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Den Traum begraben. Und Neues wagen.

Braucht St.Gallen eine Hochschule der Künste? Eine Fachhochschule mit Fokus auf Digitale Medien? Oder sollte man wegkommen vom 
Akademischen und stattdessen die Weiterbildung stärken und ein «interkulturelles» Haus aufbauen? Eine Auslegeordnung.
Von  Corinne Riedener
Die Bilder zum Dezemberheft hat Herbert Weber gemacht. Obiges heisst Präsentation Zwischenstand Kulturkonzept.

Kulturförderung beginnt bei der Bildung. Die Kunstgewerbeschule bildete früher Schaufenstergestalterinnen, Fotografen, Goldschmiede, Grafikerinnen, Mode- oder Textilzeicher aus – fast 30 gestalterische Berufe konnte man in St.Gallen erlernen. Heute sind es noch etwa ein Dutzend. 1964 wurden der gestalterische Vorkurs und die Fachklasse Grafik eingeführt. Mit grossem Erfolg. Damals befand sich die Schule am Blumenbergplatz, viele regional bekannte Persönlichkeiten haben dort unterrichtet, so auch Köbi Lämmler (dessen Brunnen heute auf dem neuen Kornhausplatz beim Bahnhof steht) oder der Architekt Max Graf (mehr dazu in der Saiten-Ausgabe vom Mai 2015, «Neue Grafik im Osten»).

2003 übernahm der Kanton die Trägerschaft der gewerblichen Berufsschulen und damit auch die mittlerweile in Schule für Gestaltung (SfG) umbenannte Kunstgewerbeschule. Das gab Proteste: Man befürchtete zu hohe Ausbildungskosten bzw. einen Abbau der Schule für Gestaltung und forderte stattdessen einen Ausbau zur Fachhochschule. Massgeblich daran beteiligt war die Gruppe Gestaltung und Kunst (GUK), die aus rund 200 Personen bestand.

Als der Kanton die Schule für Gestaltung vier Jahre später in die Bereiche Grund- und Weiterbildung unterteilte, folgte die nächste Protestwelle. Und die Befürchtungen in Sachen Schulgeld bewahrheiteten sich: Früher kostete der Vorkurs für Städterinnen 3300 und für Auswärtige 6600 Franken, heute zahlen Jugendliche aus dem Kanton St.Gallen 4200 Franken für die einjährige Vollzeitausbildung (Auswärtige 18’500.–) und Erwachsene aus dem Kanton 6500 Franken.

Als 2013 Thomas Gerig, der Leiter der Weiterbildung, entlassen wurde, weil er sich öffentlich gegen die höheren Vorkursgebühren eingesetzt hatte, stand die Schule für Gestaltung erneut im Fokus der Öffentlichkeit. Im Dezember rückte «die Kultur» in der Lokremise zusammen und gründete den «Freundeskreis» der Schule für Gestaltung. Gastgeber war Josef Felix Müller, heute Präsident des Berufsverbands für visuelle Kunst Visarte Schweiz. Er wünscht sich seit jeher «eine starke Kulturlobby und mehr gegenseitigen Austausch».

Auch die alte Diskussion, ob es einen Fachhochschulstatus brauche oder ob die Höhere Fachschule ausreiche, wurde an diesem Anlass wieder geführt. Überhaupt war das Schulkonzept ein grosses Thema: Selbständige Kunstschule anstreben oder weiterhin Teil der Gewerblichen Berufsschule GBS sein? Den Schulterschluss mit anderen Künsten wagen? Das Schulhaus Riethüsli sanieren oder doch (den von Thomas Gerigs damaligem Team angedachten) Umzug ins Zeughaus fordern?

Der Traum von der Hochschule im eigenen Haus

Auch im vergangenen August, an der ersten Forumsveranstaltung zum neuen städtischen Kulturkonzept, an der rund 160 Kulturmenschen teilgenommen haben, wurde dieser Ball wieder aufgenommen: Viele wünschen sich eine Hochschule der Künste. Der Brain Drain wird beklagt, die Abwanderung der Jungen, der Verlust der Jazzschule, das Fehlen einer Kunsthochschule, eines Konservatoriums, einer Philosophischen Fakultät. Das ist die vehementeste Zukunftshoffnung: eine Hochschule der Künste, eine Fachhochschule für Gestaltung, ein wie auch immer geartetes Zentrum für kulturelle Bildung.

Immer wieder kommt die Diskussion auf das Zeughaus. Die Künstlerin Lika Nüssli träumt von einer «offenen Kaserne für die Kulturarmee», von einem Ort, «wo man sich trifft und der möglichst verbunden ist mit der ganzen Welt». Sie hofft, dass irgendwann die Schule für Gestaltung im Zeughaus einzieht. Nüssli sähe da auch eine Chance für exotische Fachrichtungen, beispielsweise einen Comic-Lehrgang, den es bis anhin nur in Genf gibt, oder: eine Fachhochschule, die auf Digitale Medien setzt.

Machen wir das Gedankenspiel: Eine (Fach-)Hochschule für Visuelle Kommunikation oder Typografie zu lancieren, haben wir definitiv verpasst. Diese Sparten sind nach Zürich, Basel oder Lausanne abgewandert. Aber es gibt in der «Wirtschaftsregion St.Gallen» seit einiger Zeit Bestrebungen, die IT-Branche zu stärken. Knapp 2000 ICT-Unternehmen beschäftigen rund 20’000 Personen, behauptet der Verein «IT St.Gallen rockt». Warum also nicht prüfen, ob in St.Gallen Fachhochschul-Studiengänge in Game Design oder Interactive Media Design Platz finden könnten? Die Zukunft wird eine Vielzahl neuer Berufe mit sich bringen, die sich an der Schnittstelle von Gestaltung und digitaler Technologie bewegen.

Chance Quereinstieg

Nun kann man argumentieren, dass es nebst der gut besuchten Berufslehre Interactive Media Design bereits eine entsprechende HF-Weiterbildung gibt an der Schule für Gestaltung und es eine solche Ausbildung nicht auch noch auf Hochschulebene braucht. Und dass ein Hochschulstudium eine Matura bedingt, sprich zur weiteren Akademisierung der kreativen Berufe beiträgt.

Aber: Besagte dreijährige berufsbegleitende HF-Weiterbildung Interactive Media Design kostet aktuell 2800 Franken pro Semester oder total 16’800 Franken. Dazu kommen die Materialkosten von 200 Franken pro Semester und eine Prüfungsgebühr von insgesamt 2000 Franken. Gäbe es dasselbe als Hochschulstudium, würden die Ausbildungskosten grösstenteils von der Öffentlichen Hand getragen. Letztlich ist das eine politische Entscheidung, klar, aber Bildung darf nunmal nicht den Vermögenden vorbehalten sein.

Eine Fachhochschule bediene eine ganz andere Klientel als eine Höhere Fachschule wie jene im Riethüsli, gibt Kathrin Lettner, Leiterin der Abteilung Weiterbildung an der SfG, zu bedenken. «Ich finde, dass die Höhere Fachschule hier in der Region eine grosse Berechtigung hat. Das ist, neben unserer Curriculums- und Dozentenqualität, ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. Wir werden weitherum gelobt für unser duales Bildungssystem.» Natürlich seien Fachhochschulen ein interessantes Modell, «aber gibt es auch für beide Bildungswege ausreichend Nachfrage?»

Josef Felix Müller winkt ab. Er sagt, dass man den Traum einer Hochschule der Künste in St.Gallen begraben soll. «Es ist schlicht gelaufen. Das tönt hart, aber es ist so.» In der Schweiz gebe es bereits fünf sehr etablierte derartige Zentren, und fast überall habe man zum Teil Mühe, die Klassen zu füllen, Nachwuchs zu finden.

Ein radikal anderer Ansatz

Fassen wir zusammen: Die Schule für Gestaltung FKA Kunstgewerbeschule ist längst nicht mehr das, was sie einmal war. Sie ist Teil des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums und atmet dementsprechend den Geist der Realwirtschaft. Im Riethüsli wird nicht die ganze Nacht bei Rotwein über das «schöne Leben» sinniert, dort geht es zuerst ums Endprodukt und erst dann um die Kunst. Ausserdem ist eine Weiterbildung dort ziemlich teuer.

Aus diesen und anderen Gründen träumt man in der St.Galler Kulturszene immer wieder von einem eigenen Haus, von einer Hochschule, wo all die vielen Künstlerinnen und Künstler endlich eine Heimat finden und nicht mehr nach Zürich, Luzern, Basel, Bern, Genf oder ins Ausland müssten, um das volle Potenzial ihrer Brains auszuschöpfen. Andererseits hat man auch andernorts Mühe, die Bachelor- und Masterklassen der Künste zu füllen. Und irgendwie ist man in St.Gallen schon auch stolz auf das duale Bildungsmodell und die Möglichkeiten zum Quereinstieg.

Also, was bleibt? Erstens, die Weiterbildung verstärken: Neue Lehrgänge erfinden und anbieten, gerade im Bereich Digitale Medien. Und gleichzeitig die Kosten senken, die Weiterbildungen gleich subventionieren wie Bachelor- und Masterstudiengänge. Zweitens, wegkommen vom Akademisierungswahn. «Wir müssten einen Ort schaffen, der radikal anders ist», sagt Josef Felix Müller, der auch Präsident der Kommission des HF-Lehrgangs Bildende Kunst an der SfG ist. «Es bräuchte ein Haus, wo alle ein und aus gehen, mit oder ohne Hochschulabschluss. Wo gemalt, gefilmt, nachgedacht, fotografiert, inszeniert, politisiert, spintisiert, getanzt, kritisiert, musiziert und visagiert wird. Ein Haus, in dem eine multikulturelle – im Sinn von spartenübergreifend – Atmosphäre herrscht, die auch von aussen spürbar ist.»

Das Hyperwerk in Basel ist so ein Ort. Zwar auch akademisch geprägt, aber immerhin wild durcheinandergewürfelt, was die Sparten angeht. Da sitzen Grafikerinnen mit Robotik-Freaks neben einem 3D-Drucker und unterhalten sich über das Theaterstück ihrer Kommilitonin. Verkürzt gesagt. Und man hat das Gefühl, die machen dort alle ein bisschen, was sie wollen. Aber man lässt sie und sie machen es verdammt gut. Der erste Satz dieses Texts ist darum nur die halbe Wahrheit. Kulturförderung beginnt auch bei den Freiräumen.

Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.

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Marcel Baur,  

"Da sitzen Grafikerinnen mit Robotik-Freaks neben einem 3D-Drucker und unterhalten sich über das Theaterstück ihrer Kommilitonin."
Genau so stelle ich mir eine höhere Schule im Bereich Kultur vor.
Ein Beruf fehlt mir aber noch. Es ist der der GamedesignerInnen
Da steckt alles drin. Vom Design über Prorammierung bis hin zur Dramatik inkl. musikalischer Untermalung.
Für mich der kompletteste Beruf in dieser Richtung.
Weshalb er in St.Gallen nicht mehr gefördert wird, will mir nicht in den Kopf.
Und ja, gebt der Schule endlich das Zeughaus! Doofes politisches Geplänkel. Völlig unnötig

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