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Der lange Weg nach Hause – ein Stolperstein für Jakob Lütschg

Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.

Am letzten Donnerstag wurde in Balgach ein Stolperstein für Jakob Lütschg gelegt. (Bild: Shqipton Rexhaj)

Am letzten Donnerstag wurde in Balgach ein Stolperstein für Jakob Lütschg gelegt. (Bild: Shqipton Rexhaj)

Bal­gach. Es ist kurz vor halb elf am Don­ners­tag­vor­mit­tag, als der Platz beim Neu­dorf­brun­nen spür­bar voll wird. Die Po­li­zei sperrt die Zu­fahrt ab, Jour­na­list:in­nen rich­ten ih­re Ka­me­ras ein, TVO ist vor Ort. An­woh­nen­de ste­hen ne­ben Po­li­ti­ker:in­nen, His­to­ri­kern und Schü­le­rin­nen und Schü­lern der Kan­tons­schu­le Heer­brugg. Re­gie­rungs­prä­si­den­tin Lau­ra Bucher ist ge­kom­men, Kan­tons­rä­tin Ka­rin Has­ler, Ge­mein­de­prä­si­dent Urs Lü­chin­ger. Rund 60 Men­schen ver­sam­meln sich. Punkt 10.30 Uhr be­ginnt der Ge­denk­akt.

Sie sind we­gen ei­nes Man­nes hier, der 1904 nur we­ni­ge Schrit­te ent­fernt ge­bo­ren wur­de: Ja­kob Lütschg.

Beim Neu­dorf­brun­nen, un­weit der ehe­ma­li­gen Bä­cke­rei sei­ner Fa­mi­lie an der Mühl­acker­stras­se, wird der ers­te Stol­per­stein des St. Gal­ler Rhein­tals ver­legt. Das klei­ne Mes­sing­qua­drat er­in­nert an den Bal­ga­cher Bä­cker und Kauf­mann, der 1940 in Pa­ris ver­haf­tet, spä­ter in­ter­niert und 1944 als po­li­ti­scher Häft­ling in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald de­por­tiert wur­de.

Un­ter den An­we­sen­den ist auch ein Mann aus der Nach­bar­schaft. Lütschgs Ge­schich­te kennt er be­reits von sei­nem Va­ter. Sie wur­de von ei­ner Ge­ne­ra­ti­on zur nächs­ten wei­ter­erzählt.

Sie­ben Lis­ten und kei­ne Heim­kehr

Der Au­tor Jürg Krum­men­acher zeich­net Lütschgs Le­bens­weg nach. Er wuchs in der Bä­cke­rei an der Mühl­acker­stras­se auf, lern­te das Bä­cker­hand­werk und wur­de spä­ter Kauf­mann.

Wäh­rend ei­ner Ge­schäfts­rei­se ge­riet er im April 1940 in Pa­ris un­ter Spio­na­ge­ver­dacht und wur­de ver­haf­tet.

Aus der Haft schrieb Lütschg Brie­fe. Sei­ne Mut­ter wand­te sich in Bern an die Schwei­zer Be­hör­den und bat um Hil­fe. Schwei­zer Stel­len in­ter­ve­nier­ten bei den deut­schen Be­hör­den. Sein Na­me stand min­des­tens sie­ben Mal auf of­fi­zi­el­len Aus­tausch­lis­ten für Schwei­zer Ge­fan­ge­ne. Trotz­dem kam er nicht frei.

Am 24. Ja­nu­ar 1944 wur­de Lütschg als po­li­ti­scher Häft­ling nach Bu­chen­wald de­por­tiert. 53 Ta­ge spä­ter wur­de er ge­tö­tet. In den Ak­ten steht ei­ne Form von Lun­gen­ent­zün­dung als To­des­ur­sa­che. Ei­ne sol­che Dia­gno­se wur­de in der NS-Zeit auch ver­wen­det, um die Tö­tung mit ei­ner Gift­sprit­ze zu ver­schlei­ern.

Ei­ne Ge­schich­te des Rhein­tals

Ge­mein­de­prä­si­dent Urs Lü­chin­ger er­in­nert in sei­ner Be­grüs­sung dar­an, dass Lütschg nicht zu den be­kann­ten Bal­ga­cher Fa­mi­li­en­na­men ge­hört. Und doch ist sei­ne Ge­schich­te ei­ne Bal­ga­cher Ge­schich­te.

Im Ge­spräch er­zählt Lü­chin­ger, dass ein frü­he­rer Ver­such, in Bal­gach ei­nen Stol­per­stein zu ver­le­gen, vom Ge­mein­de­rat noch ab­ge­lehnt wor­den sei. Heu­te trägt die Ge­mein­de das Pro­jekt mit.

Beim Neudorfbrunnen wird der erste Stolperstein des St. Galler Rheintals verlegt. (Bild: Shqipton Rexhaj)

Beim Neudorfbrunnen wird der erste Stolperstein des St. Galler Rheintals verlegt. (Bild: Shqipton Rexhaj)

Or­ga­ni­siert wird die Ge­denk­fei­er von der Re­gio­nal­grup­pe Ost­schweiz des Ver­eins Stol­per­stei­ne Schweiz. Lütschgs Schick­sal steht da­bei nicht al­lein: Rund 40 be­kann­te Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus stam­men aus dem Rhein­tal. Wei­te­re Stol­per­stei­ne in der Re­gi­on sind ge­plant.

Die Ver­le­gung ist Teil des grenz­über­schrei­ten­den Pro­jekts «Ge­mein­sam er­in­nern im Rhein­tal 1938–1945». Es ver­bin­det das Mu­se­um Pre­st­egg in Alt­stät­ten mit dem Jü­di­schen Mu­se­um Ho­hen­ems und dem Liech­ten­stei­ni­schen Lan­des­mu­se­um. Son­ja Ar­nold, Prä­si­den­tin des Mu­se­ums­ver­eins Pre­st­egg und Pro­jekt­lei­te­rin, bringt den Ge­dan­ken da­hin­ter auf den Punkt: Er­in­ne­rungs­kul­tur be­gin­ne dort, wo Men­schen «leb­ten, lieb­ten und ge­lit­ten ha­ben», mit­ten in der ei­ge­nen Nach­bar­schaft.

Re­gie­rungs­prä­si­den­tin Lau­ra Bucher rich­tet den Blick über Bal­gach hin­aus. Die Er­in­ne­rung an Ja­kob Lütschg sei ein wich­ti­ges Zei­chen ge­gen das Ver­ges­sen. Ge­ra­de das Rhein­tal eig­ne sich an der «grü­nen Gren­ze» zu Ös­ter­reich be­son­ders für die Ge­schichts­ver­mitt­lung. Hier la­gen Ver­fol­gung und Flucht, aber auch ret­ten­de Zi­vil­cou­ra­ge na­he bei­ein­an­der. Bucher er­in­nert da­bei auch an das Wir­ken von Paul Grü­nin­ger.

Er­in­ne­rung be­deu­te Ver­ant­wor­tung für die Ge­gen­wart: aus der Ge­schich­te zu ler­nen, Zi­vil­cou­ra­ge zu för­dern und sich für De­mo­kra­tie und Men­schen­rech­te ein­zu­set­zen.

«Me­ga nah»

Schü­le­rin­nen und Schü­ler der Kan­tons­schu­le Heer­brugg le­gen ge­mein­sam mit Ge­schichts­leh­rer Ste­fan Roh­ner Ro­sen am Stol­per­stein nie­der.

Eli­as Sie­ber sagt, es sei ein­drück­lich, Ge­schich­te nicht nur aus Lehr­bü­chern zu ken­nen, son­dern di­rekt am Schau­platz von ei­nem His­to­ri­ker da­von zu er­fah­ren. Sei­ne Mit­schü­le­rin Li­via Fe­der be­rührt vor al­lem, dass Lütschgs Schick­sal «me­ga nah» an ih­rer ei­ge­nen Le­bens­rea­li­tät statt­ge­fun­den ha­be.

Dann spielt Céd­ric Pei­er Trom­pe­te. Pfar­rer Han­sue­li Walt schliesst den An­lass mit Wor­ten aus Psalm 10, ei­nem Psalm über Un­recht, Ge­walt und Men­schen, de­ren Leid nicht ver­ges­sen wer­den soll.

Der Mes­sing­stein bleibt beim Neu­dorf­brun­nen lie­gen, nur we­ni­ge Schrit­te von je­nem Haus ent­fernt, in dem Ja­kob Lütschg auf­wuchs und bis zu sei­nem 20. Le­bens­jahr leb­te.

Er selbst kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod ist we­nigs­tens sein Na­me nach Hau­se ge­kom­men.

Dort wird er blei­ben. Als Er­in­ne­rung an ei­nen Men­schen, den der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus sei­ner Frei­heit, sei­ner Hei­mat und schliess­lich sei­nes Le­bens be­raub­te. Und als Mah­nung, dass Men­schen­wür­de nie selbst­ver­ständ­lich ist.

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