, 27. Juni 2018
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Der Adler des Skanderbeg

Die Fifa hat gesprochen: Es bleibt bei einer Busse für die Doppeladler-Geste von Shaqiri, Xhaka & Co. Gut so. Und trotzdem: Wer andern den Vogel zeigt, erst recht den Adler, hat eine lange Geschichte im Rücken.

Man könne jetzt zum Fussball zurückkehren, heisst die allgemeine Devise nach dem gestrigen Urteilsspruch der Fifa. Und überhaupt habe Fussball mit Politik nichts zu tun. Das war und bleibt der dümmste Satz in einer sonst meist differenziert geführten Debatte.

Was in der ganzen Diskussion am Rand blieb: Der Doppeladler prangt nicht nur im Wappen Albaniens und in der Flagge Kosovos, sondern auch im Staatswappen Serbiens. Auch Russland, Montenegro oder die aus dem Krimkonflikt hervorgegangene selbsternannte Volksrepublik Donezk schmücken sich mit ihm. Das liegt daran, dass der Doppeladler das Wahrzeichen des Byzanthinischen Reichs war: Von dort kam er in die slawischen Länder. Das Heilige Römische Reich übernahm ihn gleichfalls, von 1433 bis 1871, als ihn Deutschland durch den einköpfigen Adler ersetzte. Österreichs Kaiser regierten ihrerseits seit 1804 unter dem Doppeladler.

Aktuell symbolisiert der Doppeladler die Abgrenzung Kosovos gegen Serbien. Historisch aber steht er für deren gemeinsame Abwehr des Osmanischen Reichs.

Der «Osmanenkämpfer»

Die Albaner sind zu ihrem Doppeladler handstreichartig gekommen, nämlich über Nacht im November 1443. Das kam so: Ihr Anführer Fürst Georg Kastrioti, unter seinem osmanischen Ehrentitel Iskander Bey oder Skanderbeg bis heute Albaniens Nationalheld, war bis dahin als Vasall des Sultans gegen das christliche Abendland zu Feld gezogen. Jetzt, nach einem Sieg der Ungarn über die Osmanen in der Schlacht von Nis, wechselte er die Front, trickste sich in den Besitz der Festung von Kruja im heutigen Albanien zurück, die früher im Familienbesitz der Kastrioti gewesen war, brachte seine osmanischen Kontrahenten um, wechselte zum Katholizismus und ersetzte die Flagge mit dem Halbmond durch die Fahne der Kastrioten: den doppelköpfigen schwarzen Adler auf rotem Feld.

Skanderbeg-Statue in Tirana.

In den folgenden Jahren erwarb Skanderbeg in zahllosen Schlachten seinen legendären Ruf als «Osmanenkämpfer». Er fügte den Sultanen Murad II. und Mehmed II. diverse Niederlagen bei und kompensierte damit unter anderem die Katastrophe von 1389 – damals hatten auf dem Amselfeld (Kosovo polje) die Serben unter Fürst Lazar die «Mutter aller Schlachten» gegen die Osmanen geschlagen. Die beiden Heerführer, Fürst Lazar und Sultan Murad I., kamen dabei um, das Gemetzel endete ohne eindeutigen Sieger, schwächte die Serben aber entscheidend.

Der Vidovdan, der Jahrestag der Schlacht (28. Juni nach ostkirchlichem Kalender), ist bis heute der wichtigste Feiertag in Serbien, und Lazars Märtyrertum wurde zentral für die serbische Mythenbildung. Der komplexe, zwischen Triumph und Trauma schwankende Mythos Amselfeld erklärt auch, weshalb für die Serben der Verlust des Kosovo und dessen Unabhängigkeit bis heute so schwer zu akzeptieren ist.

Skanderbegs Widerstand gegen das übermächtige osmanische Reich blieb seinerseits vergebens; die Osmanen eroberten nach und nach den ganzen südlichen Balkan inklusive Bosnien, Albanien blieb bis 1912 türkisch.

Alles ewig lang vorbei? Der kosovarische und albanische Doppeladler hat 25 Federn – so viele, wie Skanderbeg Schlachten gegen die Osmanen geschlagen hatte. Und die zahllosen Statuen von Skanderbeg in albanischen und von Lazar in serbischen Städten halten die Erinnerung wach.

Der Fluch des Nationalen

So absurd es einerseits sein mag, heutige Fussballer-Allüren auf mittelalterliche Machtkämpfe zurückzuführen, so sehr gilt andrerseits, dass für die späteren Prozesse des «nation building» damals entscheidende Grundsteine gelegt worden sind. Wie sich die Eidgenossenschaft (fast) unhinterfragt auf 1291 zurückrechnet, so Serbien auf 1389 oder Albanien auf ein noch früheres, in den Grenzen loses und legendenumwobenes Reich der Skipetaren oder gar Illyrer.

Auf dem Balkan haben sich Europas Grossmächte und Kirchen seit der Völkerwanderung religiös und national ausgetobt; daran sollte denken, wer den Serben und den Kosovaren ihren Nationalismus vorwirft. Das heisst aber auch: Gesten wie der Doppeladler können nicht als unpolitische «Affekthandlung» banalisiert werden. Die Familiengeschichte der Shaqiri oder Xhaka ist auch ein Stück europäischer Krisengeschichte. Mag sein, dass sie selber die Geste harmloser als Ausdruck ihrer Generation sehen. Doch wer andern den Vogel zeigt, erst recht den Adler und erst recht in der exponierten Position eines hochbezahlten Stars, dem die halbe Welt zuschaut, muss wissen, dass er damit Öl ins nationalistische Feuer giesst. Das Private ist politisch.

In den russischen Stadien spielt die Politik unvermeidlich mit – und wird heiss diskutiert. Gleichzeitig wird auf dem Balkan europäische (Flüchtlings-)Politik betrieben – und fast alle nehmen das diskussionslos hin. Das ist der wahre Skandal.

No borders, no nations? Dazu bräuchte es eine Abkehr vom Nationalkonzept, das durch «völkerverbindende» Sportgrossanlässe wie die Fussball-WM weiter zementiert wird. Solange die Staatengemeinschaft die inter-nationalistische Wende nicht schafft, solange müssen wir uns nicht wundern, wenn in den Stadien die nationalen Emotionen hochkochen oder geköchelt werden.

 

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