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Der Glückszustand des Schreibens

Die Schriftstellerin Helen Meier erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2017. Die Auszeichnung ist mit 25'000 Franken dotiert. Die 88-jährige Autorin von Prosa und Theaterstücken lebt in Trogen.
Von  Peter Surber
Helen Meier, 17.4.1929 - 13.2.2021 (Bild: Yvonne Böhler)

«Alt werdende Menschen zu lieben, muss ich erst lernen.  Ich muss erst lernen, die Vergänglichkeit zu lieben», sagt die Ich-Erzählerin in Helen Meiers Buch Adieu Herr Landammann zum alternden Jacob Zellweger-Zuberbühler. Und ebenfalls aus dem fiktiven Dialog mit Landammann Zellweger stammen die folgenden typischen Meier-Sätze:

«Jugendworte, Frühworte, Mittelzeitworte sind dünn geworden, ein scharfer Wind zerfetzt sie. Ich bin gezwungen, sie auszuwechseln in Spätworte, in Altersworte, die weder stinken noch missmutig sind, nicht mit gräulicher Farbe behaftet, nicht von galoppierender Schwindsucht bedroht wären, kurz: Was zuvor Geschenk war, wird jetzt…. schon fehlt mir, was ich suche. Wissen Sie Bescheid, mein Herr, wie in den Verwitterungen, Verwerfungen, in den Faltenwürfen, an den verbleibenden Wasserstellen ein Lager aufzuschlagen ist?»

Helen Meier ist in den letzten zwei Jahren einerseits mit «Frühworten» an die Öffentlichkeit getreten, mit dem Erzählband Die Agonie des Schmetterlings. Und andrerseits mit späten Texten unter dem Titel Kleine Beweise der Freundschaft, beide im Xanthippe Verlag. Dazwischen liegt ein umfangreiches literarisches Schaffen, dass der Ausserrhoder Regierungsrat jetzt mit dem Kulturpreis auszeichnet, wie der Kanton heute mitteilt.

Breites Prosa- und Bühnenwerk

1929 in Mels geboren und viele Jahre als Sonderschullehrerin tätig, ist Helen Meier vergleichsweise spät, 1984 mit ihrem ersten Buch Trockenwiese an die Öffentlichkeit getreten. Zusammen mit dem Auftritt am Ingeborg Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt machte dies die Schriftstellerin schlagartig bekannt. Seither entstand ein umfangreiches erzählerisches Werk. Dazu gehören die Romane Lebenleben, Die Novizin und Schlafwandel, zahlreiche Erzählbände (Das einzige Objekt in Farbe, Das Haus am See, Nachtbuch, Letzte Warnung und Liebe Stimme) sowie die eingangs genannte, dokumentarisch gefärbte und eng mit Trogen verbundene Erzählung Adieu Herr Landammann über Jacob Zellweger-Zuberbühler.

Zuletzt erschienen 2014 und 2105 im Xanthippe Verlag Zürich die späten und frühen Prosaarbeiten. Im Herbst 2017 bringt der Verlag Huber das mit einer Biographie der Autorin versehene Lesebuch Übung im Torkeln entlang des Falls von Charles Linsmayer heraus. Damit werden einige wichtige Texte der gewürdigten Schriftstellerin wieder erhältlich sein.

Helen Meiers andere literarische Plattform ist die Theaterbühne. Die gegessene Rose wurde 1996 am Theater St.Gallen uraufgeführt, im Innenhof des Fünfeckpalastes Trogen inszenierte Gerhard Falkner 2002 ihr Stück Die Vereinbarung. Das St.Galler Theater Parfin de siècle spielte ihre Bühnentexte Janus (2004) und Heute (2007).

Arbeit und «Witterung»

Schreiben sei «Wagnis und Irrtum, Spielfreude und Arbeit und das Aushalten eines möglichen Scheiterns»: So hat Helen Meier gemäss Medienmitteilung das Metier der Schriftstellerin einmal charakterisiert. Am Ende dieser Arbeit stehe die «Witterung, dass das Geschriebene ein guter Text sein könnte». Diese Haltung gegenüber dem Schreiben als Lebenselixier, als alle Sinne umfassende, geistig wie körperlich existentielle Tätigkeit sei kennzeichend für das Werk der heute 88jährigen Autorin.

Im Nachwort zu den 2015 erschienenen «Bösen Geschichten» aus ihren frühen Schreibjahren hat Helen Meier diese Haltung so formuliert: «Als schreibender Wortmensch versuche immer wieder dem Geheimnis des Lebens näher zu kommen, versuche immer wieder dem Geheimnis der Liebe nahe zu sein, und ich weiss, dass ich sterben werde, ohne das Geheimnis des Todes zu kennen. Ich kann nichts Besseres tun als schreiben, wie ich schreibe. Schreibend gleite ich in den seltsamen Zustand des Glücks.»

Für ihr Schaffen ist Helen Meier vielfach ausgezeichnet worden. Unter anderem erhielt sie im Jahr 2000 den Droste-Preis und 2001 den Grossen Kulturpreis der St.Gallischen Kulturstiftung. Laudatorin Beatrice von Matt würdigte die Autorin damals als weltliche Mystikerin und Ekstatikerin der Sprache, deren Zuneigung den rebellischen, veränderungswilligen, unbändigen Zeitgenossen und vor allem Zeitgenossinnen gelte.

Helen Meier habe sich zudem über Jahre für die Ausserrhodische Kulturstiftung engagiert als Mitglied der Arbeitsgruppe Literatur, Theater und Tanz, und als «Verfechterin des genauen und Verächterin des geschwätzigen Worts» deren Arbeit mit geprägt. Sie lebt in Trogen.

Nach Alder, Giger, Schweizer und Nüesch

Helen Meier ist die fünfte Preisträgerin des Ausserrhoder Kulturpreises, der seit 2008 alle zwei bis drei Jahre für herausragende künstlerische Leistungen vergeben wird. Bisherige Preisträger waren die Musiker Noldi Alder und Paul Giger, der Künstler Hans Schweizer und die Architektin und Grubenmann-Forscherin Rosmarie Nüesch. Der Regierungsrat von Appenzell Ausserrhoden würdigt mit dem kantonalen Kulturpreis 2017 Helen Meier für ihr aussergewöhnliches und reiches erzählerisches Werk, das weit über den Kanton hinaus ausstrahlt. Der Preis wird der Schriftstellerin am 24. Mai im Rahmen einer öffentlichen Feier in Trogen überreicht.

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