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«Das Ziel heisst: Journalismus ermöglichen»

Das «Tagblatt» soll Teil eines neuen «Medienriesen» werden - die Regionalblätter von NZZ und AZ gründen ein Joint Venture. Das wurde letzten Donnerstag bekannt. Die St.Galler Regierung reagierte rasch und alarmiert. Warum? Fragen an Regierungspräsident Fredy Fässler.
Von  Peter Surber
Auf Kolumbus folgt Atlas: Weitere saftige Sparrunde bei CH Media.

Die Chefs der beiden Unternehmen, Peter Wanner von AZ-Medien und Etienne Jornod, Verwaltungsratspräsident der NZZ-Gruppe, haben das Joint Venture der NZZ und der AZ Medien am Donnerstag angekündigt.

Die Wettbewerbskommission Weko muss das neue Unternehmen erst noch bewilligen. Kommt es zustande, umfasst es rund 80 Medientitel mit gesamthaft rund 2 Millionen Leserinnen und Lesern. Die beiden Unternehmen passten zusammen: Beide setzten, im Gegensatz zu anderen, langfristig auf Publizistik, sagen Jornod und Wanner. Allerdings gehe es auch ums Sparen: «Es wäre blauäugig zu sagen, dass es keinen Stellenabbau gibt.»

«Hiobsbotschaft»

«Es wäre illusorisch zu glauben, dieser Schritt erfolge aus reiner l’art pour l’art oder Expansionsgründen, es ist vielmehr ein deutliches Signal für den schlechten Zustand der Branche. Dabei realisiert man Konstrukte, die man noch vor ein paar Jahren ins Reich der Fantasie verwiesen hätte», kommentiert Matthias Ackeret auf persoenlich.com. Und weiter: «Dass das Zusammengehen der NZZ-Regionalzeitungen und der AZ Medien keine Fusion, sondern ein Joint Venture ist, ist Indiz genug, dass man immer noch auf Autonomie der beiden kulturell doch verschiedenen Unternehmen achtet. Dies dürfte nicht zuletzt für Peter Wanner wichtig gewesen sein. Was man aber mit dem Neukonstrukt bezweckt, ist wohl auch jedermann klar: Einsparungen und damit verbunden ein Stellenabbau. Zugutehalten muss den Verlegern ihr Bestreben, in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten neue Lösungen zu finden.»

Rabenschwarz sieht dagegen der Publizist Charles Linsmayer in seinem Kommentar auf saiten.ch die Zeitungszukunft: «Das, was heute in der Presse steht, ist für alle, die an die Demokratie und die Eigenart und die Unverwechselbarkeit der Schweiz und ihrer Demokratie glauben, eine Hiobsbotschaft, wie sie schlimmer nicht sein könnte und an deren Konsequenzen noch Generationen zu leiden haben werden.»

Auch die unabhängige Plattform infosperber.ch ist skeptisch – inbesondere, was den politischen Rechtsdrall des künftigen Mantelteils betrifft: «Das Schweizer Terrain der Medien unter politischer FDP-SVP-Dominanz wächst kontinuierlich an.» Der vollständige Beitrag hier.

«Wenn die Privaten nicht mehr in der Lage sind…»

Die St.Galler Regierung hat als Reaktion auf das Joint Venture wenige Stunden nach Bekanntgabe ihre Besorgnis mitgeteilt und angekündigt, zu prüfen, «welche Massnahmen sie allenfalls im Bereich der kantonalen Medien- und Kommunikationspolitik treffen soll, um den regionalen Service Public im Medienbereich sicherzustellen». Saiten hat bei Regierungspräsident Fredy Fässler nachgefragt.

Regierungsrat Fredy Fässler.

Der Kanton St.Gallen will «Massnahmen prüfen». Was ist damit gemeint?

Fredy Fässler: Das «Tagblatt» sagt, die regionale Berichterstattung werde sich mit der neuen Zusammenarbeit nicht ändern. Die Regierung befürchtet hingegen, dass in einem künftigen gemeinsamen, möglicherweise im Aargau redigierten Mantelteil die Ostschweizer Sicht auf das Bundesgeschehen zu kurz kommen könnte. Jede Demokratie braucht Diskussionen, braucht Debatten – und dafür sind die regionalen Stimmen entscheidend.

Welche Zukunft geben Sie der Regionalzeitung?

Wir müssen davon ausgehen, dass die Digitalisierung weiter fortschreitet und Printmedien an Bedeutung verlieren. Das Tageszeitungsmodell ist möglicherweise überholt; die hauptsächlichen Kosten fallen ja im Druck und in der Distribution an. Wenn die privaten Medienhäuser nicht mehr in der Lage sind, die Kosten zu tragen, stellt sich die Frage, ob der Staat eingreifen muss.

Mit eigenen Publikationen des Kantons?

Nein. Ein denkbares Modell wären digitale Informationsplattformen – ob diese von Privaten oder allenfalls vom Staat «gebaut» werden, ist völlig offen. Wir stehen in dieser Diskussion erst am Anfang, stellen aber fest, dass das Thema auch in anderen Kantonen behandelt wird. Die Regierung hat, schon vor dem jüngsten Entscheid beim «Tagblatt», einen Auftrag zur Prüfung solcher Fragen an einen externen Fachmann erteilt.

Da hiesse es dann schnell: «Staatsmedien»…

Darum geht es auf keinen Fall. Die Regierung hat kein Interesse an Behördenjournalismus, auch nicht an einem künftigen «Amtsblatt» (das es im übrigen immer noch gibt) oder ähnlichen Organen. Wir wollen nicht unsere Informationen platzieren, sondern den Diskurs sicherstellen. Was wir brauchen, ist journalistische Leistung. Und wenn die Privaten diese nicht mehr bieten, muss sich der Staat überlegen, wie er darauf reagiert.

Der Kantonsrat hat es gerade abgelehnt, eine weitere Zeitung des Bildungsdepartements zu finanzieren. Man will offensichtlich keine Publikationen in eigener Kantons-Sache.

Der Rat hat das so entschieden. Im Vordergrund steht für die Regierung ein Ziel: Journalismus zu ermöglichen. In welcher Form, das ist noch völlig offen. Wir sehen einfach, dass es den Printmedien nicht gut geht. Und finden es deshalb wichtig, dass die Diskussion darüber geführt wird.

 

Jetzt mitreden: 3 Kommentare
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Kuster,  

Es ist überall das Gleiche. die Leute schreiben keine Briefe mehr und brauchen keinen Postschalter mehr um ihre Rechnungen zum bezahlen. Deshalb ist die Post gezwungen, Poststellen zu schliessen. Die Leute abonnieren keine Zeitungen mehr, sondern holen ihre Informationen aus Gratisblättern und Internet. Konsequenz: die Zeitungen verschwinden oder schliessen sich zusammen. Doch deswegen steigt die Abonnentenzahl nicht. Ein Teufelskreis!!

Theodor Itten,  

Es wird Zeit, dass Saiten auch eine gedruckte Ostschweizerische Tageszeitung wird. Ahoi!

Marcel Baur,  

Ich habe Mühe, wenn der Schritt nach "vorne" aus einem Joint Venture besteht. Dass die Branche in einer Krise steckt ist nichts Neues und trotzdem versuchen sogar zahlungskräftige Vertreter, an ihrem antiquierten Geschäftsmodell auf Teufel komm raus festzuhalten. Es werden nicht viele Jahre vergehen bis auch diese Flucht in einem Debakel endet. Die Zeit für einen echten Schritt nach vorne läuft ab und nein, die Politik kann und darf sich nicht einmischen, auch wenn die Sorge berechtigt ist.

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