Mich verbindet mit Fridolin eine überaus lange Freundschaft. Ich begegnete ihm bei vielen Gelegenheiten, im Tagungszentrum Wartensee, in der St. Galler Friedenswoche, in der Zeitung seinen Leserbriefen und in der Lesegruppe «Neue Wege», die sich allmonatlich bei ihm traf.
Er war immer gut dokumentiert, verfügte über ein ausgezeichnetes Gedächtnis und mischte sich gekonnt, lebhaft und engagiert in die öffentliche Debatte ein, wenn immer es ihm nötig erschien. Er war belesen, hatte zu jedem Jahr einen Ordner seiner Berichte und Artikel zu bestimmten Themen griffbereit. In Dem Frieden entgegen. 30 Geschichten und eine halbe hat er vor zehn Jahren in Interviews mit Michael Walther Rückschau gehalten, was ihm in seinem Leben wichtig war.
«Es ist nicht meine Art, mich zu sehr in philosophische Fragen hinein zu begeben. Mich beschäftigt mehr die Alltäglichkeit – was macht der Mensch, jetzt in dieser Zeit, wo wir mitmachen und gestalten können», sagte er vor einigen Jahren.
Die Farben des Herbsts
Aufgewachsen ist Fridolin Trüb im Pfarrhaus in Flawil. Sein Vater engagierte sich in der religiös-sozialen Bewegung, die vom Theologen Leonhard Ragaz 1906 mit der Zeitschrift «Neue Wege» begründet worden war. Da hörte und las der junge Fridolin mit. Er war das zweite von fünf Kindern, geboren 1919. Während den Kriegsjahren 1940-45 bildete er sich in Basel zum Zeichenlehrer aus.
Ein Jahr nach der Heirat 1949, der Ehe entsprossen zwei Söhne und zwei Töchter, wurde Fridolin Trüb als Zeichenlehrer an die Sekundarschule Bürgli in St. Gallen gewählt. Ab 1962 unterrichtete er an der Kantonsschule am Burggraben. Er setzte sich dafür ein, dass der Kunstunterricht in der Schule gelebt, gefördert und anerkannt wird. «Ich regte die Schüler zum Sehen, Anschauen, Aufnehmen an und gleichzeitig dazu, daraus wieder etwas Neues zu gestalten.»
Daneben war er auch selber im Kunstbereich tätig. «Schon seit der Primarschulzeit hatte ich einfach immer einen Skizzenblock dabei. Ich konnte nicht in einer Landschaft sein, ohne sie einzufangen.» Bis zuletzt malte er und stellte seine Bilder auch aus, zuletzt im Altersheim Wienerberg, wo er auch gestorben ist. Zu seiner Passion meinte er: «Ich male am intensivsten im Herbst, wenn die ganz bunten Bilder möglich sind. Naturerlebnis verbindet sich mit Gestalten. Und danach freue ich mich auf den Winter. Ich reduziere dann die Buntheit, das weisse Blatt ist für mich die weisse Landschaft, und das Wenige, das ich hineinsetze, verleiht nachher der Landschaft Leben oder Struktur.»
«Kein polit. Extremist»
Sein Engagement in der Friedensbewegung setzte unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ein. In den Sommerferien 1945 absolvierte er einen freiwilligen Zivildienst im Simmental, Aufräumen bei Bauern, deren Land überschwemmt worden war. Dort lernte er seine zukünftige Frau Lisbeth kennen. Danach stellten sich beide ein ganzes Jahr zur Verfügung im ehemaligen Kriegsgebiet in Frankreich sowie auf der überschwemmten Insel Walcheren NL. Weitere Einsätze folgten jeweils in den Sommerferien. Von 1948-1952 war Trüb Präsident des Schweizer Zweiges des Internationalen Zivildienstes.
Das trug ihm seinen ersten Ficheneintrag ein: «T. Ist Präsident des Schweiz. Komitees des IZD und kann nicht als polit. Extremist bezeichnet werden.»
Über seine Fiche schrieb er einmal: «Ich habe Stoff für eine Cabaret-Nummer fertig geliefert bekommen – eine Geschichte wahrlich zum Lachen.» Ein Beispiel dafür: Als Erstunterzeichner der Initiative für einen echten Zivildienst, die 1977 gestartet und 1984 abgelehnt wurde, hielt Trüb einen Vortrag im Kirchgemeindehaus St. Gallen-Lachen. In Bern wurde man hellhörig und wies den Polizeiposten Lachen SZ an, die Veranstaltung zu überwachen.
Initiant der St.Galler Friedenswoche
Engagiert war er auch im 1945 gegründeten Schweizerischen Friedensrat. Ziele waren Abrüstung, Waffenexportverbot, Entwicklungshilfe, Beitritt der Schweiz zur Uno, Einführung eines Zivildienstes als Alternative zum Militärdienst.
1982 rief Fridolin Trüb die St. Galler Friedenswoche ins Leben, die Jahr für Jahr unter seiner Koordination in der Adventszeit zu Besinnungen, Vorträgen und Aktionen einlud. Sie besteht heute noch. Als Redner traten im Laufe der Jahre auf: Horst Eberhard Richter, Till Bastian, Erhard Eppler, Hildegard und Jean Goss-Mayr, Robert Jungk. Er war auch Mitbegründer und jahrelanger Leiter der Helvetas-Gruppe St. Gallen, die sich z.B. für die Nepalhilfe engagierte.
Am 7. März findet um 14:30 Uhr im ev. Kirchgemeindehaus St. Georgen St.Gallen die Abschiedsfeier statt.
Weitere Infos: fridolintrueb.ch
Die Aktion gegen den geplanten Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen war für Fridolin ein wichtiges Ereignis, vor allem auch darum, weil sein Sohn Hansueli mit einigen Gleichgesinnten diese Aktion lostrat. Junge Leute entwickelten mit Sitzblockaden einen Widerstand, wie man ihn in der Schweiz kaum je gekannt hat. In den Sommern 1990 und 1991 fand am Rande des Baugeländes je eine «Sommeruniversität» statt, die Volksinitiative «40 Waffenplätze sind genug» wurde lanciert, dann aber vom Volk verworfen.
Immer mitdenkend dabei war Fridolin auch beim Internationalen Bodensee-Ostermarsch, der seit anfangs der 80er Jahre bis heute alternierend rund um den See stattfindet, auch nach seinem Schlaganfall 2007, von dem er sich erstaunlich gut erholte, obwohl er jetzt allein leben musste. Ein Jahr vorher war seine Frau Lisbeth gestorben.
Solidarität mit denen, die es nötig haben
«Wenn ich ein Anliegen hatte, das in der Öffentlichkeit aufgenommen werden sollte, etwa zum Verhältnis Militarismus und Kirche oder zum Zivildienst, dann schrieb ich der Ostschweizer AZ, gelegentlich dem Tagblatt, oder ich mischte mich in Diskussionen im Kirchenboten ein.» 1969 erhielt jeder Schweizer Haushalt im Auftrag des Bundesrates die rote Fibel Zivilverteidigung. «Nach der Lektüre weiss ich es: Ich gehöre zu einer Verräter-Clique, die von Atomgegnern, Theologen, Publizisten und Künstlern angeführt wird. Als Pazifisten würden wir einen Keil zwischen Volk und Behörden treiben.» Als eine Art Gegenschrift publizierten Pazifisten die Schrift Soziale Verteidigung. Eine gewaltfreie Alternative zur militärischen Verteidigung in der Schweiz, an der Trüb mitarbeitete.
Dem Verstorbenen war Solidarität wichtig, z.B das Solidaritätsnetz Ostschweiz. «Solidarität besagt, uns ist es nicht egal. Wir möchten etwas unternehmen. Wir wollen uns solidarisieren mit jenen, die es nötig haben. Wir können sie begleiten. So können wir sie und uns selber aufmuntern.»
Wir werden seine kritische Stimme, seine Anteilnahme, seine Inspiration, seinen wachen Geist vermissen.
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