«Der Diskurs wird den Radikalen überlassen»

Kerem Adıgüzel betreibt seit über zehn Jahren ein islamisches Wissensportal. Jetzt will er zusammen mit anderen eine progressive Moschee gründen, in der auch Frauen vorbeten dürfen und Imame hinterfragt werden sollen.
Von  Corinne Riedener
Kerem Adıgüzel, fotografiert von Ladina Bischof.

Saiten: Regelmässig wird gefordert, dass sich «die Muslime» klarer vom IS distanzieren sollen. Was empfindest Du dabei?

Kerem Adıgüzel: Solche Kollektiv-Forderungen kommen oft von Personen, die den Islam vor allem aus den Medien kennen und sich nicht vertieft damit auseinandergesetzt haben. Ich kann es aber verstehen, schliesslich ist das Thema hochemotional. Dabei passiert schon viel von muslimischer Seite; es gibt distanzierende Stellungnahmen, ständig werden Positionspapiere geschrieben und Reden gehalten. Nichtsdestotrotz finde ich Distanzierungsaussagen schwierig, denn vor lauter Medienmitteilungen schreiben geht die eigentliche Arbeit unter: die Aufklärung. Es geht doch vielmehr um die Frage, wie die Muslime mit der Tradition ihrer Religion umgehen…

Der IS beruft sich auf eine sehr antiquierte Lesart des Islam.
Ist es also falsch zu sagen, dass der «Islamische Staat» nichts mit dem Islam zu tun hat?

Ja, es hilft weder den Muslimen noch der Gesellschaft als Ganzes. Pauschalisierungen – egal in welche Richtung – sind nicht zielführend. «Islam» ist zuallererst nur ein Begriff. Die Frage ist, wie man ihn deutet und welche Bedeutung der Islam im Alltag hat. Wenn man sich die traditionellen Konservativen im Islam anschaut, ist deren Auslegung ja auch nicht allzu weit weg von jener des unsäglichen IS.

Auf der anderen Seite gibt es Leute wie Dich, die einen progressiven Islam anstreben. Du hast das islamische Wissensportal «alrahman.de» mitaufgebaut: Was bezweckt Ihr damit?

Es braucht dringend neue Narrative und eine breite Diskussion über muslimische Identität. Im Prinzip wollen wir eine «kopernikanische Wende» im Bereich der Religion – weg von der menschenzentrierten Lebensordnung und hin zu einer Gott-zentrierten Ordnung, die den Koran in einem neuen Licht erscheinen lässt. Die ausserkoranischen Quellen, worauf sich die Konservativen vermehrt berufen, sind von Menschen gemacht und für uns theologisch gesehen keine Quellen, höchstens wissenschaftlich-historisch. Diese Haltung ist nicht neu, aber sie ging lange vergessen. Einfach gesagt, wollen wir dem Koran mit kritisch-logischem Denken begegnen und ihn gemeinsam neu auslegen. Dadurch können wir nämlich auch zeigen, dass er vereinbar ist mit der modernen Welt – im Sinn einer humanistisch-säkularen Haltung.

Hast Du ein konkretes Beispiel für diese «Arbeit an der Schrift»?

Nehmen wir das Verhalten gegenüber Andersgläubigen: Das wird in vielen verschiedenen Textstellen thematisiert, die wir auch mithilfe von sprach- und literaturwissenschaftlichen Techniken untersucht haben, um zu einer Aussage zu gelangen. Dabei sind wir zum Schluss gekommen, dass das weltliche Zusammenleben laut Koran primär auf Kernpunkten wie Gerechtigkeit, Fairness und Güte basiert und der Wert eines Menschen nicht an seinen Worten gemessen werden soll, sondern an seinen Taten. Das Glaubensbekenntnis steht also nicht mehr alleine im Vordergrund, so gesehen kann es auch «gottergebene Christen» geben, oder mit der arabischen Umschreibung gesagt: muslimische Christen.

Ihr bekommt sehr viele Rückmeldungen, auch von jungen Salafisten. Etwa zwei Dutzend davon konntet Ihr deradikalisieren. Wie schafft man das?

Fragen stellen und nicht emotional reagieren. Diese Menschen suchen verzweifelt nach einer starken Identität. Man muss ihnen signalisieren, dass man dialogbereit ist und, sofern ihre theologischen Argumente überzeugen, auch bereit wäre, seine eigene Meinung zu ändern. Allerdings muss man für ein solches Streitgespräch wirklich koranfest sein und koranisch wie auch emotional schlüssig argumentieren können – etwas, das ich übrigens auch bei islamischen Theologen vermisse: Viele sind zwar kompetent in der Wissensvermittlung, aber nicht im Erarbeiten neuer Lösungen für die Gegenwart. Es gibt kaum Gelehrte, die beispielsweise über Bioethik, Veganismus, Familienreformen oder Genderfragen im Islam referieren. Vieles wird immer noch patriarchal gedeutet und der Diskurs somit den Radikalen überlassen.

Kerem Adıgüzel, 1987, ist Mathematiker (Uni Zürich) und referiert seit 
über 10 Jahren in muslimischer Theologie, Exegese und islamischem Recht. Er arbeitet als Software-Entwickler und lebt in Romanshorn.
alrahman.de

Um dem entgegenzuwirken, wollt ihr eine offene, inklusive Moschee eröffnen und zu diesem Zweck einen Verein gründen. Wie kam es dazu?

Einerseits wünscht sich unsere Gruppe in Zürich schon länger einen fixen Ort zum Beten, der auch die Infrastruktur für Tagungen und Seminare bietet, andererseits finden wir es traurig, dass die meisten Moscheen heute zu Orten der Rückständigkeit degeneriert sind. Wir wollen die Moschee wieder zu dem machen, was sie ursprünglich war: ein offener Ort der Bildung, der Anbetung Gottes und Aufklärung für alle Menschen. Mit dieser Forderung sind wir auf viele offene Ohren gestossen: Momentan besteht unsere Gruppe aus zahlreichen Frauen und Männern unterschiedlicher Herkunft, dazu gehören Theologen, IslamwissenschaftlerInnen und Pädagogen, aber auch «ganz normale» Studenten und Arbeitstätige aus der Schweiz und aus Deutschland. Momentan sind wir auf der Suche nach einem geeigneten Raum in der Region Bern-Zürich.

Wie sieht das Konzept Eurer Moschee aus?

Wir streben eine auch im Gebet deutschsprachige, offene und inklusive Moschee an, in der auch Frauen vorbeten dürfen. Bei uns soll es keine Rolle spielen, welches Geschlecht, welche sexuelle Orientierung oder welchen kulturellen Hintergrund jemand hat. Diese Vielfalt wollen wir leben – auch im Bewusstsein, dass nicht alle immer gleicher Meinung sein müssen. Primär geht es darum, eine Plattform für Diskussionen und Debatten zu Verfügung zu stellen, wo sich alle logisch-kritisch mit den verschiedenen Aspekten des Islam auseinandersetzen können und die Imamin oder der Imam nicht die Autorität, sondern allen anderen gleichgestellt ist.

Versteht Ihr das Projekt mehr als innerislamisches Forum oder als Vermittlungs- und Imagevehikel für Herr und Frau Schweizer?

Sowohl als auch, denn eine Moschee, die sich nur auf Gleichgesinnte beschränkt, hat diesen Namen in meinen Augen nicht verdient. Andererseits steht natürlich klar die interne Diskussion bzw. Auseinandersetzung im Zentrum. Wenn es zum Beispiel darum geht, dass der Prophet Mohammed angeblich Sex mit einer 9-Jährigen hatte, ist die Frage, ob das stimmt, weniger relevant als die Frage, wer diesen Mythos wann und aus welchen Gründen für sich instrumentalisiert hat. Dafür braucht es wissenschaftliche, theologische und auch historische Erklärungen – nicht in Fachchinesisch, sondern für alle verständlich. Denn nichts ist schlimmer als Gelehrte, die aus ihrem Elfenbeinturm heraus referieren.

Dieses Interview erschien im Sommerheft von Saiten.

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Kerem Adıgüzel,  

Sehr geehrter Herr Hindel, vielen Dank!

Johannes Hindel,  

Sehr interessantes Projekt von Herrn Adigüzel! Man muss sich mit dem jetztig gelebten Islam kritisch auseinandersetzen, indem man gemeinsam diskutiert, andere Meinungen akzeptiert und auf friedlicher und rationaler Basis andere Personen über den richtigen Islam aufklärt unter anderem durch logisch-kritischer Exegese der Offenbarung Gottes. Weiter so !

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FC St.Gal­len vs. Si­on 0:3 – Mer ho­led dä an­der Chü­bel

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Senf

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Bildschirmfoto 2026 05 01 um 19 38 15

«Wir müs­sen Wi­bora­das Ge­schich­te neu er­zäh­len»

In die­sem Jahr fei­ert St.Gal­len den 1100. To­des­tag Wi­bora­das. Ob­wohl die In­klu­sin ei­nen gros­sen Ein­fluss auf die Stadt hat­te, ist sie den we­nigs­ten ein Be­griff. Das soll sich än­dern. Wie dies ge­lin­gen soll und wel­che Be­deu­tung Wi­bora­da heu­te noch hat, er­zäh­len Jo­lan­da Schär­li und Hil­de­gard Aepli vom Ver­ein Wi­bora­da-Ju­bi­lä­um 2026 so­wie Ka­rin K. Büh­ler von der fe­mi­nis­ti­schen Bi­blio­thek Wy­bora­da im Ge­spräch mit Sai­ten.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
2605 Wyborada Laura Tura portrait
Heftvorschau 05/26
Wiborada, Amerikanisch träumen

Dop­pel­tes Ju­bi­lä­um: Im Mai jährt sich das Mar­ty­ri­um der St.Gal­ler Stadt­hei­li­gen Wi­bora­da zum 1100. Mal. Und der Ver­ein Wy­bora­da, der 1987 die gleich­na­mi­ge fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek er­öff­ne­te, fei­ert sein 40-Jahr-Ju­bi­lä­um. Aus­ser­dem im Mai-Heft: Das Ge­spräch zwi­schen Flo­ri­an Vetsch und dem St.Gal­ler Au­tor Chris­toph Kel­ler über des­sen neu­en Ro­man.

Saiten 2605 Cover

Stadt St.Gal­len stellt neu­es Spar­pro­gramm vor

Ab­bau von über 46 Voll­zeit­stel­len in der Ver­wal­tung, Schlies­sung des Volks­ba­des, zu­sätz­li­che Blit­zer für die Stadt­po­li­zei: Mit sol­chen Mass­nah­men will die St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung bis 2029 das jähr­li­che Loch in der Stadt­kas­se um 17,1 Mil­lio­nen Fran­ken re­du­zie­ren.

Von  Reto Voneschen
Rathaussw