Bahnreisende kommen immer wieder ins Staunen: Wenn der Eurocity aus Zürich Richtung Graz oder der Railjet auf dem Weg ins ferne Wien in Jenbach Halt machen, fragen sich manche, was der Stopp in diesem kleinen Tiroler Dorf soll.
Würden wir Franz Hörl fragen, hätte er schnell eine Antwort parat. Jenbach ist der Umsteigeort für Reisende ins Zillertal. Dort wartet heute eine mit Diesel betriebene Schmalspurbahn auf Tourist:innen und Einheimische. Wer es gemütlich haben will, lässt sich mit der Dampfbahn von Jenbach bis nach Mayrhofen transportieren.
Tiroler Saftwurzel
Franz Hörl freut sich über jeden Fahrgast, der in seiner Bahn Platz nimmt. Der Mann ist eine Institution im Tal. Ein umstrittener reaktionärer Strippenzieher mit Verbindungen zu wichtigen Funktionsträgern in Land und Bund. Er ist nicht nur Aufsichtsratspräsident der Zillertalbahn, für die ÖVP sitzt er im Gemeinderat von Gerlos und im Nationalrat in Wien. Er lobbyiert für die Seilbahnbranche und war bis vor kurzem Präsident des Tiroler Wirtschaftsbundes. Der Mann hat Ecken und Kanten und tritt gegenüber politischen Gegnern gern mit grobem Geschütz auf. «Pitbull Terrier der Tiroler Volkspartei» nannte ihn mal der Wiener «Standard».
Franz Hörl brauchen die «Tagblatt»-Leser:innen nicht zu kennen. Dafür wissen sie bestens Bescheid über seine Zillertalbahn. Fast 300 Kilometer von der Ostschweiz entfernt. Wie Wasserstandsmeldungen vom Bodensee wird im regionalen Ressort Wirtschaft (heute im Ressort Ostschweiz verpackt) fast im Monatsrhythmus über den neusten Stand der Ausbaupläne des roten Bähnchens berichtet. Fährt schon bald ein Zug mit Wasserstoffantrieb oder mit Batterie durchs enge Bergtal? Gibt es elektrische Oberleitun- gen oder bleibt man beim Diesel? Dieser permanente Hype um ein Tiroler Bergbähnchen ist einer einzigen Tatsache geschuldet: Wäre die Thurgauer Stadler Rail nicht mögliche Lieferantin der neuen Bahn, würde man in der Ostschweiz keine Zeile über Hörls Prestigeobjekt lesen.
Stadlers PR-Maschine
Geht es um Peter Spuhlers Unternehmen, gibt es beim «Tagblatt» mit seinen Kopfblättern kein Halten mehr. Besteht irgendwo auf der Welt für die Thurgauer die Aussicht, allenfalls ein paar Lokomotiven und Waggons zu verkaufen, wird an der St. Galler Fürstenlandstrasse rund um die Uhr in die Tasten gehauen. Wirtschaftsredaktor Thomas Griesser Kym lässt uns alle teilhaben am flinken «Flirt» im Südtirol, dem roten «Capricorn» in den Bündner Bergen oder dem schnellen «Giruno» auf dem SBB-Netz. Wird in Liverpool eine Tramway eröffnet und auf den Puy de Dôme eine neue Zahnradbahn gebaut: Mit dem «Tagblatt» ist jeder hautnah dabei. Peter Spuhler wirds freuen. Wo sonst bekommt der Ex-Politiker und Stadler-Mehrheitseigner gratis und franko so viel wohlwollende Medienpräsenz?
Allenfalls kritische Informationen aus dem Hause Stadler-Spuhler gibt es im «Tagblatt» nicht zu lesen. Was sagen beispielsweise die Gewerkschaften zu den Löhnen bei Stadler Rail? Wie geht es den aus der Ukraine geflüchteten Arbeiter:innen in den Werken Altenrhein und St.Margrethen? Was ist aus der Stadler-Fabrik Minsk bei der Putin-Marionette Lukaschenko geworden? Oder wie behauptet sich der Spuhler-Filius als leitender Mitarbeiter im familieneigenen Werk?
Wenn (Wirtschafts-)Journalismus sich auf Verlautbarungen beschränkt, wird er entbehrlich. Für das Umschreiben von Medienmitteilungen braucht es keine Redaktoren. Kritisches Nachfragen gehört zum journalistischen Handwerk. Nicht nur beim Thema Stadler. Ende September führte Griesser Kym mit Philipp Gmür, dem abtretenden Chef der Helvetia-Versicherung, ein seitenlanges Interview («30 Jahre sind genug»). Viele Fragen, aber eine wichtige wurde Gmür nicht gestellt: Warum musste 2016 der amtierende und erfolgreiche Helvetia-CEO Stefan Loacker Knall auf Fall seinen Stuhl räumen und ihm Platz machen – kurze Zeit, nachdem Pierin Vincenz das Präsidium der Helvetia übernommen hatte?
Von der Redaktion in die PR-Abteilung
Als Journalist:in macht man sich mit kritischem Nachfragen unbeliebt. Und goldene Jobs verdient man sich damit schon gar keine. Bevor Griesser Kym beim «Tagblatt» zum offiziellen «Spuhler-Stadler-Rail-Lautsprecher» mutierte, führte Marina Winder in der gleichen Sache jahrelang das Zepter. Medienarchive aus den 2010er-Jahren sind voll mit unkritischen Texten über Stadler Rail und harmlosen Interviews mit Peter Spuhler. «Wir verhandeln nicht mit Pardini», durfte Spuhler über die Zeitung dem Gewerkschaftsboss zurufen.
Winders Arbeit hat dem Bahnboss schliesslich so gut gefallen, dass er die «Tagblatt»-Redaktorin im fliegenden Wechsel zur Leiterin Kommunikation & PR machte. Ein journalistisches Gütezeichen sieht anders aus. Vielleicht hofft Griesser Kym immer noch, dass ihn das gleiche lukrative Schicksal ereilt.
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Stimmrecht
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