizei St.Gallen bewegen sich die Zahlen von häuslicher Gewalt zurzeit im «üblichen Rahmen», wie Mediensprecher Florian Schneider sagt. «Wir haben auch in normalen Zeiten mehrere solche Einsätze pro Tag.» Regionale Unterschiede gebe es diesbezüglich nicht, häusliche Gewalt komme im Zusammenleben vor, ungeachtet der Örtlichkeit. Wird die Polizei zu einem Einsatz gerufen, sind die Massnahmen auch in Zeiten von Corona dieselben wie vorher.

«Natürlich ist es bei einer Wegweisung der gewaltausübenden Person schwieriger, dass diese irgendwo unterkommt», sagt Schneider. «Die Opfer zu schützen, steht aber nach wie vor an oberster Stelle.» Dort, wo keine Wegweisung verfügt werde, es aber dennoch besser wäre, wenn sich die Streitparteien trennten, müsse die Polizei je nach Situation entscheiden. «Unsere Mitarbeitenden haben hier aber genug Erfahrung, um das richtig einschätzen zu können.»

Mit Quarantäne-Zimmer

Erfahren ist auch das Team im Frauenhaus St.Gallen. Insgesamt 29 Frauen kümmern sich rund um die Uhr um die Betroffenen. Das Frauenhaus hat Tag und Nacht geöffnet. Damit der Betrieb weiterhin läuft, ist es wichtig, dass die Mitarbeitenden gesund bleiben. «Schutzmasken haben wir genug und mittlerweile auch wieder Desinfektionsmittel», sagt Silvia Vetsch. Gewaltbetroffene Frauen müssen vor ihrem Eintritt Fragen zu ihrer Gesundheit beantworten. «Für jemanden, der Symptome zeigt, haben wir ein Quarantäne-Zimmer eingerichtet.»

In Zürich musste vor wenigen Tagen ein Frauenhaus vorübergehend schliessen, weil eine Person positiv auf Corona getestet wurde. «Ich hoffe sehr, dass uns das nicht passiert», sagt die Leiterin des St.Galler Frauenhaus.

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