, 8. Mai 2019
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Der Amtstubenstreuner tritt ab

Marcel Mayer hat das Archiv der politischen Gemeinde St.Gallen 1986 aufgebaut und bis heute geleitet. Im Interview zu seiner Pensionierung spricht der St.Galler über seine Affinität für das Britische, die St.Galler Mentalität und die erste Schreibmaschine in der Stadtverwaltung.

Marcel Mayer an einem seiner letzten offiziellen Arbeitstage im Stadtarchiv St.Gallen. (Bild: hrt)

Heute wird Stadtarchivar Marcel Mayer offiziell verabschiedet. 1986 hat der gebürtige Ganterschwiler das Archiv der politischen Gemeinde St.Gallen aufgebaut, das seither parallel zum Archiv der Ortsbürgergemeinde betrieben wird. Der Historiker mit sozialgeschichtlicher Ausrichtung hat in seiner Amtszeit nicht nur Verwaltungsakten inventarisiert, sondern auch viel publiziert. Nun übergibt er seinen Posten Thomas Ryser. Saiten hat Marcel Mayer zum Interview getroffen.

Saiten: Archive gelten als muffige Kellerlöcher, in denen es eigentlich immer ein paar Grad zu kalt ist zum Arbeiten. Warum wird man trotzdem Archivar?

Marcel Mayer: Wie überall gab es auch bei mir einen entscheidenden Punkt im Leben. Während des Studiums in Basel hatte ich längere Zeit noch mit der Archäologie geliebäugelt und schon seit der Kantizeit an verschiedenen Ausgrabungen schweizweit teilgenommen. Dann waren es aber mein fabelhafter Dozent Markus Mattmüller, neben Rudolf Braun und Erich Gruner einer der wichtigsten Wegbereiter der Sozialgeschichte in der Deutschschweiz, sowie der damalige Basler Staatsarchivar Andreas Stähelin, die mich für die Archivarbeit begeisterten.

Wie ist ihnen das gelungen?

Mattmüller hat ein Seminar im Basler Staatsarchiv zur Zunftrevolution 1691 durchgeführt. Das hat mir den Ärmel für die Archivarbeit reingenommen. Also habe ich einige hilfswissenschaftliche Kurse belegt, Paläografie, und so weiter. Die schlimmste Schrift, die ich je lesen musste, war aber gar nicht so alt. Es war die Handschrift des einstigen St.Galler Polizeikommandanten Zuppinger. Dieser hatte viel geschrieben und ausserdem ein Faible für Statistiken. Aber eben auch eine Saupfote. Selbst dem Stadtrat war es damals – etwas nach 1900 – irgendwann zu blöd, Zuppingers Klaue weiter entziffern zu müssen, und beschaffte darum die erste Schreibmaschine der St.Galler Stadtverwaltung.

Sie sind also nach dem Studium nach St.Gallen zurückgekommen. Nicht gerade eine Hochburg der Sozialhistoriker.

Heute wäre ich vielleicht Gender- oder Umwelthistoriker geworden. Aber als Historiker wurde ich in den 1970er-Jahren sozialisiert, da waren Wirtschafts- und Sozialgeschichte hoch im Kurs. Man wollte weg von der Geschichte der grossen Männer, die in grossen Schlachten grosse Nationen hervorbrachten. Meine Liz-Arbeit habe ich über den Niedergang des Leinwandgewerbes im 18. Jahrhundert geschrieben, eine Regionalstudie für Mattmüller. Meine Dissertation verfasste ich zur Lebenssituation von Insassen in St.Galler Anstalten wie dem Heiliggeistspital, dem Zucht- und dem Waisenhaus, ebenfalls im 18. Jahrhundert.

Die 1970er-Jahre waren eine bewegte Zeit, gerade an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Haben Sie sich politisch engagiert?

Ich komme aus einer Ganterschwiler FDP-Familie. Mein Vater und mein Onkel hatten eine kleine Konfektionsfabrik. Ich habe aber immer mit den Linken sympathisiert. Seit den frühen 1980ern bin ich SP-Parteimitglied, anfangs noch aktiv in der Ortsgruppe, jetzt Passivmitglied. Eine politische Karriere stand für mich ausser Frage. Da muss man immer und zu allem sofort eine Meinung haben. Als Historiker lege ich mir meine Argumente gerne sorgfältig zurecht. Eine gesittete Diskussion beim Kaffee ist mir lieber als die harte Überzeugungsdebatte.

Sind Ihnen die Debatten zu ideologisch geprägt?

Ich bin nicht immer auf Parteilinie. Mich stören Denkverbote und das Festhalten an der reinen Lehre. Ich bin Mitglied der städtischen Namenskommission. Wir haben vor kurzem jenem Platz, auf dem die Spital-, die Brühl- und die Kugelgasse zusammenkommen, den Namen Scherrer-Platz verliehen. Im Gedächtnis an den Stadtammann Eduar Scherrer, der 1918 die Gemeinden zu «Gross-St.Gallen» zusammengeführt hatte. Aber auch für die Künstlerin Hedwig Scherrer oder den Atomphysiker und CERN-Mitgründer Paul Scherrer. Wegen letzterem kam dann der Vorwurf, man verherrliche damit die Atomenergie und die Atomwaffen, beides ist ja gemeinhin des Teufels. Zu glauben, Paul Scherrer habe sich mit seinen bahnbrechenden Forschungen Hiroshima oder Tschernobyl gewünscht, wäre absurd. Bei der Benennung der Curiestrasse – die Curies stehen ja gewissermassen am Beginn der modernen Atomphysik – hat schliesslich auch niemand reklamiert.

Sie haben eine Affinität für das Britische. Im Unterhaus wird gelegentlich heftig debattiert. Wäre dies nicht auch für unsere oft drögen Stadt- oder Kantonsratsdebatten inspirierend?

Das House of Commons und dieses unsägliche Zweiparteiensystem sind nun wirklich kein Vorbild für eine zielführende Debatte.

Was gefällt Ihnen an den Inselbewohnern?

Meine Frau hat Anglistik studiert, weshalb wir viel in England sind. Wir haben Verwandte dort. Was mir an den Briten gefällt, ist ihre Selbstironie und wie sie stets locker mit der Unbill des Alltags umgehen. Wenn die Pubs früher dichtmachen, trinken sie dieselbe Menge einfach etwas schneller. Faszinierend ist in England auch die Bausubstanz. Man merkt halt einfach, dass England seit 1066 nicht mehr erobert wurde.

Als Stadtarchivar können Sie das abschätzen: Täte den St.Gallern eine britische Lockerheit gut? Woher kommt das st.gallisch Verkrampfte?

Mein Geschichtslehrer an der Kanti am Burggraben, Ernst Ehrenzeller, hat es mal so ausgedrückt: «Man kann die ‹St.Galler› nur verstehen, wenn man sich das tief in den Knochen sitzende Krisenerlebnis vergegenwärtigt.» St.Gallen steckte zwischen 1914 und 1948 in der Krise. Es dauerte unglaublich lange, bis man sich vom Niedergang der Stickerei, auf der der gesamte St.Galler Wohlstand und damit auch dessen Selbstverständnis fussten, einigermassen erholt hatte. In der langen Frist betrachtet, war das 19. Jahrhundert von extremem Aufschwung und Grössenwahn geprägt. Ebenso gross war danach der Katzenjammer im 20. Jahrhundert.

Steckt St.Gallen – auch mental– immer noch in diesem Jammertal?

Die Stadtentwicklung ist sicher nicht so schlecht, wie immer geredet wird. Unsere Wirtschaft ist hier besser diversifiziert als etwa in Basel oder Zürich. Nur fehlen bei uns natürlich die grossen Flaggschiffe, wie sie die Boomregionen kennen. Aber beispielsweise die kulturellen Aktivitäten sind für eine 80‘000-Einwohner-Stadt doch sehr bemerkenswert. Auch wenn die Kulturgeldverteilung hin und wieder zu Diskussionen führt: Du kannst hier jeden Abend etwas erleben.

1986 haben Sie das Archiv der politischen Gemeinde aufgebaut und leiteten es jetzt 33 Jahre lang. Wie baut man ein Archiv auf?

Die ersten paar Monate und Jahre streunte ich vor allem in den städtischen Dienststellen umher und inventarisierte alle möglichen Unterlagen. Dort ist erstaunlich viel Aktenmaterial aufbewahrt worden. Später ging es vor allem darum, die Akten zu systematisieren und signieren und zwar so, dass auch mein Nachfolger, Thomas Ryser, die Systematik ohne viel Mühe nachvollziehen kann. Ryser arbeitet derzeit im Archiv der Ortsbürgergemeinde; die Zusammenarbeit mit ortsbürgerlichen Kolleginnen und Kollegen war übrigens immer ausgezeichnet und eine grosse Hilfe.

Als Stadtarchivar können Sie das Geschichtsbild der Stadt massgebend mitprägen. Sie haben den Überblick.

Das ist relativ. Wir sind halt vor allem ein Verwaltungsarchiv, in dem laufend neue Akten dazu kommen. Das hat zwei Folgen: Erstens ist mein Blick durch den vorherrschenden Quellentyp, nämlich amtliche Akten, ziemlich gouvernemental geprägt. Zum Glück gibt es auch noch die privaten Bestände von Vereinen, Parteien, Unternehmen und Einzelpersonen. Zweitens beansprucht es sehr viel Zeit, die Amtsstellen abzuklappern und auszuwählen, was archiviert werden soll. Historische Archive, die weniger Neuzugänge zu erwarten haben, haben es naturgemäss einfacher, ihre Bestände auch auszuwerten.

Dennoch sagen Historikerkollegen über Sie, Sie seien einer der letzten dieser aussterbenden Sorte von Archivaren, die viel publizieren. Sie haben immer wieder geschrieben, etwa über das erste Jahrzehnt von «Gross-St.Gallen» oder dutzende Beiträge im Historischen Lexikon der Schweiz.

Meine Vorgesetzten, das sind die jeweiligen Stadtschreiber, hatten immer viel Verständnis dafür, dass ich hin und wieder zum Schreibstift griff. Otto Bergmann und Manfred Linke liessen einen machen und setzten sich bisweilen auch stark für mich ein. Und das Archiv ist kein Selbstzweck. Auch der Benutzerdienst hat mir immer wieder Spass gemacht, weil da Leute mit für mich komplett neuen Fragestellungen an mich getreten sind. Wichtig war mir auch immer der Austausch mit anderen Archiven und die Verbandstätigkeit. Wenn die Archivare, meist Einzelkämpfer, herauskommen und sich gemeinsam besprechen, merkt man, dass die anderen nur mit Wasser kochen und man mit seinen Problemen nicht alleine dasteht.

Wie steht es um die Digitalisierung des Stadtarchivs und damit letztlich um die Zugriffsmöglichkeit der Bevölkerung auf ihre eigene Geschichte?

Ich bin zugegebenermassen ein technisch eher unbedarfter Mensch. Unsere Online-Findmittel sind sicher noch ausbaufähig. Mit Christian Eugster arbeitet bei uns bereits ein Historiker mit sehr grossen EDV-Kenntnissen. Durch die Zusammenarbeit mit ihm musste ich mir zwangsläufig einiges an technisch-informatischem Wissen aneignen. Er und Thomas Ryser werden das Thema Digitalisierung sicherlich vertiefter angehen.

Und Sie starten jetzt eine Schwimmkarriere?

Ich bleibe wohl bei meinen samstäglichen Längen im Blumenwies. Mich würde wieder mal ein etwas grösseres Schreibprojekt interessieren. Vielleicht etwas in Richtung Geschichte des Service Public anhand der Stadtgeschichte, Abbau des Service Public in den Krisen der 1920er- und 1970er-Jahre, oder so ähnlich. Wenn ich mich dann bald einmal wegen der Hüfte unters Messer lege, habe ich im Spital hoffentlich genug Zeit, um die Fragestellung noch etwas zu schärfen.

1 Kommentar zu Der Amtstubenstreuner tritt ab

  • Lieber Marcel

    Hat je jemand behauptet, „Paul Scherrer habe sich mit seinen bahnbrechenden Forschungen Hiroshima oder Tschernobyl gewünscht“? Und der Vergleich von Pierre & Marie Currie mit Paul Scherrer, wie du ihn ziehst, ist dann doch etwas gewagt: Es ist nicht dasselbe, ob man „am Beginn der Atomphysik steht“ oder ob man auf die Logik der Atombombe und des Atomkriegs einsteigt. Im übrigen ist es ein schönes Interview, und ich wünsche dem Pensionär alles Gute, vor und nach der OP!

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