, 7. Juni 2017
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Das Toggenburg fordert ein Klanghaus 2.0

Das Toggenburg will das Klanghaus, das Toggenburg braucht das Klanghaus, und es hat seine «Hausaufgaben» gemacht: Das sagt die Taskforce Klanghaus 2.0 ein Jahr nach dem Nein im Kantonsrat. Und sie macht Druck auf die Regierung.

Blick auf den Schwendisee oberhalb Wildhaus, Herz des Klangwegs und Standort des geplanten Klanghauses.

«Willkommen im Zentrum der Naturtonmusik»: So begrüsst Mathias Müller, Gemeindepräsident von Lichtensteig und Präsident der Klangwelt Toggenburg, die Medien in der «Alpenrose» ob Wildhaus. Klanghaus 2.0 heisst das Thema, etwas mehr als ein Jahr nach dem, was Müller als «schwarzen Tag» für das Toggenburg bezeichnet: Am 1. März 2016 war der 19-Millionen-Kredit für das Klanghaus bei der Schlussabstimmung im Kantonsrat am qualifizierten Mehr gescheitert, ein Zufallsergebnis bei vielen Absenzen.

Statt zu hadern, sei man darauf doppelt aktiv geworden. Zum einen diskutierte die IG Klanghaus mit ihren 1400 Mitgliedern die Lage, veranstaltete einen Flashmob in St.Gallen und lancierte eine Petition, die innert einem halben Jahr 10’000 Unterschriften zusammenbrachte und «als Weihnachtsgeschenk» Ende 2016 der Regierung überreicht wurde.

Zum andern bildete sich eine Tankforce. Sie liess als erstes das Kantonsrats-Nein von der HTW Chur analysieren. Heraus kam, wie der Wildhauser Gemeindepräsident Rolf Züllig erklärt: Das Projekt Klanghaus sei von vielen falsch verstanden worden – etwa als «Klanghotel», was es nie sein wollte, oder als allzu abgeschottetes Haus für die musikalische Elite. Umstritten waren zudem die Betriebskosten und die Zugänglichkeit zum landschaftlich empfindlichen Gebiet am Schwendisee.

Die Taskforce habe an diesen kritischen Punkten gründlich gearbeitet, unter anderem in Workshops mit Fachleuten aus Architektur, Musik, Tourismus, Kulturindustrie und Regionalentwicklung. Dabei waren prominente Architekten wie Astrid Staufer und Klanghaus-Architekt Marcel Meili, aber auch aussenstehende Marketingleute oder SVP-Frau Esther Friedli.

Das Konzept, betitelt Klanghaus 2.0, das Grundlage für eine neue Botschaft der Regierung sein soll, in Stichworten:

Standort: unbestritten. Der Schwendisee habe sich als der einzig richtige Platz erwiesen, hier gehöre das Klanghaus hin.

Betrieb: günstiger. Neben Kursen wie bisher geplant sollen auch Vereine und Firmen ihre Anlässe im Klanghaus durchführen können, immer mit Musik kombiniert, zudem sollen Konzerte möglich sein. Damit, sagt Tourismuspräsident Max Nadig, könne die Wirtschaftlichkeit verbessert werden, das Betriebsdefizit sinke um gut 50’000 Franken, und die ganze Region profitiere von mehr Logiernächten und weiteren Einnahmen. Die Bruttowertschöpfung falle so um 5,3 Millionen Franken höher aus.

Mobilität: kein Grossparking. Autos sollen im Prinzip im Talgrund parkieren, ein Rufbus-System wird eingerichtet. Die Gemeinde trägt die Kosten für das Parkleitsystem, der Kanton spart fast 300’000 Franken Investition. Am Schwendisee soll kein Rummelplatz entstehen – Klang brauche die Stille als Voraussetzung, sagt Initiant Peter Roth.

Finanzierung: Das Tal trägt mit. An den Bau sollen neben dem Kanton wie geplant Private 5 Millionen Franken beitragen; auch kleinere Zuschüsse neben Geldern von Grossmäzenen seien denkbar. Die jährlichen Betriebskosten, pièce de résistance bei vielen Kulturinstitutionen, fallen hingegen rund 100’000 Franken günstiger aus. Die Bürgerversammlung von Wildhaus hat konsultativ Ja zu 50’000 zusätzlichen Gemeindefranken gesagt. Und alle Gemeinden im Tal inklusive die Regionsorganisation seien grundsätzlich für eine Anschubfinanzierung zu haben, sagt Regions-Geschäftsführer Daniel Blatter. «Die Solidarität im Toggenburg ist gross.»

Klangschwendi: Unter diesem Titel haben sich alle Gastro-Betriebe rund um den Schwendisee zusammengetan und setzen auf gemeinsame Aktivitäten von Agrotourismus über Klangspielplatz bis zu «baulicher Entwicklung». Damit entstehe, so Max Nadig, ein «touristisches Gesamtprodukt».

Hofft auf «Impuls vom Kanton»: Der Wildhauser Gemeindepräsident Rolf Züllig.

Klar sei aber auch: Ein Institution wie das Klanghaus könne bei allen Verbesserungen nicht rentieren. Kultur brauche die öffentliche Hand als verlässlichen Partner. Das gelte aber nicht nur hier – jedes Mehrzweckgebäude produziere schliesslich Betriebsdefizite.

Anspruch auf Gleichbehandlung

Für Müller und seine Mitstreiter ist klar: Das Toggenburg habe seine «Hausaufgaben» gemacht. Und es habe Anspruch auf Gleichbehandlung mit den anderen Regionen. Im Gegensatz zum Kunstzeughaus Rapperswil-Jona, zum Schloss Werdenberg, der Lokremise und dem Theater St.Gallen sei das Klanghaus die einzige bisher nicht realisierte kulturelle Schwerpunkt-Institution im Kanton. Mit dem jetzigen Konzept habe man die Forderungen der Gegnerschaft erfüllt, das Toggenburg stehe hinter dem Projekt und habe Anspruch darauf. «Ich rufe dem Kantonsrat und der Regierung zu, ihre Verantwortung wahrzunehmen», sagt der Wildhauser Gemeindepräsident. Die Region brauche den volkswirtschaftlichen Impuls durch das Klanghaus, und zwar jetzt.

Die Taskforce hat ihr Konzept am 1. März, genau ein Jahr nach dem Nein im Parlament, der Regierung übergeben. Und sie fordert: Die überarbeitete Vorlage für das Klanghaus soll bis spätestens Ende Juni 2018 dem Kantonsrat und anschliessend dem Volk vorgelegt werden. Gelinge dies, dann habe sich der neuerliche Planungsprozess rund ums Klanghaus gelohnt – selbst nach inzwischen 15 Jahren seit der ersten Idee.

Das Klanghaus von Meili Peter Architekten im Modell.

Ein begehbares Instrument

Von ihr überzeugt ist unentwegt auch der Musiker Peter Roth. 1993 hat er mit Kursen im Seegüetli angefangen, daraus haben sich später der Klangweg, das Stimmenfestival, die Klangschmiede unter dem Dach der Klangwelt entwickelt, jetzt komme die Klangschwendi dazu. Das Klanghaus sei der letzte noch fehlende Mosaikstein, als Ort der Begegnung, des Probens und auch der Klangforschung.

Klang sei das, was uns an der Musik im Innersten berühre, sagt Roth. Damit das passiere, brauche er aber Resonanz. Ein solcher Resonanzkörper, quasi ein begehbares Instrument, sei das Klanghaus. In ihm bündle sich zum einen das, was über all die Jahre im klingenden Toggenburg gewachsen sei. Und zum andern sei Klang eine universale Sprache, die keine geografischen und kulturellen Grenzen kenne – sagt’s und spielt auf dem Hackbrett den uralten Betruf, das Ave Maria, das bis heute auf den Toggenburger Alpen ertönt.

Neues Selbstbewusstsein im Tal

Was ihn besonders freue: Dank der Klangwelt sei im eigenen Tal über all die Jahre das Bewusstsein für die eigene Kultur gewachsen, sagt Peter Roth – «und manchmal blitzt sogar Stolz auf.» Etwas, was dem Toggenburg sonst fremd sei.

Ähnlich selbstbewusst ist jetzt am Schwendisee die Taskforce Klanghaus 2.0 hingestanden und macht der Regierung Dampf: «Die Toggenburgerinnen und Toggenburger haben sich zusammengerauft und stark engagiert. Das Toggenburg will das Klanghaus!»

 

 

 

 

 

 

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