, 27. Dezember 2019
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Der Kasztner-Transport in St.Gallen

Auf ihrem Weg vom KZ Bergen-Belsen in die Freiheit machten 1944 etwa 1400 jüdische Häftlinge Zwischenhalt in St.Gallen. Dieses wenig bekannte Stück Flüchtlings- und Stadtgeschichte wurde jetzt aufgearbeitet.

Rabbi Lothar Rothschild hält eine Ansprache vor den Ankömmlingen aus dem KZ Bergen-Belsen, Kaserne St. Gallen, 9. Dezember 1944. (Bild: Staatsarchiv Aargau/Ringier Bildarchiv)

An der Finissage zur Sonderausstellung Kinder im KZ Bergen-Belsen im Historischen und Völkerkunde-Museum St.Gallen (HVM) wurde Ende September die Broschüre Licht am Ende der Nacht – Die Transporte aus dem KZ Bergen-Belsen nach St.Gallen veröffentlicht. Diana Gring von der Gedenkstätte Bergen-Belsen und Peter Müller vom HVM haben in gemeinsamer Recherchearbeit eine Brücke geschlagen zwischen der Geschichte des Holocaust und einem bisher kaum beleuchteten Stück St.Galler Stadtgeschichte.

Diana Gring und Peter Müller: Licht am Ende der Nacht. Die Transporte aus dem KZ Bergen-Belsen nach St.Gallen, St.Gallen 2019. Fr. 10.–

Zu beziehen im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen.

hvmsg.ch

Gut dokumentiert waren bisher etwa der Transport von 1200 Häftlingen aus Theresienstadt, die im Februar 1945 in St.Gallen ankamen, und natürlich das beispiellose Engagement des St.Galler Polizeikommandanten Paul Grüninger am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Weniger bekannt war bisher die Geschichte des sogenannten Kasztner-Transports, in dem rund 1700 jüdische Familien zunächst aus Ungarn ins KZ Bergen-Belsen und danach nach St.Gallen gebracht worden waren. Diese Lücke in der Geschichtsschreibung beginnt sich mit der Arbeit von Gring und Müller zu schliessen.

Dem ungarischen Juristen und Journalisten Reszö Kasztner gelang es als Verhandlungsführer eines jüdisch-zionistischen Hilfs- und Rettungskomitees, 1700 Juden für eine Kopfgeldsumme von etwa 1000 Dollar aus den Fängen des deutschen Terrorapparats freizukaufen. Aus den Verhandlungen resultierte eine Liste mit Personen, die den Querschnitt der ungarisch-jüdischen Gesellschaft abbilden sollten.

Eine Seite aus der «Kasztner-Liste» von 1944. (Bild: The Central Archives for the History of the Jewish People)

Vom Zug aus sah man die Bomben fallen

Natürlich figurierten einige reiche Familien, die für den Grossteil der Lösegeldsummen aufkamen, auf den Listen, ausserdem wichtige Persönlichkeiten aus Politik, Religion, Kultur und Wissenschaft. Der St.Galler Arzt Richard von Fels schrieb später in sein Tagebuch, es seien «ziemlich viel intellektuelle und begüterte Juden» dabei gewesen. Aber auch zionistische Jugendgruppen, Waisenkinder und weitere Alters- und Berufsgruppen kamen zum Zug. Auch Kasztners Familie gehörte zu den Auserwählten der «Arche Noah», wie der Transport wohl vor allem von jenen genannt wurde, die das Glück hatten dazuzugehören.

Am 30. Juni 1944 verliess der «Kasztner-Transport» Budapest. Es war eine Reise ins Ungewisse, die Häftlinge hofften auf baldige Freilassung. Doch die SS behielt sie in Geiselhaft. Nach neun Tagen erreichte der Zug das KZ Bergen-Belsen, wo zwei grosse Barracken einen neuen Lagerabschnitt bildeten – das «Ungarnlager». Drei Menschen starben im Lager, sechs Kinder kamen zur Welt. Die Verhandlungen zwischen Juden und der Reichsverwaltung dauerten indes an.

Ende August durfte eine erste Gruppe nach Basel in die Freiheit ausreisen. Die verbliebenen 1400 Personen bangten weiterhin um ihr Leben. Am 4. Dezember konnten auch fast alle restlichen Häftlinge aus dem Kasztner-Transport das KZ Bergen-Belsen verlassen. Das Reich befand sich in Auflösung, um den Zug fielen die Bomben der Alliierten. «Ein schrecklicher und gleichzeitig erhebender Anblick», erinnerte sich etwa der ehemalige Häftling Yehuda Blum.

Am 7. Dezember um 2.30 Uhr erreichte der Zug St.Gallen. Die Kranken wurden sofort hospitalisiert und die anderen Befreiten in der Kaserne und in der Turnhalle Kreuzbleiche untergebracht – weitgehend abgeschirmt vor der Öffentlichkeit. Auf den Befreiten Ladislaus Löb machte vor allem die mit Lichtschnüren weihnachtlich beleuchtete Stadt Eindruck: «Wieder staunten wir über das viele Licht. Die meisten Einheimischen schliefen schon hinter geschlossenen Fensterläden, aber die Strassenlaternen, Schaufenster und Autos spendeten mitten in der Nacht eine Helligkeit, die uns nach dem Dunkel in Bergen-Belsen gleichzeitig erregte und beunruhigte.»

Elisabeth Paloti erinnerte sich: «Lasst mich erzählen, dass ich vor Angst und Kälte zitternd, die Schwelle der Kaserne übertrat, und erschrocken den Turm der Wache suchte, aus dem Soldatenblicke meinen Schritten folgen. Erst viel später konnte ich begreifen, dass dies Land hier keinen Wächter kennt.» Jenö Kolb beschrieb die «Operettenhaftigkeit» der Schweizer Soldaten: Das Gewehr hielten sie wie einen Säugling und ebenso salutierten sie. Die Offiziere hätten immer Bonbons und andere Süssigkeiten dabei gehabt für die Kinder.

Ungarische Flüchtlingskinder aus dem KZ Bergen-Belsen sind in der Kaserne St.Gallen eingetroffen, 9. Dezember 1944. (Bild: Staatsarchiv Aargau/Ringier Bildarchiv)

Eines Morgens erschien ein Oberst, der Chefpsychologe der Schweizer Armee. Die Anwesenden erschraken zuerst. Die Situation entspannte sich aber, als sich der Oberst nach Leopold Szondi, einem bekannten ungarisch-jüdischen Psychologen, erkundigte. Dieser befand sich unter den Befreiten und signierte dem Schweizer Offizier gerne eines seiner Bücher.

Der Kontakt zur Bevölkerung bestand vornehmlich aus Wachsoldaten, Rotkreuzschwestern und einzelnen Vertretern der jüdischen Gemeinde St.Gallen. Nur einmal, zum Chanukka-Fest am 11. Dezember, waren einige St.Gallerinnen und St.Galler anwesend und verteilten Süssigkeiten und Äpfel.

Frei und doch nicht frei

Frei waren die Befreiten aber nicht: Formal waren sie ohne Einreisebewilligung in die Schweiz gekommen. Sie unterstanden damit der Bundespolizei, durften in der Schweiz nicht frei reisen und keine Arbeit aufnehmen. Zwischen 8. und 14. Dezember erfolgte der Weitertransport gestaffelt in Gruppen zu 100 bis 500 Personen nach Caux, einem Kurort oberhalb von Montreux. In den Hotels Esplanade und Regina wurden sie untergebracht.

Trotz erkennungsdienstlicher Erfassung, die bereits in St.Gallen erfolgt war, mussten sie umfangreiche Fragebögen ausfüllen, wenn sie sich Flüchtlingsausweise ausstellen lassen wollten. In ihrer Verzweiflung gaben viele Familien ihre Kinder in zionistische Kinderheime. Und besonders bitter: Jede Flüchtlingsfamilie erhielt beim Verlassen des Landes eine kleinlich zusammengestellte Rechnung für die «Pensionskosten» in den Auffanglagern in St.Gallen und Caux.

Diana Gring und Peter Müller haben in ihrer Broschüre Quellenbestände aus dem KZ Bergen-Belsen und St.Gallen zusammengeführt. Sie beschreiben nicht nur den Kasztner-Transport, sondern auch den deutsch-amerikanischen Zivilinternierten-Austausch vom Januar 1945, bei dem 300 Austauschhäftlinge von Bergen über Kreuzlingen, St.Gallen und Bühler nach Genf gebracht wurden. Die reichhaltige Bebilderung und die vielen eingestreuten Zitate von Zeitzeugen bieten auf eindrückliche Weise Einblick in die Realitäten der Menschen, die den Fängen des Nationalsozialismus entronnen waren und auf ihrem Weg Halt in St.Gallen machten.

Peter Müller hat sogar auf den jüdischen Friedhöfen in Kreuzlingen und St.Gallen recherchiert und konnte so jene acht Personen identifizieren, die auf den Transporten aus dem KZ Bergen-Belsen umgekommen waren und in der Schweiz beerdigt wurden.

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