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Der Esel kann nicht aus der Haut

«Eseleien» nennt Nathalie Hubler ihren solistischen Fabelabend. Im St.Galler Theater 111 halten Wolf und Schaf, Henne und Pfau, Hund und Esel dem Menschen einen tierischen Spiegel vor in Texten aus 2000 Jahren.
Von  Peter Surber
Nathalie Hubler. (Bilder: Marcel Winter)

Der Esel hat es schwer. Er gilt als störrisch, dumm, uneinsichtig. Aber jetzt hat er sich eine Löwenhaut übergezogen und schlägt sich auf die Brust: Seht her, was für ein Kraftprotz ich bin! Bloss mit der Klugheit will es nicht klappen. Der Rat der schlauen Schlangen, seine Haut auszuziehen, bringt den Esel erst recht in Not: «Dann wäre ich ja wieder der gleiche Esel wie vorher.»

Klugheit fängt an mit Selbsterkenntnis: Mit dieser Moral schliesst die Fabel vom «Esel in der Löwenhaut» des deutschen Germanisten und Autors Helmut Arntzen. Sie bringt die Kunst der Fabeldichtung auf den Punkt und damit auch der Eseleien, die Nathalie Hubler für ihr Soloprogramm im Theater 111 zusammengetragen hat. Schliesslich ist der Mensch am Schöpfungstag zwar weder mit Flügeln noch mit besonderen Körperkräften, aber dafür mit Vernunft ausgestattet worden –  das hat schon der griechische Fabeldichter Babrios gewusst, mit dessen Geschichte «Zeus und der Mensch»  der Abend anfängt. Aber bekanntlich ist es auch zweitausend Jahre später damit nicht so weit her.

Es spektakelt und mirakelt

Grund und Material genug also für anderthalb Stunden Eseleien. Nathalie Hubler nimmt den Esel in ihrem zweiten Fabelprogramm wiederum als Reisebegleiter und Leitmotiv mit auf den Weg. Und stellt ihm einen halben Zoo zur Seite: Dickhäuter, Schlaufüchse und allerhand Horn- und Federvieh halten dem Menschen ihren tierischen Spiegel vor.

Da gackern und summen Mücke und Henne in der Parabel von Günther Anders um die Wette, ob der Löwe jetzt eigentlich komisch summt oder komisch gackert. Lafontaines Pfau plustert sich auf und wird für seine Eitelkeit abgestraft. Lessings Ziegen meckern über die Bühne, Gellerts Kuckuck übt seinen Ego-Ruf, weil kein Mensch seinen Gesang bewundert. Der Wolf nuschelt erbärmlich, nachdem ihn der Esel überlistet und ihm die Zähne ausgeschlagen hat – Selbstüberschätzung gab es offenbar schon zu Aesops Zeiten. Und grandios ist der maulfaule Karpfen, der sich in Heinrich Seidels witzigem Gedicht über das Huhn enerviert, das bei jedem gelegten Ei spektakelt und mirakelt, als habe es gerade die Welt neu erfunden.

Eseleien, 23., 26., 28., 29. und 30. September, 20 Uhr (sonntags 17 Uhr), Theater 111 St.Gallen.

theater111.ch

Virtuos im Guckkasten

Nathalie Hubler spielt, was da alles kreucht und fleucht, mit reduzierter Pantomimik und virtuoser Stimmakrobatik. Ein Fensterrahmen, ein Vorhang, klug geführtes Licht (Boris Knorpp, Anne Meyer), ein paar Töne auf dem Xylophon: Das sind die einfachen Mittel dieser Produktion. Hubler erweitert sie zwei, drei Mal mit Schattenspielen und holt sich zudem zwei sympathische Mitspieler in ihren Guckkasten: einen nicht sehr viven Wolf und einen vorwitzigen jungen Hund.

Diesen könnte man sich auch noch frecher vorstellen – denn die Moral ist, wie es das «Lehrgedicht» an sich hat, meistens simpel und didaktisch, gelegentlich auch allzu plakativ wie im Schattenspiel vom «Holzfäller und Bäumchen» oder in der lokalpolitisch aktualisierten Fassung von Aesops Schimpfrede auf Momos, den Gott des Tadels.

Meist aber erkennt man sich mit Erheiterung – manchmal auch ungern – wieder in den rund dreissig Kurzszenen. Und nimmt herzlichen Anteil am Schicksal des Esels, der es trotz aller Anstrengungen bis zum Schluss nicht aus seiner Eselshaut schafft. Im gnadenlosen «Paradox des Esels» verhungert er gar, weil er sich nicht zwischen den zwei verlockenden Heuhaufen links und rechts entscheiden kann. Die Geschichte, überliefert als «Buridans Esel», ist tausend Jahre alt. Aber so aktuell wie eh und je und wie viele andere «Eseleien» dieses Abends.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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