, 2. September 2016
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Debattenkultur statt Depression

Zum 70. Geburtstag im vergangenen April erscheint eine anregende Würdigung des Werks der feministischen Ökonomin Mascha Madörin. Am Mittwoch wurde das Buch mit einem Podium gefeiert.

Mascha Madörin liest Ágnes Heller. Foto: Ursula Häne

Eine Frau, eine Würdigung. Klingt machbar, ist aber eine Gratwanderung, will man verhindern, dass die seit den achtziger Jahren publizierende Ökonomin Mascha Madörin nur historisiert oder auf persönliche Fragen reduziert wird. Dies ist bei der Vernissage im Buchcafé Sphères in Zürich auf hervorragende Weise umgangen worden. Es diskutierten mit ihr, eingeleitet von Bettina Dyttrich und moderiert von Stefan Howald, dem Herausgeberinnen-Duo des Buchs, die ehemalige Gewerkschaftssekretärin Annette Hug und der ehemalige Tagi-Chef Res Strehle.

Die Frau, deren Leben sich eignet, die Geschichte des linken Aktivismus der vergangenen 50 Jahren darzustellen, da sie diesen zu einem guten Teil geprägt hat, erlebt gerade vermutlich die interessanteste Zeit ihres Lebens, was die Kritik politisch-ökonomischer Mainstreamkonzepte angeht, und scheut sich nicht, ihre «äusserst konzisen Analysen» (Strehle) mit klaren Worten auszudrücken. Man hat viel von ihr gelernt, darin sind sich die Diskutierenden einig.

Vom Fehlen der Streitkultur

Madörin erzählt durchaus von ihren persönlichen Erfahrungen, findet aber jederzeit die Möglichkeit, Bezüge zur Gegenwart herzustellen. Yanis Varoufakis, der frühere griechische Finanzminister, wird mehrfach positiv erwähnt. An ihm lässt sich, als Stichwortgeber oder Beispiel, praktisch aufzeigen, inwiefern Streitkultur marginalisiert wird und fehlt – was, wie man selbst folgern darf, in direktem Zusammenhang mit der Krise steht.

Und diese kann man kaum bestreiten, folgt man der Ökonomin. Sie dekonstruiert den Irrglauben, dass das alte ökonomische Regime unverändert die alternativlose Deutungshoheit über das wirtschaftliche Weltgeschehen innehabe. Zu sehr würden auch konservative Ökonomen beginnen, ein gewisses Scheitern dieses Kapitalismus einzugestehen.

Was gegenüber Krisen, die in affektiver Perspektivenlosigkeit zum Ausdruck kommen, fehlt, ist eine Diskussions- oder Streitkultur, welche die «Dysfunktionalität» von Strategien der polit-ökonomischen Gegenwart überhaupt in Frage stellt. Dysfunktional ist dann keine Übertreibung, was Howald ob dem «grossen Wort» befürchtet, wenn investiert werden muss trotz einem schlechteren Ergebnis. Das mag formelhaft klingen, würde allerdings gescheiter als äusserste Schmerzgrenze angenommen. Denn, und das kann man von der linken Denkerin lernen: Die Wirtschaft ist kein Hokuspokus, sondern eine politisch zu verstehende Materie, die letztenends auf Pragmatik und Vernunft basiert, welche zu selten angewandt werden.

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Brauchbare Analysen und Kritiken kommen jedoch selten aus der Schweiz, wie Madörin aufgrund reichhaltiger Erfahrung bemerkt. Und überhaupt: Wir sind längst nicht mehr auf dem Stand dessen, was wir wissen müssten zur Gegenwartsbewältigung. Im Falle Griechenlands müsse man schlichtweg von einer schlechten Ökonomie seitens der Trojka sprechen: Schäuble sei ein tragischer Fall vergleichbar mit Erich Honecker, der etwas verteidigt hatte, was nicht mehr verteidigt werden konnte. Man muss anders auftreten: «Zu sagen: ‹es ist ungerecht›, ist eine andere Sache, als zu sagen: ‹spinnt ihr!›».

Die Frauen packen es an…

Auch die Care-Ökonomie ist ein Thema, das allzulange kaum diskutiert wurde. Nun aber müsse man, stellt man die Finanzierungsfrage, unbedingt auch die Machtfrage stellen. Sonst bleibe die Arbeit einfach wieder an den Frauen hängen. Diese sind «erpressbar, weil sie wissen gelernt haben, dass es viele Dinge gibt, die einfach getan werden müssen, sollen Menschen leben können». Unter diesem Gesichtspunkt kritisiert sie auch die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens.

Man vermisst dabei ein wenig die philosophische Ebene, denn Stichworte fallen dazu reichlich: So hätte zum Beispiel die zitierte Sowjetdissidentin Ágnes Heller mit ihrem Begriff der «Diktatur über die Bedürfnisse» Anlass geboten, das Verhältnis von Arbeit und Leben grundsätzlicher zu befragen, und den ökonomischen Primat als verblüffende Gemeinsamkeit von Vulgärmarxismus und Neoliberalismus zu dekonstruieren.

Doch lässt sie sich, und das ist das Kerngeschäft der feministischen Ökonomin, nicht weiter auf utopisches Theoretisieren ein. Stattdessen vermittelt sie in klarster Pragmatik, was so unglaublich schief läuft in der politischen Gegenwart: Kapitalismus ist ein Versprechen für eine Zukunft, jeder Kredit ist eine Investition in die Zukunft (oder sollte dazu dienen). Greift stattdessen die Perspektivenlosigkeit um sich, ist das System dysfunktional. Wir sägen am eigenen Ast. Das Politische steht also unweigerlich im Zentrum des Ökonomischen.

…und die Männer laufen Amok

Das Buch «Quer denken: Mascha Madörin» beginnt mit einem biographischen Grusswort des Soziologen Ueli Mäder und Erinnerungen der Ethnologin Barbara Müller an Madörins Anti-Apartheid-Engagement. Res Strehle definiert Mascha Madörin als Lionel Messi der FinanzplatzkritikerInnen, da sie zu den wenigen zählt, die alles kann. Dies als Einleitung zu äusserst lobenden Worten über ihre Zeit bei der AFP (Aktion Finanzplatz Schweiz) und die Erinnerung an eine Diskussionsveranstaltung in den neunziger Jahren, bei welcher die Ökonomin als eine der Ersten in der linken Szene «auf das gefährliche Amokpotential des in seinen Privilegien bedrohten Mannes» hingewiesen hat.

Autorin Annette Hug würdigt im Buch Madörins Beitrag zum Aufdecken blinder Stellen der Wirtschaftstheorie, und Woz-Redaktor Stefan Howald schliesst mit einem Portrait der Quer-Denkerin, die das Wesentliche nie aus den Augen verlor: «das soziale Glück der Menschen und die ihm entgegenstehenden Machtverhältnisse». Abgerundet wird der schöne Band mit einem längeren Interview und einer ausführlichen Bibliographie, die Madörins Studien, Zeitungsartikel und Bücher ab 1981 nachzeichnet. So ist die verdiente Würdigung eine Anregung zu kritischem Denken und nicht zuletzt: eine Geschichtslektion, deren Protagonistin mehr denn je dahin zeigt, wo es brennt.

«Quer denken: Mascha Madörin», herausgegeben von Bettina Dyttrich und Stefan Howald, Edition 8 Zürich 2016, Fr. 29.-. Erhältlich bei der Woz, beim Verlag Edition 8 und bei der Buchhandlung deines Vertrauens.

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