, 20. November 2013
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Der goldene St.Galler Fussballsommer

Einen Sommer lang boten der SC Brühl und der FC St.Gallen ein grossartiges Spiel nach dem anderen. Ein Rückblick auf Monate, die man besser gut in Erinnerung behält.

Im Fanshop des Liberty Stadiums in Swansea gibt es ein Buch über die Geschichte des walisischen Klubs und seiner Anhänger. Es heisst «Swansea ’til I die». Zu Wort kommen vor allem die Fans selber, schön geordnet nach Rubriken. Eine davon heisst «One of the most depressing Days of my Life». Es geht natürlich um Geschichten über die schlimmsten Niederlagen, die die Anhänger erdulden mussten.

Kommt man aus St.Gallen, findet man das Kapitel erstaunlich kurz.

Würde man ein ähnliches Projekt gemeinsam mit Anhängern des SC Brühl und des FC St.Gallen herausgeben, würden die «most depressing Days» wohl fast das ganze Buch füllen. Das kurze Kapitel mit den euphorischen Erlebnissen – im Swansea-Buch heisst es «What a perfect Day» – könnte dann heissen: Der goldene Sommer 2013.

Wer in diesen Monaten zwischen der Fussballarena in der Industriezone und dem Paul Grüninger Stadion im Stadtquartier im Osten hin und her pendelte, konnte vielleicht zum ersten mal einen Begriff aus dem Worthülsen-Fundus des Stadtpräsidenten mit Inhalt füllen: Standortqualität.

Alles begann am 17. August, als der SC Brühl im Cup den FC Winterthur hinauswarf. Aranit Lazraj ist vielleicht nur der Goalie Nummer drei, aber an diesem Tag hielt er alles. Auch den einen Penalty im Elfmeterschiessen, der den Sieg brachte. Hinter seinem Tor stand konsterniert die Winterthurer Fankurve, im Rest des Stadions jubelten die Brühler.

22. August: FC St.Gallen – Spartak Moskau 1:1. Mit seinem Kopfballtor zum 1:1 wischte Mathys alle Zweifel an seinen Fähigkeiten weg – auch seine eigenen. Er spielte seither völlig zu Recht und unangefochten auf der Scarione-Position.

28. August: SC Brühl – FC Köniz 3:0. Grossartige Unterhaltung. Mit Köniz kam der damalige Leader der Promotion League mit Spielern wie Portillo, Varela, Tchouga. Die Brühler spielten sie aus und gewannen.

29. August: Spartak Moskau – FC St.Gallen 2:4. Das Spiel der Spiele. Der Höhepunkt in der 88. Minute beim Stand von 2:3: Spartak macht Druck, wirft alles in den Angriff. Fans halten es vor dem Fernseher nicht mehr aus und gehen spazieren. Andere berichten von Ausschlägen am ganzen Körper – wegen der  Spannung. Da kommt Dejan Janjatovic an den Ball, an der Seitenlinie. Statt einen Einwurf zu provozieren, lässt er mit einer Körpertäuschung zwei Gegner stehen, läuft in den Strafraum und spitzelt den Ball im letztmöglichen Moment an Torhüter Pesjakow vorbei ins Netz. Ein Tor fürs Geschichtsbuch.

1. September: FC St.Gallen – Luzern 4:1. Sind die St.Galler müde? Karanovic schiesst drei Tore und die Luzerner suchen nach Erklärungen.

4. September: 560 Zuschauer sehen SC Brühl – YF Juventus. Es steht 1:1 als der Brasilianer Sidinei de Oliveira seinen grossen Auftritt hat. Der Vizepräsident des SC Brühl jubelt und ruft fast gleichzeitig: «Mir hend Video». Genau, hier.

14. September: SC Brühl – Schaffhausen 3:2. Das perfekte Drehbuch. Zur Pause führt Schaffhausen im Cupmatch mit 2:0 und Brühl spielt nur noch in Unterzahl. Zuerst holt der Platzklub die beiden Tore auf, dann hat Egzon Shabani seinen grossen Auftritt. Einen Konterangriff schliesst er in der 82. Minute aus vollem Lauf mit einem technisch perfekten Heber über den gegnerischen Torhüter ab: 3:2 und Schaffhausen ist ausgeschieden.

19. September: FC St.Gallen – Kuban Krasnodar. Wie gut sind die anderen Russen? St.Gallen ist besser und gewinnt mit 2:0.

3. Oktober: FC St.Gallen – Swansea. Das Liberty Stadium ist hässlicher als die AFG-Arena. Karanovic ist nicht Panenka. Am anderen Tag schreibt die «Western Mail» von «Swiss pass-masters». Nach den 90 Minuten lotsen berittene Polizisten die Anhänger zu einem nächtlichen Marsch durch das verregnete Swansea – bis zur Wind Street, wo die Pubs warten.

7. November: FC St.Gallen – Valencia. Saibene lässt seine Mannschaft im Vergleich zum Hinspiel zehn Meter weiter nach vorne rücken, zwingt Valencia zu Rückgaben zum eigenen Torhüter und diesen zu weiten Abschlägen. Der zwischenzeitliche Führungstreffer zum 2:1 durch Karanovic ist der bisher grösste Moment in der fünfjährigen Geschichte der Arena.

9. November: SC Brühl – Lausanne. Es ist kalt, der Sommer weit weg und den SC Brühl hat das Glück verlassen. Die Niederlage ist unerklärlich, unverdient.

10. November: St.Gallen – Aarau 4:0. Es hätte das St.Galler Cup-Wochenende werden können. Aarau spielt in der zweiten Halbzeit so, dass man nachzählt: Sind es ebenfalls elf Spieler? St.Gallen spielt ein bisschen spanisch und hätte noch mehr Tore schiessen können.

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