, 21. Januar 2020
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Der «gmögige Kerli» aus dem Wald

Peter Wohlleben gilt als der bekannteste Förster Deutschlands. Er schreibt Bücher und Kolumnen, hält Vorträge, tritt in TV-Sendungen auf, führt eine eigene Wald-Akademie und reist als Waldexperte um die Welt. Da darf der Film dazu nicht fehlen. Ab 23. Januar läuft er im Kino. Von Peter Müller

Wohlleben hatte sich schon viele Jahre als «Botschafter des Waldes» betätigt, hatte schon verschiedene Bücher geschrieben. Der Durchbruch kam aber erst 2015, mit dem Buch Das geheime Leben der Bäume. Es wurde zum Bestseller und ist inzwischen in 40 Sprachen übersetzt worden. Es liest sich gut und erzählt Bemerkenswertes. «Bäume kommunizieren miteinander», erklärt der Buchumschlag. «Sie umsorgen nicht nur liebevoll ihren Nachwuchs, sondern pflegen auch alte und kranke Nachbarn. Bäume haben Empfindungen, Gefühle, ein Gedächtnis. Unglaublich? Aber wahr!»

Der gleichnamige Film greift nun einige Kapitel aus diesem Buch heraus und illustriert sie mit Aufnahmen, bei denen natürlich Wohlleben selber nicht fehlt. Es sind teilweise sehr eindrückliche Aufnahmen. Gelegentlich wirken sie allerdings etwas aufgemotzt und gekünstelt. So sieht in der Realität, die für unsere Menschensinne zugänglich ist, kaum ein Wald aus – schon gar nicht in unseren Breiten.

Dazwischengeschaltet sind Einblicke in den Alltag von Peter Wohlleben. Der Förster reist nach Schweden, zum ältesten Baum der Erde – einer gut 10‘000 Jahre alten Fichte. Er besucht ein indigenes Waldprojekt auf Vancouver Island. Er hält vor den Demonstranten im Hambacher Forst eine Rede und referiert an der Frankfurter Buchmesse.

Der romantisierte Wald

Der Film bietet allerlei Interessantes und wird in Sachen Bäume und Wälder sicher wichtige Informations- und Sensibilisierungsarbeit leisten. Oder viele in ihrem Denken und Tun bestätigen. Wohlleben ist ein «gmögiger Kerli», der die Leute gut abholen, seine Sachen gut vermitteln kann, unaufgeregt und bodenständig. Er wäre wohl auch ein guter Lehrer oder PR-Mann geworden.

Und doch gibt es Gründe, mit dem Film nicht wirklich glücklich zu sein. Er ist über weite Strecken einfach eine Plattform für Peter Wohlleben und stellt viel zu wenig Fragen. Wie ist z.B. das «Phänomen Peter Wohlleben» einzuordnen? Wie geht er mit der Rolle um, in die er da hineingeraten ist, mit den Erwartungen und der Verantwortung? Und was genau werfen ihm seine Kritikerinnen und Kritiker vor, wenn sie sagen, er vermittle ein verzerrtes Bild von Bäumen, Waldökologie und Forstwirtschaft?

So meint Christian Ammer, Forstwissenschaftler an der Uni Göttingen, in einem lesenswerten Blog: «Bäume kuscheln nicht.» Wohlleben vermenschliche und romantisiere den Wald. Das sei ein Ausdruck des Zeitgeistes: «Die Leute wollen heute lesen, dass die Bäume sich liebhaben und dass sie sich helfen.»

Diese Kritik ist durchaus berechtigt. Aus der Luft gegriffen hat Peter Wohlleben sein Bild von den Bäumen allerdings auch nicht. Ernstzunehmende Fachleute sind seit längerem dabei, wirklich neue Dimensionen im Leben der Pflanzen zu entdecken, eine neue Botanik zu schreiben. Der «gmögige» Förster vermittelt diese Inhalte wohl etwas zu plakativ und pauschal, etwas zu schlicht. Das kann leicht zum Fehlschluss führen, die Bäume seien jetzt «zu verstehen». Damit droht, eine wichtige Dimension der Bäume aus dem Blick zu geraten: dass sie für uns Menschen immer geheimnisvoll und unauslotbar bleiben werden – wie alles Lebendige auf der Welt.

Waldige Kulturgeschichte

Zudem gibt es noch andere wichtige Zugänge in die Welt der Bäume und Wälder, die Kulturgeschichte, die Literatur und die Spiritualität. Bei Peter Wohllebens Aktivitäten könnten sie ruhig etwas präsenter sein. Es gibt Texte – von Goethe bis Henry David Thoreau, von John Muir bis Aldo Leopold –, gegenüber denen Wohlleben doch eher als Leichtgewicht wirkt.

Das geheime Leben der Bäume. Buch und Regie: Jörg Adolph. Naturaufnahmen: Jan Haft. Ab 23. Januar im Kino.

Und trotzdem: Als «Botschafter des Waldes» leistet Peter Wohlleben wichtige Arbeit. Man kann sich allerdings fragen, ob er inzwischen nicht etwas aus dem Tritt geraten ist. Bücher, Kolumnen, Kalender, TV-Sendungen, eine Zeitschrift, TV-Auftritte, eine eigene Wald-Akademie und jetzt noch ein Film – der «gmögige Förster» droht, zur Marke zu werden. Und gelegentlich hat man den Eindruck: Das wirkt jetzt doch etwas fliessbandhaft und routiniert. Da ist viel Marketing und Kalkül im Spiel. Vor allem bei den Büchern.

 

 

 

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