«Die Welt ist nicht das, wonach sie den Anschein macht.» Das ist die Programmatik dieser Texte: Man ist in Christine Fischers neuem Buch, ihrem zehnten, immer nah am Alltäglichen, im vermeintlich vertrauten Leben drin – und zugleich tun sich dahinter, darunter, darüber tiefere und höhere Schichten auf, wie Blicke hinter die Kulissen oder wie der Moment, wenn sich der Nebel verzieht und eine Landschaft in neuer Klarheit hervortritt.
Es sind aber selten Abgründe (die gibt es auch), vielmehr verborgene Wunder, verschüttete Wahrheiten, vergessene Wünsche. Dinge, zu denen Zugang hat, wer sich, mit dem Titel des Buchs gesprochen, dem Zweifel, dem Jubel und dem Staunen hingibt und aussetzt.
Möglicherweise gibt es keine toten Dinge, und alle gewachsenen und alle geschaffenen Dinge wären somit Wesen. Der Berg hinter dem Haus, der Salat im Supermarkt, die Schiene auf dem Trassee, die Zahnbürste in meiner Hand. Sie reagierten auf die Bedingungen, die sie vorfänden, auch auf meinen beobachtenden Verstand. Sie hätten das Zeug zur Veränderung. In der ihnen eigenen Weisheit speicherten sie Erfahrungen, sendeten Botschaften aus. An ihresgleichen und an meinesgleichen.
Das ist eine dieser staunenswerten Überlegungen, aus dem Kapitel «Mutmassungen». Die sieben Kapitelüberschriften sind bereits eine Welt für sich. Sie heissen weiter «Anrufungen», «Anfechtungen», «Behauptungen», «Bedachtsamkeiten», «Begründungen» und «Lobpreisungen». Sie stecken die Himmelsrichtungen der Weltbetrachtung ab, man glaubt in ihnen das reflektierende Ich dieser Texte zu sehen, wie es sich mal dahin, mal dorthin dreht, wie es bald jubelnd, bald staunend, bald zweifelnd sich einen neuen Blick aneignet und sieht und sagt, was zu sagen ist, in so knapper wie poetischer Form.
Das kann die Schönheit eines Tulpenstrausses sein, die bleibt, auch wenn er allein gelassen ungesehen verwelkt – «weil alles geschieht, was geschieht, auch wenn wir es nicht bemerken». Oder die Notwendigkeit der Wolken, weil wir sonst nicht wüssten, wo der Himmel endet, und selbst das Nahe fern bliebe und ein Gespräch unmöglich würde. Oder die fantastischen Qualitäten der Nacht, denen ein ganzes Kapitel, «Behauptungen», gewidmet ist. Einer meiner Lieblingstexte ist dieser, schon sein erster Satz macht hellwach.
Die Nacht trägt am Gürtel ein Messer. Sie kappt die Taue, die uns mit dem Ufer der Gewissheit verbinden, es sind deren drei. Und wir driften weg, hinaus aufs offene Meer. Dort stehen die Sterne wie bleiche Fischschwärme in der Tiefe. Dort sind wir weniger als ein Tropfen Wasser, weniger als ein Salzkorn. Dort sind wir nichts, und doch fallen uns die wundersamsten Geschenke zu: das Geschenk der Ahnung, das Geschenk der Ergriffenheit, das Geschenk des Nichtwissens. Was gäbe es besseres?
Christine Fischer: Der Zweifel, der Jubel, das Staunen. Mit Zeichnungen von Jan Kaeser, orte Verlag, Schwellbrunn, 2017, Fr. 28.90.
Christine Fischer liest am «Wort-Ort» im Verlagshaus Schwellbrunn: Freitag, 17. November, 19.30 Uhr
Buchpremiere mit Christine Fischer, Maya Homburger (Violine) und Jan Kaeser: Donnerstag, 26. Oktober, 19 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen.
Aus Christine Fischers Miniaturen spricht ein Glaube, der nicht religiös im konfessionellen Sinn wirkt, ein Glaube vielmehr an die Unerschöpflichkeit und Unversehrbarkeit des Menschen und der Schöpfung. Das hat nichts Idyllisches; Abschiede, Verluste, der Tod haben ihren Platz darin ebenso wie Glücksmomente. Das «Schlingern des Raumschiffes namens Welt» treibt die Autorin ebenso um wie die «Eiszeit der Menschenwürde»: die Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer, denen sie im Kapitel «Anfechtungen» mehrere Texte widmet. Im Innersten dieser Texte steckt aber ein Kern an Zuversicht, an «Vertrauen in die grundsätzliche Unschuld des Menschen», wie es in einer kurzen Meditation über die Engel heisst und über die Not, die ausbrechen würde, wenn sie sterblich wären.
Gerade so schlimm, gerade so unvorstellbar wäre es, allein zu sein und ohne die Liebe – davon handelt das Kapitel «Begründungen». Hier wie in den abschliessenden «Lobpreisungen» (dem Lob des Staubs, der Pause, des Erzfeinds, der Begeisterung, des Chaos und anderer grossartiger Errungenschaften) bekommt Christine Fischers Stimme eine geradezu biblische Eindringlichkeit, dem Tonfall des Hohelieds nah, ohne dass dies missionarisch oder gar fromm wirken würde. Wenn schon, dann ist es eine Frommheit der Menschenliebe.
Und wenn ich glaube, das Liebste verloren zu haben und triebe in einem Meer von Tränen, so würde ich irgendwann ans Ufer gespült. Die Sonne trocknete mein Haar, der Sand wärmte meinen Körper und eine Stimme sagte: Steh auf, schau um dich. Du wirst gebraucht, denn die Trauer ist nicht das Ende, sie ist nur ein neuer Anfang.
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
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