Eigentlich wollten sie explizit keine Band gründen. Entstanden ist aus dem Nichtvorhaben innert weniger Monate ein hübsches Debütalbum, ausserdem gab es Auftritte am Openair zwischen den Obstbäumen in Steinach und am Rapid Openair in Bonaduz als Bühnenpremieren. (Wenn man den lauschigen Try-out-Abend im «3. Stock» in Herisau vergangenen April nicht mitrechnet.) In ihrer Spielklasse darf man also durchaus von einem Steilstart sprechen.
Es begann harmlos mit ein paar Jamsessions unter langjährigen Freunden. Sam Lutz (Drums) und Albin Efinger (Gitarre, Gesang, Synths, Bass) kennen sich aus Herisau, trafen sich oft an Konzerten, hätten aber aufgrund der persönlichen Vorlieben nie geglaubt, je gemeinsam Musik machen zu können. Sie wagten dennoch den Versuch und riefen – eben weil sie keine Band gründen wollten – eine Reihe einwöchiger Sessions mit ihnen als beständiger Besetzung und wechselnden Gastmusiker:innen ins Leben. Sie trafen sich etwa in der Scheune des alten Herisauer Bauernhauses, in dem Lutz aufgewachsen ist, oder in Ferienhäusern im Tessin und in Engelberg.
Es geigt auch ohne Geigen
Einer, der immer häufiger mitwirkte, war ihr gemeinsamer Freund Emanuel Keller (Gesang, Gitarre, Bass), von Haus aus eher im Reggae als im Rock der härteren Gangart (Lutz) oder im Folk (Efinger) daheim. Hinzu kam bald auch Karin Roth, die aus einer Hemberger Familie, bestehend aus lauter Volksmusikant:innen und einem Bruder mit grossem Flair für Hardcore-Tunes, stammt. Und obwohl sie die mitgebrachte Violine, an der sie sich erst seit Kurzem versuchte, bald wieder beiseitelegte, sollte es rasch geigen mit ihr: Mit Gitarre, Tasten und vor allem ihrem Gesang harmonierte es einfach besser.
Das ehemalige Bauernhaus im Piemont...
... für zwei Wochen umfunktioniert zum Aufnahmestudio. (Bilder: pd)
Der Bandname entstand nach einer Debatte über möglichst sinnfreie Masseinheiten: Pico Lightyear schien ihnen absurd genug – es entspricht dem Billionstel eines Lichtjahrs oder rund 9,5 Kilometer. Nahbar und weit forttragend beschreibt den Folk-Rock-Sound ihres Debütalbums mit seinen feinen Psychedelic- und Alternative-Anflügen eigentlich ganz gut.
Raum für ausufernde Live-Outros
Museum of Changing Memories ist nach einer Zeile eines Songs, der es nicht auf die Platte geschafft hat, benannt. Im Februar 2025 mieteten sich Pico Lightyear für zwei Wochen in ein abgelegenes Haus im Piemont ein und nahmen jeden Tag einen Song auf. Den Lead hat niemand inne, sie arrangieren alles gemeinsam. Die Ideen kommen in unterschiedlichem Reifegrad in die Proben. Dawn etwa ist mit seiner raffinierten Akkordfolge-Idee, die an Radiohead erinnert, auf der progressiveren Seite angesiedelt, ein typischer Efinger-Song, an dem viel gefeilt wurde. All I Can Tell oder Hold Me Close sind dann eher typische Folk-Songs aus Roths Feder. Düsterer wirds bei Blazy Eyes, post-rockiger bei At the Door, auf dem Max Nadig, Lutz’ Bandkollege von Avalanche Prey, als Gast an Gesang und Saiten mittut. Heimliches Highlight ist aber der Opener Where Life Begins, eine vorwärts schunkelnde Folkrock-Ballade, sehr schön eingesungen von Karin Roth.
So beschert uns Museum of Changing Memories den einen oder anderen Handsome-Family-, aber auch Pink-Floyd-Moment. Die meist relativ kurzen Tracks kommen schnell auf den Punkt, ohne sich in Up-tempo-Gefilde zu verirren, und lassen bei Live-Interpretationen viel Raum für ausufernde Outros. Während der Bass an den Proben herumgereicht wird, zupft an Konzerten Dshamilja Maurer, Bassistin der Rheintaler Sängerin Damiana Malie, den Viersaiter. Auch an der Plattentaufe in der Grabenhalle wird sie am Start sein.