, 20. Februar 2013
keine Kommentare

Der Bär ist tot – die Wölfe sind es bald auch

Der Abschuss von M13 im Puschlav mag, gemessen an den aktuellen Problemen dieses Landes, eine Bagatelle sein, aber das Bären-Killing gehört zu jenen Ereignissen, wo einen diese bigotte Schweiz, ihre unendlich bedachten Konzepte und die vielen Nullachtfünzehn-Fachleute einfach nur noch ankotzen. Man hat alles im Griff und für alles einen Plan, heisst es. Aber meistens […]

Der Abschuss von M13 im Puschlav mag, gemessen an den aktuellen Problemen dieses Landes, eine Bagatelle sein, aber das Bären-Killing gehört zu jenen Ereignissen, wo einen diese bigotte Schweiz, ihre unendlich bedachten Konzepte und die vielen Nullachtfünzehn-Fachleute einfach nur noch ankotzen. Man hat alles im Griff und für alles einen Plan, heisst es. Aber meistens funktionierts nicht, und der Overkill ist die Konsequenz daraus.

Seit 2006 haben acht Bären die Schweiz besucht. Zwei davon – JJ3 und M13 – wurden abgeknallt, die anderen sind glücklicherweise wieder weggezogen. Zuerst hat man die Rückkehr der Grossraubtiere als Erfolg der Renaturierungsmassnahmen im Land gefeiert und ein teures, ausgeklügeltes Bärenkonzept erstellt. Danach sind die Petze touristisch und medial vermarktet worden, bis ganze Heerscharen von Städtern ins Bündnerland zur Foto- und Filmjagd aufbrachen. Dann musste man den Blödianen klar machen, dass das keine Teddys sind, die hier auf Besuch weilen, sondern Grossraubtiere, die auch mal unangenehm zulangen können, wenn man ihnen zu nahe tritt. – In Italien, in den Balkanländern, in Spanien, Polen und in der Ukraine klappt das mit den Bären, und ihre Anwesenheit ist völlig normal, nur in der Schweiz nicht. Warum? Vielleicht ist unser Land zu kleinräumig, und die Wildspezialisten merken das nicht und glauben die Sache auf der Konzeptebene lösen zu können. Nur, die Bären und andere zurückgekehrte Grossraubtiere wollen sich partout den ausgeklügelten Plänen nicht fügen.

Im Präventionsland Schweiz ist eine Gefährlichkeitsskala nach dem System Fussballrowdys aufgestellt worden: Problembär … Risikobär … und Bumm. Das Augenmerk wurde einzig auf das siedlungsnahe oder siedlungsferne Wandern der Petze ausgerichtet und ihre Gummischrotempfindlichkeit. Angriffslust auf Menschen ist jedoch bei keinem der eingewanderten braunen Felltiere auch nur im entferntesten registriert worden. Das wäre ja schon mal ein bedeutender Pluspunkt, aber scheinbar interessiert das nicht.

M13 hatte jetzt das Pech, zweimal vorzeitig aus dem Winterschlaf aufgewacht und in der verständlichen Benommenheit zu nahe an eine Siedlung geraten zu sein. Ein 14jähriges Mädchen soll sich durch seinen Anblick so erschrocken haben, dass es angeblich kurzzeitig in Ohnmacht fiel. – Bären gibt’s halt nicht nur im Zoo, sondern neuerdings auch in der freien Wildbahn einer naturnah aufgestellten Schweiz.

JJ3 wurde ähnlicher Siedlungs-Gwunder zum tödlichen Verhängnis wie M13. Mit dem neuen abgeschossenen Bären hat man nun ein zweites Exponat für das Naturmuseum im Kanton mit der schweizweit höchsten Jäger- und Jägerinnendichte (über 5000). Im Bärenkonzept zwar nicht vorgesehen, aber publikumswirksam allemal.

Der WWF Schweiz kritisiert am erneuten Bären-Killing: „Der Abschuss erfolgte eindeutig zu früh – viel besser hätte man die Vergrämungsmassnahmen intensiviert und fortgeführt.“ Und weiter heisst es beim WWF: „Es kann nicht sein, dass wir streng geschützte Bären töten, nur weil wir unsere Hausaufgaben nicht machen. Langfristig führt kein Weg daran vorbei, dass sich die betroffenen Alpenregionen auf die natürliche Rückwanderung der Grossraubtiere vorbereiten.“

Eine Vorbereitung findet statt, aber in die falsche Richtung. Lautstarke Minderheiten versuchen der Mehrheit aufzunötigen, wie sie mit der Rückwanderung von Grossraubtieren umzugehen hat. So fordern beispielsweise Ostschweizer Schafzüchter seit Wochen, dass die inzwischen vom Calandamassiv ins St. Galler Oberland abgewanderten acht Wölfe dezimiert oder ganz ausgerottet werden. Auf ihr Konto gehen angeblich zwei Schafrisse. – Hier sei die Frage erlaubt: Braucht die Schweiz überhaupt Schafzüchter? Bekanntlich ist die Schurwolle auf unserem Markt nicht absetzbar und wird deshalb kurzerhand verbrannt. Auch Schaffleisch liegt in der Schweiz nicht im Trend. Zudem sind heute die blökenden Rasenmäher in jedem Alpenwinkel anzutreffen. Ökologisch kaum sinnvoll. – Es ist normal, dass wegen der wirtschaftlichen Erfordernissen ganzen Industriebelegschaften gekündigt wird. Aber wehe, man sagt einem Bauern, er solle auf die Schafzucht – sein zweites oder drittes Standbein – verzichten. Das wird als herzloser Anschlag auf die Swissness gewertet.

Bestimmt wird auch der eine oder andere Calanda-Wolf demnächst abgeknallt. Der Nationalrat hat denn auch den Schutz dieser Grossraubtiere, entgegen dem globalen Trend, gelockert. Aber die Nullachtfünfzehn-Wildschutzbeamten werden weiterhin an ihren Wolfs- und Bärenkonzepten basteln und die Politiker bei den zurückgewanderten Grossraubtieren auf die abstruse Gefährlichkeitskala zwischen „Problem“ und „Risiko“ schwören. Dabei wird auch künftig lediglich der siedlungsnahe Aufenthalt dieser Tiere den Ausschlag geben, ob ein Abschuss erfolgen soll, und nicht die Angriffslust auf die Menschen. Dieser Umgang mit zurückgekehrten Grossraubtieren ist wirklich zum Kotzen.
bär m13bär m13

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Impressum

Herausgeber:

 

Verein Saiten
Frongartenstrasse 9
Postfach 556
9004 St. Gallen

 

Telefon: +41 71 222 30 66

 

Redaktion

Corinne Riedener, Peter Surber, Roman Hertler

redaktion@saiten.ch

 

Verlag/Anzeigen

Marc Jenny, Philip Stuber

verlag@saiten.ch

 

Anzeigentarife

siehe Mediadaten

 

Sekretariat

Irene Brodbeck

sekretariat@saiten.ch

 

Kalender

Michael Felix Grieder

kalender@saiten.ch

 

Gestaltung

Samuel Bänziger, Larissa Kasper, Rosario Florio
grafik@saiten.ch

Saiten unterstützen

 

Saiten steht seit über 20 Jahren für kritischen und unabhängigen Journalismus – unterstütze uns dabei.

 

Spenden auf das Postkonto IBAN:

CH87 0900 0000 9016 8856 1

 

Herzlichen Dank!