Kategorie
Autor:innen
Jahr

Der friedliche Kämpfer

Am vergangenen Sonntag ist Fridolin Trüb im Alter von über 97 Jahren gestorben. Er war ein Zeitzeuge der Friedensbewegung eines ganzen Jahrhunderts. Was er lebte, lässt sich in diesem Zitat festmachen: «Solidarität heisst: Uns ist es nicht egal.» Arne Engeli würdigt den Verstorbenen.
Von  Gastbeitrag
Fridolin Trüb, 1919 – 2017 (Bild: Georg Trüb)

Mich verbindet mit Fridolin eine überaus lange Freundschaft. Ich begegnete ihm bei vielen Gelegenheiten, im Tagungszentrum Wartensee, in der St. Galler Friedenswoche, in der Zeitung seinen Leserbriefen und in der Lesegruppe «Neue Wege», die sich allmonatlich bei ihm traf.

Er war immer gut dokumentiert, verfügte über ein ausgezeichnetes Gedächtnis und mischte sich gekonnt, lebhaft und engagiert in die öffentliche Debatte ein, wenn immer es ihm nötig erschien. Er war belesen, hatte zu jedem Jahr einen Ordner seiner Berichte und Artikel zu bestimmten Themen griffbereit. In Dem Frieden entgegen. 30 Geschichten und eine halbe hat er vor zehn Jahren in Interviews mit Michael Walther Rückschau gehalten, was ihm in seinem Leben wichtig war.

«Es ist nicht meine Art, mich zu sehr in philosophische Fragen hinein zu begeben. Mich beschäftigt mehr die Alltäglichkeit – was macht der Mensch, jetzt in dieser Zeit, wo wir mitmachen und gestalten können», sagte er vor einigen Jahren.

Die Farben des Herbsts

Aufgewachsen ist Fridolin Trüb im Pfarrhaus in Flawil. Sein Vater engagierte sich in der religiös-sozialen Bewegung, die vom Theologen Leonhard Ragaz 1906 mit der Zeitschrift «Neue Wege» begründet worden war. Da hörte und las der junge Fridolin mit. Er war das zweite von fünf Kindern, geboren 1919. Während den Kriegsjahren 1940-45 bildete er sich in Basel zum Zeichenlehrer aus.

Ein Jahr nach der Heirat 1949, der Ehe entsprossen zwei Söhne und zwei Töchter, wurde Fridolin Trüb als Zeichenlehrer an die Sekundar­schule Bürgli in St. Gallen gewählt. Ab 1962 unterrichtete er an der Kantonsschule am Burggraben. Er setzte sich dafür ein, dass der Kunstunterricht in der Schule gelebt, gefördert und anerkannt wird. «Ich regte die Schüler zum Sehen, Anschauen, Aufnehmen an und gleichzeitig dazu, daraus wieder etwas Neues zu gestalten.»

Daneben war er auch selber im Kunstbereich tätig. «Schon seit der Primarschulzeit hatte ich einfach immer einen Skizzenblock dabei. Ich konnte nicht in einer Landschaft sein, ohne sie einzufangen.» Bis zuletzt malte er und stellte seine Bilder auch aus, zuletzt im Altersheim Wienerberg, wo er auch gestorben ist. Zu seiner Passion meinte er: «Ich male am intensivsten im Herbst, wenn die ganz bunten Bilder möglich sind. Naturerlebnis verbindet sich mit Gestalten. Und danach freue ich mich auf den Winter. Ich reduziere dann die Buntheit, das weisse Blatt ist für mich die weisse Landschaft, und das Wenige, das ich hineinsetze, verleiht nachher der Landschaft Leben oder Struktur.»

«Kein polit. Extremist»

Sein Engagement in der Friedensbewegung setzte unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ein. In den Sommerferien 1945 absolvierte er einen freiwilligen Zivildienst im Simmental, Aufräumen bei Bauern, deren Land überschwemmt worden war. Dort lernte er seine zukünftige Frau Lisbeth kennen. Danach stellten sich beide ein ganzes Jahr zur Verfügung im ehemaligen Kriegsgebiet in Frankreich sowie auf der überschwemmten Insel Walcheren NL. Weitere Einsätze folgten jeweils in den Sommerferien. Von 1948-1952 war Trüb Präsident des Schweizer Zweiges des Internationalen Zivildienstes.

Das trug ihm seinen ersten Ficheneintrag ein: «T. Ist Präsident des Schweiz. Komitees des IZD und kann nicht als polit. Extremist bezeichnet werden.»

Über seine Fiche schrieb er einmal: «Ich habe Stoff für eine Cabaret-Nummer fertig geliefert bekommen – eine Geschichte wahrlich zum Lachen.» Ein Beispiel dafür: Als Erstunterzeichner der Initiative für einen echten Zivildienst, die 1977 gestartet und 1984 abgelehnt wurde, hielt Trüb einen Vortrag im Kirchgemeindehaus St. Gallen-Lachen. In Bern wurde man hellhörig  und wies den Polizeiposten Lachen SZ an, die Veranstaltung zu überwachen.

Initiant der St.Galler Friedenswoche

Engagiert war er auch im 1945 gegründeten Schweizerischen Friedensrat. Ziele waren Abrüstung, Waffenexportverbot, Entwicklungshilfe, Beitritt der Schweiz zur Uno, Einführung eines Zivildienstes als Alternative zum Militärdienst.

1982 rief Fridolin Trüb die St. Galler Friedenswoche ins Leben, die Jahr für Jahr unter seiner Koordination in der Adventszeit zu Besinnungen, Vorträgen und Aktionen einlud. Sie besteht heute noch. Als Redner traten im Laufe der Jahre auf: Horst Eberhard Richter, Till Bastian, Erhard Eppler, Hildegard und Jean Goss-Mayr, Robert Jungk. Er war auch Mitbegründer und jahrelanger Leiter der Helvetas-Gruppe St. Gallen, die sich z.B. für die Nepalhilfe engagierte.

Am 7. März findet um 14:30 Uhr im ev. Kirchgemeindehaus St. Georgen St.Gallen die Abschiedsfeier statt.

Weitere Infos: fridolintrueb.ch

Die Aktion gegen den geplanten Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen war für Fridolin ein wichtiges Ereignis, vor allem auch darum, weil sein Sohn Hansueli mit einigen Gleich­gesinnten diese Aktion lostrat. Junge Leute entwickelten mit Sitzblockaden einen Wider­stand, wie man ihn in der Schweiz kaum je gekannt hat. In den Sommern 1990 und 1991 fand am Rande des Baugeländes je eine «Sommeruniversität» statt, die Volksinitiative «40 Waffenplätze sind genug» wurde lanciert, dann aber vom Volk verworfen.

Immer mitdenkend dabei war Fridolin auch beim Internationalen Bodensee-Ostermarsch, der seit anfangs der 80er Jahre bis heute alternierend rund um den See stattfindet, auch nach seinem Schlaganfall 2007, von dem er sich erstaunlich gut erholte, obwohl er jetzt allein leben musste. Ein Jahr vorher war seine Frau Lisbeth gestorben.

Solidarität mit denen, die es nötig haben

«Wenn ich ein Anliegen hatte, das in der Öffentlichkeit aufgenommen werden sollte, etwa zum Verhältnis Militarismus und Kirche oder zum Zivildienst, dann schrieb ich der Ostschweizer AZ, gelegentlich dem Tagblatt, oder ich mischte mich in Diskussionen im Kirchenboten ein.» 1969 erhielt jeder Schweizer Haushalt im Auftrag des Bundesrates die rote Fibel Zivilverteidigung. «Nach der Lektüre weiss ich es: Ich gehöre zu einer Verräter-Clique, die von Atomgegnern, Theologen, Publizisten und Künstlern angeführt wird. Als Pazifisten würden wir einen Keil zwischen Volk und Behörden treiben.» Als eine Art Gegenschrift publizierten Pazifisten die Schrift Soziale Verteidigung. Eine gewaltfreie Alternative zur militärischen Verteidigung in der Schweiz, an der Trüb  mitarbeitete.

Dem Verstorbenen war Solidarität wichtig, z.B das Solidaritätsnetz Ostschweiz. «Solidarität besagt, uns ist es nicht egal. Wir möchten etwas unternehmen. Wir wollen uns solidarisieren mit jenen, die es nötig haben. Wir können sie begleiten. So können wir sie und uns selber aufmuntern.»

Wir werden seine kritische Stimme, seine Anteilnahme, seine Inspiration, seinen wachen Geist vermissen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2