Es mag absurd sein, wenn ausgerechnet ein Vielschwätzer wie ich über René Oberholzer schreibt. Denn Oberholzer ist das Gegenteil eines Vielschwätzers. Er ist eher ein Heimlifeis mit lakonischen Geschichten. Ein lyrisches Orakel. Einer, dessen Sätze und Wendungen man seitenweise interpretieren könnte, wenn man denn wollte. Der schreibt, «Man sollte den Geschichten nicht mehr Zeilen geben/ sondern den Zeilen mehr Geschichten», und das selber ernst meint. Als Gegenentwurf zu Goethes Axiom, wonach Gedichte «gemalte Fensterscheiben» sind. Aber Absurdes passt zu ihm.
Oberholzer nimmt Geschichten und reduziert sie mit poetischem Skalpell, so lange, bis nichts mehr wegzulassen ist. Nicht einmal Satzzeichen. Das macht ihn zu einem der wenigen konsequenten Ostschweizer Lyriker. Wobei: Lyriker sei er keiner, sagt er. Seine Gedichte sind nicht im Versmass geschrieben, reimen sich nicht, tragen keinen eingeschriebenen Singsang. Dafür eine Spannung in sich, die sich meist erst am Schluss eröffnet – eine Art mehrstrophige Haikus mit kafkaesken Punchlines.
Teamplayer auf Ohrenhöhe
Falls Sie Oberholzer nicht kennen: Er ist ein Kuriosum in der Ostschweizer Literaturszene. Obwohl er seit knapp 30 Jahren Gedichte und Kurzgeschichten schreibt, hat er in der ganzen Zeit gerade einmal vier Bücher veröffentlicht – stattdessen steht er immer wieder auf der Bühne, und das, ohne dabei auf die Slambühne ausweichen zu müssen. Dort war er nur einmal zu sehen – an einem der allerersten überhaupt, im April 2000, im Gaswerk Winterthur. Stattdessen sucht er sich Bühnen, auf denen seine absurden Kurzgeschichten und Gedichte Platz bekommen.
Vor allem aber ist er ein Teamplayer, was gerade in der Literatur eine Seltenheit ist. Seit 14 Jahren betreibt er die Autorengruppe Ohrenhöhe, eine Art literarischer Workshop mit wechselnder Besetzung (derzeit mit Helen Knöpfel und Eva Philipp), die sich alle zwei Wochen trifft, um sich auszutauschen und gemeinsam zu schreiben. Sich dabei immer wieder an den «Stilübungen» des surrealistischen Dichters Raymond Queneau orientiert. Und konstant mit szenischen Lesungen in Erscheinung tritt. Parallel dazu gründete er mit seiner damaligen Partnerin, der inzwischen verstorbenen Schauspielerin und Autorin Aglaja Veteranyi, die Experimentiergruppe «Die Wortpumpe». Und seit er das Internet entdeckt hat, treibt er sich aktiver als viele andere Ostschweizer Schriftsteller auf diversen elektronischen Portalen herum.
Hunde, Kinder, Krieg und Sport
Mit Kein Grund zur Beunruhigung veröffentlicht Oberholzer nun sein erstes Buch seit neun Jahren und seinen ersten Lyrikband seit 2002. Es ist, wenn man das so sagen darf, eine Sammlung von «typischen» Oberholzer-Texten, auch wenn man von der Bühne her eher seine Kürzestgeschichten kennt. Seine Gedichte sind noch reduzierter.
In der ihm eigenen abstrakten Sprache geschrieben – da tummeln sich keine Tierarten und keine Markennamen. Stattdessen Hunde und Vögel. Ein Telefon. Bäume. Menschen, die auf Vornamen reduziert werden, und statt mit grossen psychologischen Backstories ausgestattet, in den Oberholzerschen Wendungen aus ihrer Zweidimensionalität befreit werden. Meist in der letzten Zeile. «Ich verliere die Beherrschung», kann er da in eine serene Bergszenerie werfen. Oder feststellen, dass sowohl ein Baby und ein Handy strahlen, wenn man mit ihnen spricht. Es schaffen, mit sieben Worten auf acht Zeilen die Sprachgefangenheit eines Dementen auszudrücken. Die Toten eines undemokratisch befohlenen Bombenabwurfs in einem undemokratischen Land zu Demokraten zu machen. Und über Gedichte wissen: «Verbrannt /Schmecken sie /Am besten».
Über die 236 Texte leitet er die Lesenden durch diverse Themenblöcke, ohne diese als Kapitel zu kennzeichnen. Die Klammer bilden Liebesgedichte zu Beginn und zum Schluss, dazwischen begegnen uns Hunde, Kinder, Krieg und Sport – der Übergang ist dabei fliessend. Über Beatles und Poesie geht es in die Natur und an den Strand, wo die Liebe wieder auftaucht. Die Texte sind fast ausnahmslos kurz gehalten (ausgerechnet ein Fussballgedicht ist das einzige, das nicht auf einer Seite Platz hat), spielen mit Formen von Einkaufslisten, dem Gebet oder dialektischen Zeilenpaaren – sogar ein Bergsteigerrap ist dabei.
Kein Grund zur Beunruhigung ist kein Buch, das man am Stück durchlesen will. Oder sollte. Wie jede gute Lyrik fordert sie dazu auf, selber zu denken. Bei Oberholzer sowieso. Die falschen Fährten, die er gerne legt und sofort wieder aufsprengt, laden viel eher dazu ein, jeden Tag eines zu lesen. Vielleicht beim Zugfahren. Oder auf einer Parkbank. Oder beim Kaffee. Oder auf dem Klo. Jedenfalls irgendwo, wo man ungestört ist. Denn auch wenn Kein Grund zur Beunruhigung besteht: Fordernd sind seine Texte allemal. Und wert, dass man sich die Zeit dafür nimmt.
René Oberholzer: «Kein Grund zur Beunruhigung», Driesch Verlag, Drösing 2015, Fr. 18.–. Im Buchhandel oder unter reneoberholzer.ch erhältlich.
Buchvernissage: Freitag, 1. Mai, 19.30 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen, Infos: hauptpost.sg
Titelbild: webstories.eu
Dieser Text erschien im Mai-Heft von Saiten.
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