Der Andrang ist schon morgens um 10 bei der Eröffnung in der Lokremise gross. Und Ann Katrin Cooper begrüsst drinnen im Saal sichtlich erleichtert das Publikum, «das wir schon viel zu lange nicht mehr gesehen haben». Kultur sei als sinn- und gemeinschaftsstiftendes Erlebnis noch selten so wichtig gewesen wie jetzt, nach anderthalb Jahren Pandemie, sagt die Präsidentin der IG Kultur Ost.
«Gemeinsam»: Das ist das Wort, das immer wieder fällt in den Kurzansprachen von Cooper, von Karl Schimke und Barbara Affolter, dem Trio, das das Neustart-Festival initiiert und durchgezogen hat. Es brauchte dazu die kollektiven Kräfte von IG Kultur Ost, von Schimkes Projekt «Weniger Abfall, mehr Kultur» und der Museumsnacht. Und es brauchte einen Stadtrat, der den Betrag aus der Gutscheinaktion um ein Mehrfaches aufstockte, zusammen mit Privaten und Stiftungen.
Gemeinsam: Seifenblasenkunst im Museumsquartier.
Auch Stadtpräsidentin Maria Pappa beschwört an der Eröffnung das gemeinsame «Anpacken» in einer Krise, die allerdings noch nicht ausgestanden sei – aber der «Lebenspuls» schlage immerhin wieder weniger langsam als damals im Lockdown. Diesen «Puls» versinnbildlichen zum Auftakt dann die vier Tänzer:innen des Panorama Dance Theater in einer hoch energetischen Performance, begleitet vom Marimbaphon-Duo 8Mallets und animierter Grafik von Joel Roth.
Anschliessend geht es 14 Stunden lang kreuz und quer durch 45 Institutionen, Ausstellungs- und Konzertlokale zwischen Sitterwerk im Westen, Naturmuseum im Osten und dem «magischen Dreieck» Lokremise-Lagerhaus-Museumsquartier als Zentrum.
Wenigstens kulturell ein Hotspot
Zu entdecken waren zum Beispiel die drei Filme, die das Museum im Lagerhaus während des Lockdowns geschaffen hat: Mirjam Kradolfer und Ahmad al Rayyan erklären darin gewitzt und kundig, was es mit Art brut, Naiver Kunst und Outsider Art auf sich hat und was im Lagerhaus zu entdecken ist.
Das Megliodia-Ensemble im Kirchhoferhaus.
Zu geniessen waren zum Beispiel die barocken Tafelfreuden, die Megliodia im Festsaal des Kirchhoferhauses unter dem Titel «Wie Fürsten festen» auftischten: umwerfend musiziert von Annina Stahlberger, Yuko Ishikawa, Marie-Louise Dähler und Gerhard Oetiker und saftig serviert von Sprecher Mathias Albold.
Im Barock leisteten sich die «durchlauchtigsten» Herrschaften ihren ganzen Prunk auf dem Buckel und unter Ausschluss des Volks – das republikanische Neustart-Festival heute war zwar etwas bescheidener aufgegleist, dafür zugänglich für alle Stände und Portemonnaies. Und mit fairen Honoraren für die Mitwirkenden.
Tabea Buser als Julia mit Balkon-Attrappe.
Zu schnuppern war zum Beispiel an den ersten zwei Schauspielproduktionen des Theaters, in Proben zu Hotspotost und Julia und Romeo. Letztere, mit Premiere am 25. September, will dem Shakespeare-Original feministisch Paroli bieten: Herstory statt History, mit einer kämpferischen Tabea Buser in der Titelrolle.
Bereits diesen Mittwoch ist Uraufführungspremiere von Hotspotost. Autorin Brigitte Schmid-Gugler hält der Stadt darin einen satirischen Spiegel vor und versucht zu ergründen, warum es St.Gallen nie zur erträumten Grösse und Geltung gebracht hat. Im Stück gehen alle Anstrengungen schief. Am Neustart-Festival dagegen ist es gelungen, wenigstens für einen Tag kulturell auf der Höhe zu sein und zu zeigen, wie Institutionen und freie Kulturschaffende die Stadt zum Hotspot machen können – wenn sie sich zusammentun.
GGG: geht
Zu erahnen war am Festival schliesslich auch, wie es mit der Kultur im 3G-Zeitalter funktioniert. Fazit: Es geht. Zwar habe es vereinzelte Diskussionen zur Zertifikatspflicht gegeben, die hier bereits Geltung hatte; diese konnten aber ruhig geführt werden, sagt Barbara Affolter im Rückblick. «Grundsätzlich war die grosse Mehrheit einfach glücklich und dankbar.»
Lord Kesseli nachts in der Kunstgiesserei.
Zu erleben waren fast zweihundert kulturelle Ereignisse, und zum Finale zu später Stunde waren gleich mehrere Performances im Kunstmuseum oder im Sitterwerk angekündigt – glücklich, wer dannzumal noch Kräfte mobilisieren konnte. Im Ohr bleibt aber auch der morgendliche Appell ans Publikum von Ann-Katrin Cooper: «Bitte kommt auch nach dem Neustart weiter ins Kino, ins Theater, ins Konzert – und verbindet es gleich mit einem Besuch Eures Lieblingsgastronomen.»
Tüchel zünden zum Neustart im Flow.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.