, 28. August 2018
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Der Landesstreik: Theatralisch ein Triumph

In Olten wird der Landesstreik von 1918 gespielt. Hundert Jahre danach macht das Theaterstück «1918.ch» Geschichte in kraftvollen Bildern lebendig. Die noch kommenden rund 20 Vorstellungen sind praktisch ausverkauft.

«Der Krieg ist vorbei, laut ist die Freude, fröhlich das Geschrei». Eben haben die Soldaten von ihren Aussichtsposten den Frieden verkündet, das Volk unten im Hof, das sich fast unbemerkt unters Publikum gemischt hat, singt zu den Bläserfanfaren der Basel Sinfonietta. Doch dann hört man von den Millionen Toten ennet der Grenze, der italienische Gesandte fordert den Bundesrat zum Handeln gegen den drohenden Bolschewismus auf, und während sich die Grenzwächter vom Dach abseilen, geht für die Arbeiter der Kampf ums täglich Brot weiter: «Di gliichi Plog wi vorher».

Der 9. November 1918: Das ist nicht nur der Tag, an dem der Erste Weltkrieg zu Ende geht, sondern auch der Start zum Landesstreik, der die Schweiz politisch und sozial erschüttern sollte wie kaum ein anderes Ereignis.

Dass aus dem Ereignis hundert Jahre danach aufwühlendes Theater werden kann, spürt man bereits in den ersten paar Minuten. Der Prolog im Hof der früheren SBB-Hauptwerkstätte, wenige Minuten vom Bahnhof Olten entfernt, ist gleich ein Höhepunkt – atemlos, virtuos integriert ins Gebäude, witzig und geschichtskundig. Von allen vier Dächern und in allen Landessprachen prasseln die Schlagworte auf das Publikum ein, um die sich in den folgenden zwei Stunden drinnen in der Halle alles drehen wird.

Proteste der Frauen in Grenchen.

Verschont, aber beteiligt

Die Schweiz: verschont?  Nicht ganz, sagt eine der ersten Szenen drinnen. Mitrailleure schiessen am 14. November in Grenchen auf Demonstranten, drei junge Männer sterben, jetzt liegen sie da auf dem harten Boden der Halle, der diensthabende Polizist hackt ihre Namen verstört in die Schreibmaschine. Von einem vierten Opfer hört man später – die Bäuerin Anna Vogt versucht vom Bundesrat über Jahre eine Entschädigung zu bekommen für ihren Mann, der in Grenchen angeschossen worden ist. Sie irrt ganz allein durch die Halle, so allein, wie der Staat sie damals gelassen hat.

In solchen Szenen wird «Geschichte von unten» lebendig: in Figuren, die gelebt haben, in Zeitzeugen, Opfern und Tätern. Regisseurin Liliana Heimberg, Historiker Stefan Keller und eine Vielzahl weiterer Beteiligter haben im Vorfeld recherchiert, die Geschichten sind verbürgt, die Personen greifbar, eine Ausstellung in der Halle liefert weitere Dokumente. Nur am Rand trefen die damaligen Protagonisten des Landesstreiks auf; die Hauptrolle spielt das Volk.

Soldaten: aufgeboten gegen die Streikenden.

Das Volk: Rekruten, die, gerade entlassen, schon wieder den Aff packen müssen für den Einsatz gegen die Streikenden. Der Tessiner Kurier, der die Streiknachricht per Velo über den Gotthard trampelt, weil keine Züge mehr fahren. Frauen, die Armenküchen eröffnen für die Hungernden – und die Schlange vor den Töpfen nimmt kein Ende, die Suppenlöffel klappern im Hungertakt, Männer, Frauen und Kinder singen ihr unter die Haut gehendes Lied vom «Nichts» im Bauch, und dann müssen sie wieder rennen, weil schon die nächste Szene kommt, Rückblende: Kriegsmaterial wird exportiert, Wagen um Wagen, die Grenzer drücken beide Augen zu und die Politiker wissen: Geschäfte macht man mit beiden Kriegsparteien. «C’est la guerre.»

Auch das ist eine Wahrheit dieses Krieges, die das Stück nicht ausblendet: 1917 haben die Fabriken «Arbeit zum Versauen», die Männer sind im Dienst, Kinder müssen anpacken zu ausbeuterischen Löhnen, aber der Verdienst reicht nirgendwo hin, während der General im rotglänzenden Chrysler proklamiert, in Kriegszeiten sei kein Platz für den «souveränen Willen des Einzelnen».

Beklemmend: Die Grippe-Epidemie.

So jagt eine Szene die nächste – Frauen beim Sammeln für die Wehrmannshilfe, die Grippe-Epidemie, die vorallem die Jungen trifft und bei der es plötzlich sehr still wird, und dann am Kriegsende der Zug der Flüchtlinge und Internierten, eine nicht endenwollende Prozession beschädigter Menschen und an ihrem Rand der Zürcher Armensekretär, dem es vor der «Überfremdung» graust.

«1918.ch»: bis 23. September, Alte SBB-Hauptwerkstätte Olten.
Kurzszenen der Ostschweizer Kantone: 5.-7. September (Thurgau), 12.-14. September (beide Appenzell) und 22.-24. September (St.Gallen). Zusatzvorstellungen 24./25. September. Nur noch einzelne Tickets.

1918.ch

Aus all den Puzzlesteinen fügt sich das Bild einer Gesellschaft, in der die sozialen Gegensätze sich mehr und mehr zuspitzen. Die Schweiz bleibt militärisch verschont, aber der Krieg macht einige wenige reicher und die vielen anderen immer ärmer. Ihnen gilt die Sympathie des Stücks, während Bundesrat und General karikiert dargestellt sind und nur die Sprache der Staats-Gewalt kennen: die Mobilisierung der Armee gegen das eigene Volk. Es ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Eine gespaltene Schweiz

Soll, darf Theater Partei nehmen? Das Stück tut es. Es gibt dem «Volk» ein Gesicht und lässt es vielstimmig zu Wort kommen, fügt es zu bewegten kraftvollen Choreografien, die die Herrschenden buchstäblich an die Wand spielen. Die Firmenbosse sehen dem Geschehen von oben in einer Mischung von Ratlosigkeit und Herablassung zu. In der Sondersitzung im Bundeshaus kommen die Aufrührer Grimm und Greulich ausführlich zu Wort, die bürgerlichen Gegner haben bloss Floskeln.

Genosse Greulich an der Sondersession in Bern – draussen die Arbeiter.

Und während sich die Parlamentarier zanken, gehen die Fenster auf und von draussen ruft das Volk seine Forderungen in den Saal: Proporzwahl des Nationalrats, Frauenstimm- und wahlrecht, AHV, Tilgung aller Staatsschulden durch die Besitzenden! Die Parlamentsdiener kommen nicht mehr nach mit dem Zuschlagen der Fenster. Ein so geschichtsromantisches wie in diesem Fall historisch verbürgtes Bild: Der Wind der Reformen kommt von aussen und unten. Dass es bis zum Frauenstimmrecht dann nochmal 53 Jahre dauern sollte und auch andere Reformen auf der Strecke blieben, verschweigt das Stück nicht.

Trotz aller Sympathie für die Streikenden, für die Pazifistinnen, für die Zukurzgekommenen blendet die Produktion auch die Risse innerhalb der Bevölkerung nicht aus. Mit den russischen Anarchisten, die etwas unmotiviert durch das Stück irren, will das Volk nichts am Hut haben. Streikende und Streikbrecher geraten aneinander. Die Romands misstrauen den Deutschschweizern. Bürger- und Arbeiterfrauen haben das Heu nicht immer auf der gleichen Bühne.

Else Spiller, Journalistin und Gründerin des Volksdienstes SV. Dahinter das Auto des Generals.

Und dann wieder ein Bild, das lange nachklingt: Im Hallenboden öffnen sich Klappen, ein Kopf nach dem andern taucht auf, Bürgerwehren formieren sich und sagen der Arbeiterschaft den Kampf an. Wie zwei Heere prallen die Chöre der Bürgerwehren und der Arbeiter aufeinander, das musikalische und szenische Tohuwabohu endet in einem Ringkampf – und dann auf einen Chlapf: der Streikabbruch, die «Kapitulation» des Oltner Komitees, Konsternation bei den einen und Triumph bei den andern. «Gönd wider a d Arbet.»

Theatralisch ein Sieg des Volks

War der Landesstreik ein Erfolg? Historisch bleiben Fragen. Theatralisch aber siegt das Volk. Die rund hundert Laienspielerinnen und -spieler tragen den Abend, sie haben während Monaten geprobt und das Stück zu ihrem eigenen gemacht. Kraft haben ihre Einzelauftritte, vorallem aber die Massenszenen mit der unverkennbaren Handschrift der in Rehetobel lebenden Choreografin Gisa Frank und den packenden Kompositionen von Jean-Francois Michel.

Das Volk im Aufruhr.

Es wird gerannt und gerangelt, gestürzt und gejubelt, den Marsch dazu bläst die Sinfonietta Basel unter Ludwig Wicki. Und dazwischen schieben sich Szenen von beklemmender Stille wie der Aufmarsch der Soldaten als gespenstische Silhouetten hinter den Fenstern, begleitet von dumpfen Trommelschlägen. Aber auch lustig kann es werden, etwa wenn die Kinder AHV spielen oder «ihren» Bundesrat Willi Ritschard hochleben lassen mit seinem Satz für die Geschichtsbücher: «Die beschti Ornig isch e soziali Ornig.»

In das Stück eingeschoben sind an jedem Abend wechselnde Kurzszenen von zwei Gastkantonen. An diesem Abend waren es Zürich und Wallis – mit je sketchartigen Auftritten, die gegenüber dem Stückganzen deutlich abfielen. Und umso klarer erkennen liessen, wie klug Regie, Dramaturgie, Choreografie und Musik sich zu einer Theatersprache zusammengefunden haben, die den mitwirkenden Laien und Profis ebenso gerecht wird wie dem historischen Stoff.

Starker Applaus in der bis auf den letzten Platz besetzten Halle. Die Vorstellungen sind praktisch ausverkauft, zwei Zusatztermine sind im Gespräch. Der Landesstreik ist auch in Sachen Publikumsinteresse ein Erfolg.

Bilder © Eve-Marie Lagger

 

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