«Paarweise gehen die Kinder von der Königin-Kirche zurück zur Schule. Das Mäseli geht neben DEM KIND. Es sagt leise, die Hostie klebe ihm am Gaumen. Wer aus der Reihe tanzt, bekommt gleich eine Kopfnuss, sonst später im Klassenzimmer. Manche müssen zur Strafe in der Wohnung der Schwestern die Böden polieren. Mit um die Füsse festgezurrten Wolllappen.»
Es ist eine enge Welt, in der DAS KIND (im Buch durchwegs gross geschrieben) aufwächst: Eine lieblose Mutter, die für das Kind nur Zurechtweisungen übrig hat und Strafen, wenn es ihr wieder einmal «zu Leide werkt». Eine omnipräsente, züchtigende, alleinseligmachende Kirche. Eine Schule, die mit Strafaufgaben und Kopfnüssen erzieht. Ein Bäckeronkel mit grauem Gesicht und eingetrocknetem Speichel in den Mundwinkeln, der das Mädchen betatscht und es zum Würgen bringt. Das Würgen kommt auch bei den feuchten Fingern von Herrn Hochwürden oder wenn es die Milch mit Haut trinken muss oder wenn es an die Läuse in den Haaren der armen Klara denkt, die in der Schüür unten wohnt.
Brigitte Schmid-Gugler entwirft in Am Hummelwald in knappen Szenen, aus der Sicht des Kindes erzählt, eine Jugend auf dem Land in den miefigen circa Sechzigerjahren, in einem Dorf, wo man mit den Reformierten nichts zu tun haben will, wo der neue Staudamm «Teufelswerk» ist, wo der Onkel, dieser «Vagant», der Magd ein Kind macht und von Hochwürden die Absolution bekommt. Und wo das Kind seine Einfälle und Träume für sich behalten muss.
Bloss mit Mäseli vom Bauernhof nebenan, mit dem gehörlosen Knecht Titus und der freundlichen Grossmutter gibt es eine Art Nähe. Und mit den Märchenfiguren aus dem Thujabaum, die ihm vom geheimnisvollen Chamsin erzählen.
Brigitte Schmid-Gugler: Am Hummelwald. Miniaturen einer Kindheit auf dem Land, orte Verlag Schwellbrunn 2021, Fr. 28.90.
Buchpremiere: 18. November, 19.30 Uhr, Bibliothek der Universität St.Gallen
Der Thuja muss dann irgendwann einer Überbauung weichen. Im Dorf gibt es jetzt «Verschleierte», denen der Zugang zum Spielplatz untersagt ist, die Bäckerei und die Käserei verschwinden, man lernt Wörter wie «Patchworkfamilie», das Mäseli ist schon dreifache Mutter und das Kind kein Kind mehr. Brigitte Schmid, mit Jahrgang 1956 im fribourgischen Senseland aufgewachsen, lässt ihre Hauptfigur Schritt um Schritt erwachsen werden – und skizziert zugleich die Veränderungen im Land, die Zersiedelung, aber auch das Aufbrechen der verkrusteten Moralvorstellungen und der Bigotterie der Kirche.
Das Würgen ist am Ende des schmalen Bands nicht mehr nötig, aber zwischen dem Kind und der Mutter bleibt bis zum Schluss eine Wand des Schweigens.
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