, 12. April 2019
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Der grosse Plan und die grosse Umarmung

Heute ist im Stiftsbezirk die Ausstellung «Das Wunder der Überlieferung» eröffnet worden. Rund um den bisher der Öffentlichkeit verschlossenen St.Galler Klosterplan aus dem Jahr 830 zeigt das Stiftsarchiv Schätze aus dem Frühmittelalter. Bundesrat Alain Berset lobte den Blick zurück als Blick nach vorn.

Bundesrat Alain Berset beim Urkundenstudium, links Stiftsarchivar Peter Erhart und Stadträtin Maria Pappa, rechts Regierungsrat Stefan Kölliker. (Bilder: Staatskanzlei)

Die schweren Fluchtkisten stapeln sich an der hintersten Wand der neuen Ausstellung im Nordflügel des Regierungsgebäudes. In den Kisten haben die St.Galler Mönche die unersetzlichen Urkunden jeweils verstaut und versteckt, wenn der Feind kam. Das waren, im Toggenburgerkrieg Anfang des 18. Jahrhunderts, die Reformierten. Und an dessen Ende die Revolutionäre aus Frankreich. Letztere machten dem Kloster den Garaus – aber die Klosterschätze kamen ein paar Jahre später, 1804 zurück.

20 Sekunden Gänsehaut

Die Kisten, sagt Stiftsarchivar Peter Erhart beim Rundgang, wurden zuletzt im Zweiten Weltkrieg benutzt, als die St.Galler Urkunden ins Reduit gebracht wurden. Heute sind sie bloss noch Dekoration. Der Staat nimmt der Kirche nichts mehr weg; der Klosterplan, St.Gallens «Mona Lisa» aus dem 9. Jahrhundert, muss nicht mehr vor politischen oder religiösen Feinden, sondern vor Touristen und deren Blitzlichtgewittern und Schweissausbrüchen geschützt werden.

In einem geschlossenen Raum, einer Art Kaaba, ist der Plan daher eingeschlossen. Ein Film führt in seine Inhalte ein, dann taucht er 20 Sekunden auf und verschwindet wieder im Dunkeln, bis zur nächsten Besuchergruppe. Ein digitaler Countdown über der Türe zeigt an, wann sich der Schlund das nächste Mal öffnen wird.

Der St.Galler Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert ist der weltweit älteste Architekturplan des frühen Mittelalters. (Klick zum Vergrössern)

Es ist ein Gänsehaut-Moment… die Naht, die die fünf Pergamente zusammenhält… das Gewellte und Geknitterte… die drei verschiedenen Tinten… vielleicht gibt es das, die Ausstrahlung eines mehr als 1000-jährigen Originals, vielleicht ist es bloss Einbildung. Auch Bundesrat Alain Berset spricht am Festakt im Pfalzkeller mit Walter Benjamin von der Aura des Kunstwerks «im Zeitalter seiner digitalen Reproduzierbarkeit».

Berset erinnert zudem daran, wie wichtig das Wissen um die Geschichte ist, gerade im heutigen «Gegenwarts-Taumel», in dem das Vergangene in Vergessenheit zu geraten oder bloss als Klischee zu überleben drohe. «Wir brauchen die Orientierungskraft, das Perspektivische, das Verbindende, das in unserem Kulturerbe steckt. Der Blick zurück ist immer auch ein Blick nach vorn.» Dass der Kulturminister für beides zu haben ist, bewies sein weiteres Tagesprogramm: Am Nachmittag war er Gast im Sitterwerk und der dortigen Bibliothek, am Abend referierte er in Trogen über die AHV.

Bundesrat Alain Berset lässt sich die Sitterwerk-Bibliothek erklären. (Bild: Katalin Deér)

Männerkloster damals, Männergremien heute

Bisher war der St.Galler Klosterplan Normalsterblichen aus konservatorischen Gründen nicht zugänglich. Jetzt hat das kostbare Pergament den Ehrenplatz im neuen Ausstellungssaal und soll die Touristen in Scharen anlocken. Darum herum in gedämpften Braun- und Blautönen, sehr sorgfältig präsentiert: Vitrinen, ein Relief, ein Film und viel Anschauungsmaterial zur Geschichte des Stiftsarchivs, zum Handwerk des Schreibens, zum Alltag und zu den politischen Verhältnissen im Frühmittelalter, 700 bis 1000 n. Chr. Die von Stiftsarchiv und Stiftsbibliothek gemeinsam konzipierte Schau ist anspruchsvoll, sie zwingt zum Schauen und Lesen. Und im Idealfall, wie Regierungsrat Martin Klöti sagt, regt sie zum Weiterdenken an.

Im St.Galler Professbuch sind die Gelübde festgehalten, durch die sich die St.Galler Mönche auf Lebenszeit zum Verbleiben im ehemaligen Kloster St.Gallen, zum Gehorsam gegenüber dem Abt und zum sittenstrengen Wandel verpflichteten. (Klick zum Vergrössern)

Klöti schlägt beispielhafte, auch kritische Bögen vom Damals zum Heute: etwa mit Verweis auf die Schreibkünste von damals und die Medienkompetenz von heute, die hier wie dort Zugang zur Macht bedeute. Oder mit dem Hinweis, dass Archive einst das Wissen unter Verschluss hielten und sich heute geöffnet haben, so wie das Staatsarchiv für die Opfer der administrativen Zwangsversorgungen.

Eröffnung für das Publikum: 13. April 10 bis 17 Uhr

stiftsbezirk.ch

St.Gallen hat es an diesem Eröffnungsmorgen mit den Superlativen: eine der ältesten und reichsten Bibliotheken der Welt, ein Ort von geistesgeschichtlichem Weltruhm und Zentrum der abendländischen Kultur, eine einmalige Dichte von Urkunden aus dem Frühmittelalter im Stiftsarchiv, das weltweit führende Archiv jener Epoche… Und mit dem jahrelangen Planungsprozess für die jetzige Ausstellung seien sich St.Galler Staat und Kirche so nah gekommen wie nie in den mehr als 200 Jahren seit der Kantonsgründung, sagt Klöti.

An der Eröffnung durchschneiden die Vertreter der Staatsmacht das rote Band denn auch gemeinsam mit den Repräsentanten der Kirche: Bundesrat Alain Berset, die St.Galler Regierungsräte Stefan Kölliker und Martin Klöti, Administrationsrats-Präsident Martin Gehrer, Stiftsarchivar Peter Erhart und Stiftsbibliothekar Cornel Dora. Als einzige Frau mit dabei: Stadträtin Maria Pappa. Nachher beim Festakt im vollen Pfalzkeller werden sie erschöpfend aufgezählt, die Spitzen von Justiz, Kirche, Politik, Wirtschaft und Kultur. Auch hier: Nicht nur die katholische Kirche ist noch immer (fast) fest in Männerhand.

Der Niedergang des Klosters, nach Meienberg

1798, vor 220 Jahren war der letzte Fürstabt Pankraz Vorster aus dem Kloster vertrieben worden und kämpfte danach jahrzehntelang und noch vor dem Wiener Kongress als «prince-abbé de Saint-Gall» für die Restitution des Stifts und der fürstäbtischen Besitztümer – für ein Territorium, «das nur noch aus ihm selbst bestand», wie Niklaus Meienberg schreibt. Meienberg hat die Geschichte des Niedergangs von Kloster und ancien régime in seinem Essay Zahl nünt du bist nünt scholdig farbig geschildert, 1985 in der Wochenzeitung.

An ihn darf man auch deshalb erinnern, weil im Saal, der jetzt den Klosterplan beherbergt, 2013 die vielbeachtete Ausstellung über Niklaus Meienberg stattgefunden hatte. Und weil er im zitierten Text den damaligen Umbruch von Alt zu Neu brillant nachgezeichnet hat. Wäre er heute dabei gewesen, hätte er vielleicht über Reliquienkult anno dazumal und heute nachgedacht. Oder er hätte Parallelen gezogen zwischen dem in der Ausstellung nachgestellten Besuch des Kaisers im 9. Jahrhundert im damaligen Kloster und der Visite des Kulturministers heute.

Ankunft auf dem Klosterplatz: Bundesrat Berset, Regierungsräte Kölliker und Klöti.

Die neue Ausstellung schlägt den Bogen allerdings ausdrücklich nicht in die Gegenwart. Sie konzentriert sich auf die erste Blütezeit des Klosters, auf deren herausragende Quelle, den Klosterplan, und auf die Fülle der weiteren Urkunden. Sie machten das St.Galler Stiftsarchiv zum «Pompeji der frühmittelalterlichen Urkundenüberlieferung», steht in der Ausstellung geschrieben.

An Pompeji, an die Statuen von Bam und unzählige andere Kulturgüter, die von Kriegen und Katastrophen zerstört worden sind, erinnert eine ausführliche Chronik am Eingang der Ausstellung. Es ist ein nachdenklich stimmender Auftakt. Der St.Galler Klosterplan ist verschont geblieben und heute wieder zu bewundern. Das ist vielleicht nicht gerade ein «Wunder der Überlieferung», wie der Titel der Ausstellung lautet. Aber ein Glück. Und eine konservatorische Meisterleistung.

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