, 15. Mai 2013
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Der faulende Bürostuhl (II)

Fünf Jahre ist es her seit der Dernière im alten Espenmoos. Was ist geblieben von jenem 20. Mai 2008? Im Fall unseres Autors der alte Stuhl aus einem Kassahäuschen. Hier der zweite Teil seiner Erinnerungen.

Und vor allem hatte ich rasch gelernt, mit wenig zufrieden zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass ich die grosse Europacup-Zeit im Zürcher Hardturm verpasst habe. Meine einzigen europäischen Spiele sah ich ebenfalls im Espenmoos – UI-Cup hiess der traurige Wettbewerb, in dem es im Grunde genommen um nichts ging. Die Gegner trugen Namen, die nach rumänischen Autoherstellern klangen.

14. Juli 2007, FC St.Gallen – Dacia Chisinau, 0:3, n.P.

Grün-weiss verlor im Penaltyschiessen, aber das interessierte kaum jemanden. Weil die Klubbosse mit wenig Publikum rechneten, reduzierten sie die Preise für die Haupttribüne. Ich freute mich auf mein erstes Sitzplatz-Erlebnis unter dem gewölbten Calzavara-Dach, aber die Holzstühle boten gepaart mit der Leistung von Jürgen Gjasula, Bernt Haas und Co. vor allem Ernüchterung. Zu Hause erzählten wir, Borat gesehen zu haben, eine schnauztragende Komikfigur, die aus Kasachstan kommt und die in jenen Jahren durch einen gleichnamigen Kinofilm bekannt geworden war. Es gab Leute auf der Haupttribüne, die sich mit ihm fotografieren liessen. Borat im Espenmoos. Zu Hause habe ich dann festgestellt, dass Borat ja eine Kunstfigur ist – und dass ihr Erfinder, der britische Schauspieler Sacha Baron Cohen, kaum je als Borat verkleidet nach St.Gallen kommen wird, um sich ein drittklassiges Match im UI-Cup anzuschauen. Immerhin hätte die Tribüne gestimmt, Borat auf der Gegentribüne hätte ja noch lächerlicher geklungen.

Zur Haupttribüne pflegte ich immer eine ambivalente Beziehung. Einerseits wollte ich da auch hin, als Sportreporter, schon damals; andererseits verachtete ich die Mehrbesseren, die schlechte Spiele schon in der 85. Minute verliessen, um auch ja dem Verkehrschaos zu entkommen. Jahrelang sang ich ihnen nach: «Und ihr wollt St.Galler sein?»

Mein Platz war spätestens in der Sekundarschule die Südkurve. Ich las in den Nullerjahren oft in einem Spezialband des St.Galler Tagblatts, «Jubeljahre», er behandelte die Zeit rund um den Meistertitel und er war, wie alle Bücher über FC St.Gallen, auch ein Buch über das Espenmoos. In einem persönlichen Text schrieb Markus Scherrer, der damalige Sportchef des Tagblatts, wie er im Stadion pubertierte. Wie er die erste Zigarette rauchte, wie aufregend alles war.

Während meinen ersten Spielen auf der Südkurve war ich folglich auf der Suche nach Abenteuern; dass die ganz grossen Ereignisse ausblieben, lag aber eher an mir als am Espenmoos. Ich ging am Anfang oft mit einem tamilischen Freund zum Spiel, die Taktik war wichtiger als das Abenteuer.

Und wir hatten genug Zeit, die richtige Aufstellung hin und her zu diskutieren. Die Hinfahrt mit dem Bus von Marbach, Gehren bis Heerbrugg, Bahnhof; und die Zugfahrt von Heerbrugg bis St.Gallen, St.Fiden, dauerte eine Stunde.

Im Espenblock standen wir oben rechts, mit der Zeit kannten wir die Leute in der Umgebung, wir wussten, ab welcher Spielminute sie sich über den Schiedsrichter aufregen, welche Sprechchöre sie mitsingen und dass sie Bruno Sutter für die grösste Memme auf der Alpennordseite halten. Ich sang mir in jener Zeit die Stimme heiser, Heimspiel für Heimspiel, in der Oberstufenschule Rebstein-Marbach sollten sie ruhig merken, wo ich am Wochenende war.

Und doch konnten wir uns nicht richtig anfreunden mit den Ultras in der Mitte der Kurve. Vielleicht liegt es daran, dass man mir schon als Kind einbläute: An einem nasskalten Novemberabend ist eine dunkle Sonnenbrille überflüssig. Wir standen ja nicht nur wegen der Bruno-Sutter-Gegner oben rechts, sondern auch, weil wir die Spiele von Anfang bis Schluss sehen wollten – nicht von Pyro zu Pyro, von Fahnenaktion zu Fahnenaktion.

30. Juli 2006, FC St.Gallen – FC Basel, 3:2.

Wieder einmal Basel, wieder einmal 3:2. Diese Partie könnte einem wegen dreier Tore von Francisco Aguirre in Erinnerung bleiben – oder wegen eines tamilischen Freundes, der kurz davor war, die Nerven zu verlieren. Vor der Partie zogen die St.Galler Fans ein riesiges Transparent hoch, es war so breit und so hoch wie die Südkurve, wir sahen schwarz, ich sang und rief so energisch wie Bruce Springsteen in «War». Die Aktion dauerte ein paar Minuten, nicht länger, die Spieler liefen ein und warteten auf den Anpfiff; noch hing aber das Transparent, noch hingen hunderte Stunden Fanarbeit an der Stadiondecke – das Espenmoos im Sonntagskleid.

Da wurde mein Freund nervös, er sagte: «Wann nehmen sie das Ding runter? Hey, gleich beginnt das Spiel. Come on!» Er sagte das oft, Come on, aber nur dann, wenn es ihm ernst war. Ab dem Tag war er gegen Fanaktionen dieser Art.

 

Morgen, dritter und letzter Teil:

Das Gefühl sagt mir: In jener Saison fanden alle Spiele an lauen Sommerabenden statt. Wahrscheinlich ist ein Mädchen daran schuld.

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