Der Esel hat es schwer. Er gilt als störrisch, dumm, uneinsichtig. Aber jetzt hat er sich eine Löwenhaut übergezogen und schlägt sich auf die Brust: Seht her, was für ein Kraftprotz ich bin! Bloss mit der Klugheit will es nicht klappen. Der Rat der schlauen Schlangen, seine Haut auszuziehen, bringt den Esel erst recht in Not: «Dann wäre ich ja wieder der gleiche Esel wie vorher.»
Klugheit fängt an mit Selbsterkenntnis: Mit dieser Moral schliesst die Fabel vom «Esel in der Löwenhaut» des deutschen Germanisten und Autors Helmut Arntzen. Sie bringt die Kunst der Fabeldichtung auf den Punkt und damit auch der Eseleien, die Nathalie Hubler für ihr Soloprogramm im Theater 111 zusammengetragen hat. Schliesslich ist der Mensch am Schöpfungstag zwar weder mit Flügeln noch mit besonderen Körperkräften, aber dafür mit Vernunft ausgestattet worden – das hat schon der griechische Fabeldichter Babrios gewusst, mit dessen Geschichte «Zeus und der Mensch» der Abend anfängt. Aber bekanntlich ist es auch zweitausend Jahre später damit nicht so weit her.
Es spektakelt und mirakelt
Grund und Material genug also für anderthalb Stunden Eseleien. Nathalie Hubler nimmt den Esel in ihrem zweiten Fabelprogramm wiederum als Reisebegleiter und Leitmotiv mit auf den Weg. Und stellt ihm einen halben Zoo zur Seite: Dickhäuter, Schlaufüchse und allerhand Horn- und Federvieh halten dem Menschen ihren tierischen Spiegel vor.
Da gackern und summen Mücke und Henne in der Parabel von Günther Anders um die Wette, ob der Löwe jetzt eigentlich komisch summt oder komisch gackert. Lafontaines Pfau plustert sich auf und wird für seine Eitelkeit abgestraft. Lessings Ziegen meckern über die Bühne, Gellerts Kuckuck übt seinen Ego-Ruf, weil kein Mensch seinen Gesang bewundert. Der Wolf nuschelt erbärmlich, nachdem ihn der Esel überlistet und ihm die Zähne ausgeschlagen hat – Selbstüberschätzung gab es offenbar schon zu Aesops Zeiten. Und grandios ist der maulfaule Karpfen, der sich in Heinrich Seidels witzigem Gedicht über das Huhn enerviert, das bei jedem gelegten Ei spektakelt und mirakelt, als habe es gerade die Welt neu erfunden.
Eseleien, 23., 26., 28., 29. und 30. September, 20 Uhr (sonntags 17 Uhr), Theater 111 St.Gallen.
theater111.ch
Virtuos im Guckkasten
Nathalie Hubler spielt, was da alles kreucht und fleucht, mit reduzierter Pantomimik und virtuoser Stimmakrobatik. Ein Fensterrahmen, ein Vorhang, klug geführtes Licht (Boris Knorpp, Anne Meyer), ein paar Töne auf dem Xylophon: Das sind die einfachen Mittel dieser Produktion. Hubler erweitert sie zwei, drei Mal mit Schattenspielen und holt sich zudem zwei sympathische Mitspieler in ihren Guckkasten: einen nicht sehr viven Wolf und einen vorwitzigen jungen Hund.
Diesen könnte man sich auch noch frecher vorstellen – denn die Moral ist, wie es das «Lehrgedicht» an sich hat, meistens simpel und didaktisch, gelegentlich auch allzu plakativ wie im Schattenspiel vom «Holzfäller und Bäumchen» oder in der lokalpolitisch aktualisierten Fassung von Aesops Schimpfrede auf Momos, den Gott des Tadels.
Meist aber erkennt man sich mit Erheiterung – manchmal auch ungern – wieder in den rund dreissig Kurzszenen. Und nimmt herzlichen Anteil am Schicksal des Esels, der es trotz aller Anstrengungen bis zum Schluss nicht aus seiner Eselshaut schafft. Im gnadenlosen «Paradox des Esels» verhungert er gar, weil er sich nicht zwischen den zwei verlockenden Heuhaufen links und rechts entscheiden kann. Die Geschichte, überliefert als «Buridans Esel», ist tausend Jahre alt. Aber so aktuell wie eh und je und wie viele andere «Eseleien» dieses Abends.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.