Kategorie
Autor:innen
Jahr

Der Faden des Schicksals

Als erste bildende Künstlerin zeigt Stéphanie Bächler im Ausstellungsraum Espace Nina Keel mit The Fates are talking ihre Arbeiten. Was drei Schicksalsgöttinnen, eine Stickmaschine und das «Oceanic» gemeinsam haben. von Sandra Cubranovic
Von  Gastbeitrag
Maschinell oder von Hand? Stéphanie Bächlers Stickereien im Espace Nina Keel. (Bilde: pd)

Sprechblasen aus Aluminium zieren die terrakottafarbenen Wände im Ausstellungsraum. Quer durch den Raum gehängt, schwebt schwerelos ein transparentes Stoffelement. Die 5,2 Meter breite Stoffbahn ist bestickt: schwarzer Faden reiht Stich für Stich Worte aneinander, zwischen der Schrift sind Arbeitsgesten darstellende Hände platziert, signaturähnliche Zeichen und das Abbild einer Frau.

Der schwarze Faden spinnt die Worte weiter zu Sätzen wie: «What, who believes in the future?» oder «We need more artists, more poetry, less satellites – more stars!». Krakelig anmutend aufgrund des naiven Stickschemas, erzählen sie eine mythologische Geschichte. Oder ist es doch reale Gegenwart?

Gespräche unter Göttinnen

Die 1983 in Meyriez FR geborene Stéphanie Bächler thematisiert in ihrer Arbeit die kritischen Produktionsbedingungen in der Textilindustrie. Mittels besonderem Handwerk und unzähligen Referenzen kreiert sie eine grosse textile Reflexion. Ein methaphorischer Dialog – der gestickte Text auf den Stoffbannern – stellt die verschiedenen Positionen der Moiren, der drei Schicksalsgöttinnen dar. Clotho, Lachesis und Atropos liefern sich einen Wortwechsel zwischen Plauderei, kapitalistischen und humanistischen Komponenten.

Die fata scribunda, das Schicksal, wird von den drei Parzen, wie sie in der römischen Mythologie genannt werden, schreibend gedacht. Clotho spinnt den Lebensfaden, Lachesis bemisst die Länge, Atropos schneidet ihn durch. Sie können sowohl gemeinsam, als auch einzeln agieren.

Stéphanie Bächler – The Fates are talking: bis 23. Oktober, Espace Nina Keel, Linsebühlstrasse 25, St.Gallen.

Öffnungszeiten: Donnerstag, 17-19 Uhr; Freitag 12-18 Uhr; Samstag, 11-14 Uhr.

Von der Realität in die Fiktion…

Für das Projekt The Fates are talking wollte Bächler der Entwicklung der Stickereiindustrie erforschen, genauer, wie sich die Mechanisierung der Industrie auf die Arbeitsbedingungen der Sticker:innen und Stanzer:innen auswirkte. Als studierte Textil- und Modedesignerin, sie arbeitete mehrere Jahre für die St.Galler Textilfirma Jakob Schläpfer, interessierte sie sich für das Wechselspiel zwischen Handwerk und maschinell gefertigten Produkten.

Den Vergleich Mensch-Maschine führt sie mittels der gewählten Stickereimachart in ihrer Arbeit vor: statt mit den 168 Nadeln der verwendeten Maschine zu sticken, benutzte sie nur eine. Auch die Spannfäden zwischen den einzelnen Buchstaben liess sie bewusst stehen, um eine imperfekte, handwerksnähere Ästhetik zu schaffen.

Stéphanie Bächler war im Rahmen ihrer Residency im Herbst 2020 auch im Sitterwerk tätig. (Bild: pd/Ladina Bischof)

Die Ausarbeitung des Projekts erfolgte während der Residency als Gastkünstlerin im Kulturförderprogramm von TaDA, der Textile and Design Alliance. Das Programm unterstützt Künstler:innen in ihrer Praxis und fördert unter anderem die Vernetzung mit der Ostschweizer Textil- und Designindustrie.

Das tat Bächler: Sie traf sich mit Sticker:innen, führte Interviews und schrieb alles auf. Aus diesen Notizen entwickelte sie schlussendlich der frei erdachte Dialog der Moiren.

…und wieder zurück

Ein gestickter Satz auf dem Banner lautet: «And they are so functional, they never break! We need the Luddites to destroy them!» Mit «Luddites» sind Vertreter:innen des Luddismus gemeint, englische Textilarbeiter:innen, die gegen die drohende soziale Verelendung ankämpften. Sie waren gegen die Industrialisierung und Mechanisierung und wurden als reaktionär und technikfeindlich betrachtet. Unter anderem zerstörten sie fortschrittliche Maschinen, die Arbeitsplätze ersetzten oder besetzten Handels- und Transportwege. Die Bewegung wurde durch Repressionsmassnahmen, Deportationen und blutige Hinrichtungen zerschlagen.

Gewisse Garne in der Installation Bächlers stammen aus Rheintaler Stickereien. Nicht derart radikal wie die Ludditen, aber mit Brückenbesetzungen, wehrten sich auch da Arbeiter:innen gegen die Auswirkungen der Industrialisierung.

Stille Zeitzeugen

Viele Bauten in St.Gallen erinnern an die Blüte der Stickereizeit. Nach 1920 sind dagegen nur wenige gebaut worden. Der Bau an der Linsebühlstrasse, wo sich das Espace Nina Keel befindet, vom Architekten Moritz Hauser geplant, wurde von der Stadt subventioniert, die Annahmegründe waren hintergründig Arbeitsbeschaffung in der Krise.

Nina Keel, Kunsthistorikerin und Kuratorin im Espace Nina Keel, ist überzeugt: «Es existieren einige Bauten in St.Gallen, die nur darum realisiert wurden, um Arbeitsplätze zu schaffen.»

Die Kuratorin vom Espace Nina Keel weiss aber auch eine schönere Anekdote zu erzählen: «Der Jugendstilbau Oceanic an der St.Leonhardsstrasse 20 zeugt wie viele Bauten in St.Gallen von der Hochzeit der Textilindustrie. Das ehemalige Stickereigeschäftshaus, wo einst Stickereien veredelt worden waren, präsentiert an der Hausfassade die drei Schicksalsgöttinnen.» Keel und Bächler, die sich über TaDA kennengelernt haben, machten diese Entdeckung während der Ausstellungsplanung.

Gegen das von den Moiren geschriebene Schicksal kann sich der Mensch übrigens auflehnen – so entstehen tragische Held:innen.

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2

Ei­ne Por­ti­on Kunst

Im Kunst Kon­tor Ror­schach lud der Künst­ler Fe­lix Stöck­le zu ei­nem Din­ner, ei­ner Aus­stel­lung, ei­nem Hap­pe­ning – zwi­schen Fi­ne Di­ning, Ke­ra­mik, pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen und der al­ten Idee ei­nes ge­teil­ten Ti­sches.

Von  Veronika Fischer
Kunstkontor dinner felix stoeckle 1

Hür­de um Hür­de

Nach zehn Jah­ren in der Schweiz woll­te sich Sa­mi­ra Ra­him mit ih­rer Fa­mi­lie ein­bür­gern las­sen. Die zahl­rei­chen bü­ro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se und die ho­hen Kos­ten brach­ten die Fa­mi­lie zeit­wei­se fast da­zu, auf­zu­ge­ben.

Von  Andi Giger
Image2

Raum­pla­nung als He­bel ge­gen die Woh­nungs­kri­se

Ber­lin­gen hat ei­ne neue Me­tho­de der In­ter­es­sen­ab­wä­gung ent­wi­ckelt: ei­ne Ana­ly­se des Orts­bilds als Grund­la­ge, um die wert­vol­le Bau­kul­tur zu er­hal­ten und gleich­zei­tig die In­nen­ent­wick­lung vor­an­zu­brin­gen. Nun steht die Ver­an­ke­rung in der Orts­pla­nung an.

Von  Rahel Lämmler
260708 Gutesbauen 02 260527 GBO2603 4559 MAX

Nach dem Rück­tritt von Pe­ter Jans: Das Ren­nen um den va­kan­ten Stadt­rats­sitz ist er­öff­net

SP-Mann Pe­ter Jans tritt En­de Ju­ni 2027 aus der St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung zu­rück. In sei­ner Par­tei star­tet die Su­che nach ei­ner Nach­fol­ge mit ei­nem kla­ren Fa­vo­ri­ten. Bei den Bür­ger­li­chen sind Schmie­de für ei­ne gros­se Al­li­anz ge­fragt.

Von  Reto Voneschen
Offizielles bild stadtrat 2021 Bild PD Ueli Steinbgruber

Ein Tau­mel von Grün

Im Bo­ta­ni­schen Gar­ten St.Gal­len geht es ab nächs­ten Sams­tag wun­der­sam zu und her: Künst­ler:in­nen aus ver­schie­de­nen Spar­ten la­den zum sze­ni­schen Rund­gang un­ter dem Ti­tel In der Däm­me­rung wächst ein Flüs­tern. Ein Pro­ben­be­such.

Von  Peter Surber
Daemmerung Prates de Matos 4

In den Wald hin­ein

Der Dra­ma­ti­ker An­dre­as Sau­ter liest am 27. Au­gust im Li­te­ra­tur­haus Thur­gau aus sei­nem un­fer­ti­gen Ma­nu­skript Ein­bruch der Wild­nis. Im Zen­trum des Werks steht die Fra­ge, was es für ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Wan­del braucht.

Von  Vera Zatti
IMG 9687 2

«Ich bin mir voll­kom­men fremd, wenn ich nicht schrei­be»

Die deut­sche Fil­me­ma­che­rin Re­gi­na Schil­ling bringt zum 100. Ge­burts­tag von In­ge­borg Bach­mann Je­mand, der ein­mal ich war ins Ki­no. Der Do­ku­men­tar­film ver­knüpft gross­ar­ti­ge Ar­chiv­auf­nah­men mit fik­tio­na­len Sze­nen aus dem letz­ten Le­bens­jahr der Dich­te­rin zu ei­nem zu­gäng­li­chen Plot.

Von  Eva Bachmann
Ingeborg Bachmann Still 01 Elliott Kreyenberg 1920x1080 jpg

Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
260708 Jim Dime Florin Roeoesli DSC6138

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur für die HSG

Al­les deu­tet drauf hin, dass die Uni St.Gal­len dem­nächst in den bis­he­ri­gen Haupt­sitz der Hel­ve­tia-Ver­si­che­rung, ge­plant vom Bas­ler Ar­chi­tek­tur­bü­ro Her­zog und de Meu­ron, als zwei­ten gros­sen Stand­ort auf dem Ro­sen­berg ein­zie­hen kann. Zu­sätz­lich ist ein Holz­bau mit Se­mi­nar­räu­men in Pla­nung.

Von  René Hornung
Hekvetia Hd M

FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol 5:1 – St.Gal­len nach Schüt­zen­fest ei­ne Run­de wei­ter

Der FC St.Gal­len zeigt sich ge­gen She­riff Ti­ras­pol von sei­ner bes­ten Sei­te und ge­winnt das Spiel nicht nur sou­ve­rän, son­dern auch hoch mit 5:1. Wei­ter geh­t's im Play­off ge­gen den FC Nordsjæl­land aus Dæ­ne­mark.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Jubiläum

«Je­de Ge­ne­ra­ti­on muss­te die Fir­ma neu er­fin­den»

Von  Roman Hertler
Gallus Samuel Portrait sw WEB

Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
IMG 0500

Ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig

Die Ost­schwei­zer Band Drill bringt mit Ca­thar­sis ei­ne neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wil­der Ritt auf schwe­ren Gi­tar­ren­riffs, bei dem Me­tal­co­re auch mal auf Hy­per­pop trifft.

Von  Jeremias Heppeler
DRILL Pressphoto 2 Full

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 7

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 7: Rat­haus­oper Kon­stanz, Charles Uz­ors The Gre­at Wall. A La­by­rinth, Clanx-Fes­ti­val und Rund­gän­ge zu Wi­bora­das Schwes­tern. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Till The Morning Rises Pfister Noemi