, 15. Mai 2013
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Der faulende Bürostuhl (I)

Fünf Jahre ist es her seit der Dernière im alten Espenmoos. Was ist geblieben von jenem 20. Mai 2008? Im Fall unseres Autors der alte Stuhl aus einem Kassahäuschen. Und Erinnerungen.

Es ist kein schöner Stuhl, wirklich nicht, die Rädchen rosten und wenn man ihn drehen will, giert er. Wenn ich mich heute draufsetze, spüre ich keine Nostalgie, nur Abnutzung und Alter.

Gefunden habe ich den Stuhl im Keller meines Elternhauses in Marbach, zwischen alten Jacken und anderen alten Stühlen. Er gehört zu meinem Teil der Wahrheit über das Espenmoos, er ist das Symbol für sieben Jahre in diesem Stadion, für den grössten Schiss meines jungen Lebens, für die Nerven meines tamilischen Kollegen, für einen vielversprechenden Sommer.

Am 20. Mai 2008 habe ich den Stuhl aus dem Espenmoos mitgenommen, es war ein furchtbarer Abend, St.Gallen stieg in die Challenge League ab und das Espenmoos von der Gegenwart in die Vergangenheit. Ich überlegte vor jenem letzten Barragespiel gegen Bellinzona lange, was ich aus dem alten Stadion mitnehmen könnte. Es sollte ein spezielles Stück sein, kein hundskommodes Brett; es musste einfach zu erstehen sein, mutig war ich nie; und es durfte nicht allzu gross und schwer sein, eine lange Reise mit Zug und Bus ins Rheintal stand noch an.

Ich entschied mich für den Bürostuhl aus einem Kassahäuschen vor der Südkurve. Gott weiss warum. Immerhin war er praktisch, im chronisch überfüllten Zug nach Heerbrugg hatte ich an jenem Abend endlich einen Sitzplatz.

Bis ich ihn fünf Jahre später wieder hervorhole, habe ich nicht gewusst, dass Stühle faulen können. Die schwarze Fläche des Kunstleders ist mittlerweile voll von weissen Punkten, der Rost ist noch röter geworden, die metallenen Rohre noch steifer.

Als ich mich nun noch einmal auf den Stuhl setze, ächzt und stöhnt er. Das passt irgendwie ganz gut.

 

Mein erstes Spiel war gleich ein legendäres; eines, das noch heute in irgendwelchen Fanblogs diskutiert wird.

22. April 2001, FC St.Gallen – FC Basel, 3:2.

Vor dem Match befreiten freiwillige Helfer das Spielfeld von zwanzig Zentimetern Schnee. Die Espen gewannen dank eines Freistosstores von Marc Zellweger in der Nachspielzeit, aber davon bekam ich nicht viel mit. Ich war damals zehn Jahre alt und hatte saumässig Schiss. Nachbar Hans hatte mich eingeladen, er besass zwei Saisonkarten im blauen Sektor, auf der Gegentribüne. Während des Spiels schoss Jerron Nixon ein Phantomtor und spätestens ab dem Zeitpunkt tobten die Basler Fans neben uns. Ich schaute dauernd rüber, dann zu meinem Nachbarn und dann wieder rüber. Nach dem Spiel zündeten die Basler unsere Tribüne an – und ich wusste nicht, ob ich je wiederkommen wollte.

Die Frage erschien mir schon am Tag darauf wie ein schlechter Witz.

Mit Vater und Bruder ging ich die Jahre darauf auf die Stehplätze im blauen Sektor. Wir kamen meist früh und standen vorne am Gitter, wo man den Schweiss der einwerfenden Spieler riechen konnte. Bald verehrte ich Sascha Müller, den Rechtsaussen, für seine Flügelläufe, für seine Technik und vielleicht auch dafür, dass er mir zumindest physisch am nächsten war.

Ich bekam einen Schal und ein beschriftetes Leibchen, das ich im Schulturnen nur in Spielelektionen trug, wo es den Mädchen imponieren sollte.

Aber darum ging es im Schulturnen ja eigentlich immer.

In meinen Jahren auf der Gegentribüne ging es mit dem FCSG ziemlich rasch bergab. In der Saison 2002/03 spielte der Verein in der Abstiegsrunde mit – seit dem Meistertitel, der offensichtlich stattfand, bevor mein Gedächtnis funktionierte, waren gerade einmal drei Jahre vergangen.

8. Mai 2003, FC St.Gallen – SC Kriens, 6:1.

Es war ein Spiel auf ein Tor, doch die alten Mannen im blauen Sektor, die alle ein bisschen aussahen wie Kurt Furgler, waren trotzdem nicht zufrieden. Einer rief: «Gopfetami, bringed doch de Müller!» Ich fand das ja auch, aber nicht so laut.

 

Morgen: Im UI-Cup trugen die Gegner Namen, die nach rumänischen Autoherstellern klangen. Die Spiele interessierten kaum jemanden.

 

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