, 26. November 2014
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Der klingende Tramp

Charlie Chaplin, Komponist: Diese wenig bekannte Seite des Filmkomikers ist jetzt im Konzert zu hören und zu sehen, in «City Lights». Charles Uzor ist begeistert.

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Weg da… – Szene aus «Kids Auto Races at Venice».

100 Jahre nach der Geburt des «Tramp» begleitet die Basel Sinfonietta «City Lights» auf Grossleinwand live mit der Originalmusik, die Charlie Chaplin für den Stummfilm komponierte. Die 150 Seiten starke, von Arthur Johnston und Carl Davis arrangierte und restaurierte Partitur erhält unter der Leitung von Helmut Imig eine hervorragende Aufführung, die gerade durch ihre Schlankheit das optische Narrativ weiterführt. Die nostalgisch-rührselige Atmosphäre, wie wir sie von alten Stummfilm-Tonbändern kennen, weicht einem luziden Klang, der die Tiefenwirkung der 1931 gedrehten Geschichte auffrischt.

Achterbahn von Glück und Pech

Den Auftakt zum Filmkonzert macht «Kid Auto Races at Venice», ein 1914 auch als «The Pest» produzierter Kurzfilm, der praktisch gleichzeitig mit dem Film «Mabel’s Strange Predicament» die Geburt der Trampfigur als poetische Chiffre Chaplin’scher Eleganz und Schäbigkeit markiert: verbeulte und verdrehte Latschen, Zweifingerschnurrbart, zu enges Jackett, übergrosse Hose, feine Krawatte, Stock und Melone. Chaplin tritt in «Kid Auto Races» als Zuschauer auf, der im endlos geloopten Slapstick dem Seifenkisten-Rennen von Los Angeles beiwohnt und der Kamera, die das Schauspiel aufzeichnen soll, im Wege steht.

Bereits in diesem frühen Film von Henry Lehman scheint in der schier endlosen Wiederholung derselben Szene etwas Verrücktes und Subversives der Tramp-Figur durch, die noch wenig von der scheinbaren Harmlosigkeit hatte. Auch in «City Lights» ist Chaplin der ewige Tramp, dessen Lebenswelt in einer Achterbahn von Glück und Pech die Liebesgeschichte umkreist, deren Beginn und Ende so ergreifend sind, dass sie nicht mit Worten wiedergegeben werden können. Ein Film, der einen bis zum Schluss in Bann hält, und bei dem einem manchmal das Lachen im Hals steckenbleibt.

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CityLights©Roy Export SAS

Nach dem von reichlichem Zufallsglück verzögerten Ko-Schlag im Boxring zeigt der Film Chaplins Abstieg bis zum untersten Rand der Gesellschaft mit bemerkenswerter Unverblümtheit, bei der die Clownereien einem geradezu brutalen Realismus weichen müssen. Dieser düstere Zug in der Geschichte hat allerdings biographische Parallelen in Chaplins eigener Kindheit, die durch finanzielle Not und ein elterliches Umfeld von Psychiatrie und Alkoholsucht geprägt war.

Zeitlupengenau abgestimmt

Wenn nun in «City Lights» das Live-Orchester die auf Band gespielte Klaviermusik von «Kid Auto Races» ablöst, erfährt die Story eine zweite Dimension. In der Tradition der Orchester, die seit den 1910er Jahren in allen grösseren amerikanischen Städten mit den Stummfilmen durchs Land reisten, kann man die stupende Synchronität der Musik zu den Szenen bewundern. Dabei enthält sich das Basler Orchester jeglicher Aufdringlichkeit und zeigt Gespür für rhythmische Nuancen, Witz und Poesie.

In Helmut Imigs Interpretation erzählt Chaplins Musik in den eröffnenden schicksalsträchtigen Trompetenfanfaren in dramatischen Farben, dann burlesk in den Fagottsoli, oder leidenschaftlich in der pausendurchsetzten, zeitlupengenau abgestimmten Tango-Agogik. Dann wiederum erinnert der Orchesterklang mit ironischem Unterton an Gustav Mahlers Walzer und Ländler. Meisterhaft, wie die Basler Sinfonietta die nahezu hundert Nummern zu einem Werk verschmelzen und die Charaktere durch Chaplins ausgeklügelte Leitmotivtechnik sprechen lässt. Gerade weil im Stummfilm nicht laut gesprochen wird, dringen die Filmbilder nun als Klangbilder tief in einen hinein.

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CityLights©Roy Export SAS

Die Entdeckung Chaplins als Komponist (er hat unter anderem Musik zu den Filmen «Modern Times», «The Great Dictator» und «The Gold Rush» geschrieben) hinterlässt durch diese Live-Aufführung einen bewegenden Eindruck.

St.Galler Aufführung: 28. November, Tonhalle (Tür 18.30, Beginn 19.30 Uhr).

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