«Vom Bühnenhimmel fallen Schnipsel. Geschredderte Fichen. Oder sind es Schnipsel der Geschichte? … Oder ist es einfach nur Schnee. Der Blick in eine weite Winterlandschaft.» So heisst die Regieanweisung fast am Schluss des Stücks. In der Lokremise wird sie gesprochen, es fallen keine Schnipsel und auch sonst fällt nichts vom Bühnenhimmel. Aber draussen fängt es an zu schneien, gerade in diesem Moment. Theater ist draussen – drinnen vermisst man es.
Dabei hätten Schneeflocken oder Fichenschnipsel wunderbar in die melancholische Schlussstimmung von «Lugano Paradiso» gepasst. Andreas Sauter und Regisseur Jonas Knecht bringen das politisch kontroverse, die Welt wie die Schweiz erschütternde Riesenthema der Bürger-Überwachung nicht als wütenden Protest auf die Bühne, sondern in einer Haltung der Neugier, des Wissenwollens und des Staunens über das Ausmass und die Naivität zugleich der Volksbespitzelung.
Ein weites Minenfeld
Das Thema, das sich der St.Galler Schauspieldirektor und der in Berlin lebende Theaterautor vorgenommen haben, ist gigantisch, zu gross für einen einzigen Theaterabend. In einem rasenden Zeitraffer spannt sich der Bogen von Bundesrat Etters Aufruf zur Geistigen Landesverteidigung der Dreissigerjahre über Reduitbau, Antikommunismus, Kalten Krieg, Atombewaffnung, Fichenskandal, Geheimarmee P-26, Rüstungsgeschäfte, Deals mit der DDR, Mauerfall und Zusammenbruch der Sowjetunion bis zum heutigen «gläsernen» Bürger.
Autor Sauter hat sich blendend informiert, hat Quellen studiert (die Literaturliste im Buch zum Stück, welches am Samstag in der Lokremise vorgestellt wird, umfasst allein mehrere Seiten) und diverse Zeitzeugen befragt. Das Ergebnis ist eine fundierte Seminararbeit zum Kalten Krieg, eine faktenreiche Recherche – aber noch kein Theaterstück. Und so bleibt es auch in der Inszenierung von Jonas Knecht weitgehend: eine Mischung aus Referat und Hörspiel mit szenischen Eingriffen, die allzu rar bleiben und die Möglichkeiten, welche das 13köpfige Ensemble aus Schauspielerinnen, Tänzern und Musikern bieten würde, nur erahnen lassen.
Hermann (Bruno Riedl) wird befragt von Diana Dengler (rechts) und Anja Tobler.
Fraglos ist: Man lernt viel. Man lernt zum Beispiel die Story von Ottokar Hermann kennen, die allein einen prallen Theaterabend hergeben würde: Hermann, Sudetendeutscher, SS-Mann und Unternehmer mit Riecher fürs illegal Rentable, hat über Jahrzehnte vom Tessin aus (daher der Stücktitel «Lugano Paradiso») mit der DDR trotz Handelsembargo geschäftet. Und dabei nicht nur sich und den Schweizer Staat bereichert, sondern auch zur Existenzsicherung der offiziell als Klassenfeind geltenden DDR beigetragen.
Bruno Riedl spielt Ottokar als den Mann von Welt, der von allem nichts gewusst haben will und seine Hände in Unschuld wäscht – worin ihm die Schweizer Behörden brav gefolgt sind, ihn zwar jahrelang überwacht, aber dann 1985 anstandslos eingebürgert haben.
Hermanns wahre Geschichte wirft ein übles Licht auf die Doppelmoral der vordergründig neutralen und im Hintergrund profitsüchtigen Schweiz des Kalten Kriegs. Theatralisch kommt sie pikanterweise im Kino am stärksten zur Geltung – im zweiten Stückteil, für den das Publikum ins Kinok disloziert, sieht man Riedl per Überwachungskamera bei seinen schmutzig-sauberen Geschäften. Drehort des Agententhrillers: die Lokremise selber.
Jessica Cuna (Mitte) und das Ensemble in der «Protection»-Ausstellung.
Die filmische Umsetzung ist witzig und beklemmend – die anschliessenden Szenen in der Kunstzone geraten dafür umso dürftiger. In der klinischen Umgebung von Bettina Pousttchis Ausstellung «Protection» verlieren sich die Tanzkompagnie und die Schauspieler in Andeutungen von Folter und Unterdrückung. Hintergrund ist das Schicksal der hunderttausenden von Opfern der DDR-Stasi, die wegen Nichtigkeiten eingesperrt wurden und deren Lebensweg der Staat zerstört hat.
Jessica Cuna übernimmt hier die Hauptrolle mit dem Monolog von Stasiopfer Jessica Schwartz. Verhaftung wegen dem Lesen einer kritischen Zeitschrift, Verhöre und Folter gemäss dem «Zersetzungsmassnahmenplan» ihrer Peiniger, dreieinhalb Jahre Knast und die Erfahrung eines bodenlosen Nichts: Trotz dieser Horrorgeschichte will sich kein Bedrohungs- oder Beklemmungsgefühl einstellen. Die Figur verzettelt sich im Publikum und im weiten Raum der Kunstzone, die Choreographien (Sergiu Matis) sind allzu fahrig und nicht auf den Punkt gebracht. Was sich in diesem rund halbstündigen Mittelteil des Stücks einstellt, ist Langeweile – tatsächlich die schlimmste Theaterfolter, aber so wars wohl nicht gedacht.
Ein einig Volk von «Indiänerli»
Stärker ist der etwa einstündige Auftakt im Theatersaal. Hier ist der Schweizer Staatsschutz in seiner ganzen lächerlichen Methodik zu erleben. Auf einem angedeuteten Fels, dahinter der Eingang zum Betonbunker, üben die angehenden Staatsschutzbeamten (Stefanie Fischer, Swane Küpper, Emily Pak und Giulio Panzi von der Tanzkompagnie, kommandiert von Fabian Müller) die Kunst des Fichen-Anlegens, die Observation verdächtiger, vorzugsweise linker «Elemente» und das Verhalten im Fall eines russischen Atomangriffs. Zwischendurch wird auch das Publikum observiert. «Versucht sich normal zu benehmen»: Wir sind ertappt, aber das bleibt folgenlos.
Eingeblendet in diese Fichen-Pantomime werden zwei Biographien, wie sie typisch waren für den bedrohungs-hysterischen helvetischen Zeitgeist.
Ilka Baer, Deckname Susi, wurde für die Ostschweizer «Zelle» der Geheimarmee P-26 angeheuert. Anstelle der verunfallten Birgit Bücker spielt Souffleuse Dorothea Gilgen die sympathische Ilka, die ihr Funkgerät bis am Ende nie erhalten hat, die im Geheimbunker in Gstaad das Löten von Apparaten und das Verstellen von Wegweisern zur Verwirrung des Feinds gelernt hat und von sich sagt: «Eine Heldin war ich nicht.» Aber auch: P-26 war mehr als «Indiänerlis» – man glaubte an die Rettung der Schweiz nach einem allfälligen Einmarsch der Russen. Ilkas Geschichte basiert wesentlich auf den Erinnerungen der realen «Susi», der St.Gallerin Susi Noger, Deckname «Tina».
Fichenopfer Müller (Hans Rudolf Spühler) im Visier der Staatsschützer (Fabian Müller, Jessica Cuna).
Peter Müller heisst im Stück der andere Protagonist: In jungen Jahren Mitglied der Revolutionären Marxistischen Liga, wird er observiert und fichiert, verliert seine Stelle als Bibliothekar, wird das Stigma des «Staatsfeinds» nicht mehr los und bleibt der engagierte Zeitgenosse, der das Publikum am Ende daran erinnert, was heute wieder zentral bedroht sei: die Demokratie. Wesentliche Puzzleteile zu dieser Figur stammen aus Recherchegesprächen mit dem «Tagblatt»-Auslandredaktor Walter Brehm sowie mit anderen Fichenopfern. Hans Rudolf Spühler spielt Müller mit einer knurrigen Herzlichkeit.
Lugano Paradiso: nächste Vorstellungen 27. März, 4., 6. April Buchpremiere und Podium: 24. März, 20 Uhr Lokremise St.Gallen
theatersg.ch
Einmal wird Müller morgens um sechs von zwei Staatsschützern aus dem Bett geholt. Sie werden handgreiflich, und mit ihnen die Inszenierung. Da blitzt Theater auf, wie später noch einmal beim (zum Glück bloss eingebildeten) atomaren Angriff und den flammenden Appellen des ins irische Exil geflüchteten Bundesrats. Da kann endlich, treu nach einem US-Schulungsfilm, die vorher brav geübte Kunst des «duck and cover» angewendet werden. Und da kommt auch die Musik in Fahrt, Andi Peter und Nico Feer intonieren erst stockend, dann immer standfester die Nationalhymne, das ganze Ensemble richtet sich am «einig Volk von Brüdern» auf, und der Dritte Weltkrieg schrammt knapp noch einmal an der Eidgenossenschaft vorbei.
Zu viel Diskurs, zuwenig Spiel
Solche Szenen bleiben aber rar. Der Skandal der Überwachung wird faktenreich beschrieben, aber körperlich nicht spürbar, sowenig wie die Ungeheuerlichkeiten der heutigen Big Data-Realität. Auch die Bühne von Markus Karner ist starr, mit Ausnahme eines (wie im Restaurant Lok) munter fahrenden Tischs samt Bank. Er ist die Kommandozentrale, der Standort der Erzählerinnen Diana Dengler und Anja Tobler. Die beiden liefern souverän und aufopferungsvoll den faktenreichen historischen Soundtrack. Aber auch sie können das Korsett des Vorlesungstheaters nicht sprengen.
Goldverpackt: Das Finale. (Bilder: Iko Freese)
Das Schlussbild ist bezeichnend dafür: Bühne und Kulissen sind überdeckt mit goldglänzenden Tüchern. Die Schweiz kehrt ihre Vergangenheit unter den Geldteppich: So vielleicht könnte man das Bild übersetzen. Das Tuch bleibt bis zum Schluss, keiner, der es wegzerrt. Und die aktuellsten Bezüge des Stücks, die Aufrufe zu einer Art «Bürgerwehr» im St.Galler Linsebühl-Quartier, auf dass dort der Drogenkonsum «auf quartierverträglichem Niveau» bleibe, gehen unter.
Sauter und Knecht liefern Diskussionsmaterial zu einem noch immer oder bereits wieder verdrängten und vergessenen Stück fataler Schweizer Geschichte – das ist die grosse Leistung dieses langen Theaterabends. Aber die Bedrohung bleibt ebenso Behauptung wie die spartenübergreifende Zusammenarbeit von Kino, Kunstmuseum und Theater. Das Kino folgt allerdings mit einer einschlägigen Filmreihe im April (mehr dazu im Aprilheft von Saiten).
In Lugano Paradiso aber lässt einen der Kalte Krieg höchstens ab und zu ein bisschen frösteln. Kalt oder auch heiss wird er nicht.
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.