, 16. Juli 2019
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Dem Strukturwandel auf der Spur

Vier Wochen haben sich Studierende der Universität Basel und der University of Namibia sowie junge Berufstätige in einem Austauschprojekt mit dem Strukturwandel in Kleinstädten und deren Hinterland befasst. In Oranjemund, Herisau, Appenzell und La Chaux-de-Fonds.

Nebliger Ausblick: Die Austauschgruppe auf dem Hohen Kasten. (Bilder: Julia Kubik)

Austauschprojekte verlaufen oft relativ einseitig – noch immer ist es die viel häufigere Praxis, dass Europäerinnen zu Forschungszwecken nach Afrika reisen, nicht umgekehrt.

Das ist einer der Gründe, weshalb das gemeinsame Projekt «Learning for (Ex)change» der Universitäten Basel und Namibia entstand. Es zielt darauf ab, den Austausch gleichberechtigt zu gestalten. Genauso lange wie die Studierenden der Schweiz sich mit Namibia befassen, beobachten die namibischen Studierenden anschliessend die Schweiz. An beiden Orten werden Fragen zum laufenden und vergangenen Strukturwandel gestellt.

Die Diamantenstadt

Oranjemund liegt im Süden Namibias, auf der Nordseite der Orange River-Mündung. Das Nordufer des Flusses bildet gleichzeitig die Grenze zu Südafrika. Die Stadt wurde in den 1930er-Jahren als Lager für Diamantminenarbeiter gebaut und war bis 2011 im Privatbesitz des Diamantenkonzerns Namdeb. Von oben betrachtet ist die Stadt eine überraschend grüne Fläche mitten in der Wüste.

Öff. Präsentation der ersten Feldforschungsergebnisse:
16. Juli, 17.30 Uhr, Haus Erika, Gonten

Unter der früheren Besatzung Namibias durch Apartheid-Südafrika wurde Oranjemund zu einem Zentrum der Wanderarbeit: Für den Betrieb der Mine wurden tausende von Arbeitern in Nordnamibia rekrutiert und nach Oranjemund gebracht. Die meisten von ihnen mussten ihre Familien zurücklassen. Für weisse Arbeiter war es häufiger möglich, sie mitzubringen. Bis heute sieht man in der ganzen Stadt die Spuren der Apartheid. Gute Infrastruktur, Freizeitangebote und Zugang zu diversen Gütern stand den Weissen zu. Sportclubs, Häuser und Friedhöfe waren nach Hautfarbe getrennt.

Mit zunehmender Verlagerung der Diamantenförderung in den Atlantik und den damit verbundenen Plänen, das Diamantensperrgebiet in einen Nationalpark umzuwandeln, wurde Oranjemund vor zwei Jahren zu einer öffentlichen Stadt. Seit Oktober 2017 ist sie frei zugänglich. Zuvor konnte man sie nur mit einer Sonderbewilligung betreten, wenn man nicht dort wohnte. Noch ist unklar, ob und wann die Mine endgültig schliesst. Bis heute bildet sie den Hauptwirtschaftszweig für Oranjemund. Die Frage, wie die Stadt ohne Mine überleben könnte, bleibt offen.

Man sagt, alle können in Oranjemund einen Diamanten finden. Aber es wäre besser, ihn sofort ins Meer zu werfen oder liegen zu lassen, da es strikt verboten ist, als Privatperson Diamanten aus diesem Gebiet mitzunehmen.

Um mehr über mögliche Entwicklungen in der Region herauszufinden, setzten sich die Sudierenden in fünf Gruppen mit verschiedenen Schwerpunkten auseinander: Food production, Main economic sector(s), Built environment/Infrastructure, Toursim und Future and Visions.

Ebenfalls Teil dieser Gruppen waren fünf «Young Professionals»; Personen zwischen 23 und 30 mit verschiedenen Berufserfahrungen und jeweiligem Lokalbezug. Zwei aus der Schweiz, zwei aus Oranjemund und eine junge Berufstätige aus Windhoek, die in Oranjemund aufwuchs. Ziel dieser Einbindung war die gegenseitige Inspiration; ein neuer, eher praktischer Blick auf Kleinstädte für die Studierenden und akademische Inputs für die Young Professionals. Die Fachbereiche der Studierenden setzen sich zusammen aus African Studies, Geschichte, Geografie, Tourismus und Umweltwissenschaften.

Die Built Environment/Infrastructure-Gruppe präsentiert ihre Ergebnisse.

Die Tage in Oranjemund gingen schnell vorbei – zum einen, weil gerade Winter ist in Namibia und ab 17.30 Uhr optisch die Nacht beginnt, zum andern, weil unser Domizil in Windhoek war, was zweimal zwei Tage Busfahrt bedeutete und somit nur noch sieben eigentliche Oranjemund-Tage übrig blieben. Diese wurden mit Interviews, Umlandserkundungen und Stadtstreifzügen gefüllt. Am letzten Abend fanden Präsentationen der vorläufigen Beobachtungen der Gruppen statt, vor einer kleinen, interessierten Öffentlichkeit im Zentrum von Oranjemund.

Über- und Untertourismus

Am 9. Juli ging es weiter mit Teil zwei der Gruppenarbeit in der Schweiz, der mit einem Crashkurs über Appenzeller Geografie und Geschichte an der Universität in Basel begann. Seither bewohnt die Gruppe ein Haus in Gonten, von wo aus sich ebenfalls viele Erkundungstouren machen lassen.

Die Gruppen und Themen bleiben gleich, die Bedingungen und Ausprägungen des Strukturwandels sind aber sehr verschieden. Der grösste Wandel im Appenzellerland geschah schon lange – er begann mit dem Niedergang der Textilindustrie und der Handstickerei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber auch die Reaktionen auf den Wandel sind sehr unterschiedlich.

Zwar setzen sowohl Appenzell als auch Oranjemund zum Beispiel auf Tourisms, aber während dieser Wirtschaftszweig in Oranjemund von Grund auf neu geschaffen werden musste, kann Appenzell auf eine lange Geschichte von Kur- und Bädertoursimus aufbauen. Ausserdem sind die finanziellen und staatlichen Unterstützungen in Oranjemund minimal und die Distanzen zu Städten riesig. Während in Appenzell zur Hauptsaison beinahe ein Überinteresse und -Angebot besteht, gibt es in Oranjemund noch keinen erwähnenswerten Tourismus.

Was für neue Erkenntnisse und Erfahrungen hinzukamen und welche Vergleiche trotz aller Unterschiede sinnvoll sind, wird sich zeigen – spätestens am 16. Juli. Dann findet im Haus Erika in Gonten die zweite öffentliche Präsentation statt – alle sind herzlich willkommen. Anschliessend geht es für die letzten drei Tage weiter nach La Chaux-de-Fonds, wo der Rückgang der Uhrenindustrie in den 1970er-Jahren bis heute grosse Auswirkungen auf die Stadt hat.

Julia Kubik ist Saiten-Comiczeichnerin und Autorin und war in diesem Projekt als Young Professional beteiligt.

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