, 28. März 2014
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Der güldene Sozialstaat

Darf ein Wohnheim für schwierige Jugendliche einen Anbau erstellen, dessen Hülle golden glänzt? Nein, schreibt Kurt Weigelt, Direktor der St.Galler Industrie- und Handelskammer auf Facebook. Es stört ihn die Symbolik. von Felix Mätzler

Carlos sei Dank. Seit bekannt ist, dass die Resozialisierung eines schwierigen Jugendlichen den Steuerzahler gut und gerne zehntausend und mehr Franken pro Monat kostet, wettern Wutbürger aus allen Rohren und in allen Foren gegen den Sozialstaat in all seinen Facetten.

Zu ihnen gesellt sich nun auch Kurt Weigelt, Präsident der St.Galler Industrie- und Handelskammer IHK, unlängst aufgefallen mit einer Spitalstudie und dem Vorschlag, das St.Galler Kantonsspital irgendwo ausserhalb der Stadt neu zu bauen.

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Das Foto von Weigelts Facebook-Post

Weigelts neustes Bauprojekt ist etwas kleiner und steht am Anfang der Müller-Friedberg-Strasse. Doch nicht Weigelt baut, sondern das Wohnheim Varnbüel. Es hat einen Pavillon in Würfelform errichtet, darin ist ein Esssaal untergebracht. Der Architekt hat sich für eine Aussenverkleidung aus Messing entschieden. Diese soll später einmal einen holzigen Charakter erhalten, zurzeit aber glänzt sie noch goldig.

Weigelt, der jeden Tag am Haus vorbei geht, stört sich am neuen «Goldwürfel» und hat seinem Ärger unlängst in einem Facebook-Post zum Ausdruck gebracht. Im Wohnheim Varnbüel, so muss man noch wissen, leben Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren mit sozialen oder psychischen Schwierigkeiten. Und so weiss Weigelt aus dem Jahresbericht des Wohnheims: «Der finanzielle Aufwand pro Bewohner/in liegt deutlich über Fr. 100’000.- pro Jahr.»

Und nun sei also dieser «neue, güldene Gartenpavillon»  fertig gestellt worden: «Gar nicht gut», meint Weigelt. «Besser kann man wohl kaum dokumentieren, wie sehr unser Sozialstaat aus dem Ruder gelaufen ist.»

Auf telefonische Nachfrage präzisiert Weigelt: «Es stört mich einfach, wie soziale Institutionen mit öffentlichen Geldern umgehen.» Darauf angesprochen, dass die Verkleidung aus Messing sei, und damit günstiger als Eternit, sagt Weigelt: «Mich stört eben auch die Symbolik». Welche Farbe die Symbolik eines Wohnheimes für schwierige Jugendliche denn besser unterstreichen würde, mag Weigelt dann nicht mehr beantworten.

Bereits hat der Facebook-Eintrag des IHK-Direktors Kommentare anderer Wutbürger nach sich gezogen, und nicht nur von Weigelts Untergebenen. «Carlos lässt grüssen», wettert einer, ein anderer schimpft gegen die SP (ohne allerdings zu sagen, was die SP denn mit dem Umbau zu tun haben soll) und jammert: «Und wir kämpfen um jeden Fünfer…».

Bereits ist die Geschichte auch bei der «Weltwoche» angelangt. Christoph Landolt, knapp Dreissig, Weltwoche-Inlandredaktor und Ostschweizer, ist sich aber noch nicht sicher, ob er die Geschichte denn bringen will: «Zurzeit habe ich noch anderes auf dem Tisch». 

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