Lesen hat ganzjährig Saison. Und so greifen auch in den heissen Sommermonaten Juli und August, wenn der Schweiss von der Stirn tropft, Literaturbegeisterte zu einem Buch, schmökern im Strandkorb mit Meerblick im neuesten Krimi oder machen es sich zu Hause im Liegestuhl gemütlich und versinken im Essay-Band eines neu entdeckten Autors oder im experimentellen Werk einer von Freunden empfohlenen Schriftstellerin.
So zahlreich die Bücher, so rar sind in den Sommermonaten literarische Veranstaltungen. Was die Region um den Bodensee angeht, kann man sie beinah an einer Hand abzählen. So liest die deutsche Autorin Ronja von Rönne am 8. Juli in Dornbirn. Die Vorarlbergerin Monika Helfer stellt am 4. Juli in Frauenfeld Passagen aus ihrem neuen Buch Löwenherz vor. Am 2. Juli ist Ruth Weber mit ihrem Roman Das Korsett in der Buchhandlung Wörterspiel in Rorschach zu Gast.
Autorin Simone Lappert und der Musiker Andi Bissig kommen ins Literaturhaus Thurgau – nach nur einem Tag intensiver künstlerischer Auseinandersetzung bringen sie am 8. Juli Texte und Musik zusammen. Langjährig eingespielt hingegen dürften der Mundartdichter Pedro Lenz – er liest aus seinem aktuellen Roman Primitivo – und der Pianist Christian Brantschen sein; am 16. August steigen die beiden auf die Klosterbühne in Stein am Rhein.
Literaturhaus Thurgau – Sommerfest, 20. August, Gottlieben
literaturhausthurgau.ch
Über eine reine Einzelveranstaltung hinaus geht der 20. August im Literaturhaus Thurgau, schliesslich feiert man im idyllischen Gottlieben das diesjährige Sommerfest. Eingeladen ist, neben weiteren Gästen, die Schriftstellerin Silvia Tschui mit ihrem Roman Der Wod. Musikalisch begleitet wird die Zürcher Autorin vom Gitarristen, Sänger und Komponisten Philipp Schaufelberger. Das Fest beginnt um 18 Uhr.
Ähnlich ausgesucht und überschaubar sieht es bei den wenigen Festivals aus. Aber es gibt sie dann doch, die Veranstalter:innen, die den Sommer samt Ferienzeit zum Anlass nehmen, spannende Autorinnen und Autoren einzuladen. Vier Formate springen dabei besonders ins Auge.
Lauschig
Mit acht Veranstaltungen, über Juli und August verteilt, präsentiert sich die Winterthurer Literaturreihe lauschig mit Lesungen, Spoken-Word-Performances und literarischen Spaziergängen an besonderen Orten. Exklusive Gärten, Parks, Wälder und Wiesen dienen der bereits etablierten Literaturreihe als lauschige Kulisse. Dabei erprobt die Reihe statt klassischer Wasserglas-Lesungen vielfältige Veranstaltungsformen. Sie fördert vor allem jüngere Autor:innen sowie Spoken-Word -Künstler:innen und legt den Fokus auf Literatur aus der Schweiz.
Gemeinsam auftreten werden Federica de Cesco und Rahel Senn (lauschig und kämpferisch, 2. Juli), Annette Hug und Judith Keller (lauschig unterwegs, 3. Juli), Sunil Mann und Anaïs Meier (lauschig und turbulent, 8. Juli) sowie Jonas Lüscher und Michael Fehr (lauschig und kraftvoll, 21. Juli). In Einzelauftritten stellen Mikael Krogerus (11. August), Michael Frei (12. August), Dominik Muheim (16. August) und Sarah Elena Müller (18. August) ihre Werke vor.
Lauschig, 2. Juli bis 18. August, diverse Orte in Winterthur
lauschig.ch
Um nur eine Veranstaltung aus dem vielfältigen Programm herauszugreifen: Sunil Mann, mehrfach ausgezeichneter Krimiautor, präsentiert mit Kalmar den dritten Fall seines skurrilen Zürcher Ermittlerduos Marisa Greco und Bashir Berisha. Spannend und grosse Gesellschaftsthemen aufgreifend, wie Frauenhandel, Armut, Immigration, Corona und andere, schafft es Mann gekonnt, seine Texte immer auch mit einer Prise Humor zu versehen.
Bei lauschig trifft er auf die Berner Autorin Anaïs Meier. Sie hat mit ihrem Debütroman Mit einem Fuss draussen Furore gemacht. Aus der Perspektive des schrulligen Protagonisten und selbsternannten Kommissars Gerhard erzählt, ist der zu lösende Kriminalfall ernsthaft und witzig in einem. Meier hat dafür in Deutschland den Förderpreis für Komische Literatur 2022 erhalten. Im idyllischen Rosengarten begleitet die Jazzgeigerin Sophie Lüssi die Veranstaltung mit atmosphärischen Klängen. Den Abend moderiert der Journalist Mikael Krogerus.
Autobiografisch
Nach der Premiere im letzten Jahr findet auch im Juli 2022 in Heiden das dreitägige Autobiografie-Festival statt. Veranstaltungsort ist das Hotel Linde mit seinem wunderschönen Biedermeiersaal. Alfred Messerli ist für das Programm verantwortlich. Vom 1. bis 3. Juli sind elf Autor:innen eingeladen, über ihre autobiografischen Werke vor Publikum zu reden. Rückmeldungen bekommen sie von zwei Fachleuten – zum einen von der Schriftstellerin und Übersetzerin Annette Hug, zum anderen vom Philosophen und Publizisten Georg Kohler –, die sich zeit ihres Lebens mit Menschen und deren Geschichten befasst haben. Die Autobiografien, aus denen vorgelesen und über die diskutiert wird, sind im Zusammenhang mit Schreibkursen an der Senioren-Universität Zürich und der Volkshochschule des Kantons Zürich oder direkt auf «meet-my-life.net» entstanden.
Autobiografie-Festival – Aus dem Leben lesen, 1. bis 3. Juli, Hotel Linde Heiden
autobiografiefestival.ch
Da erzählt eine Fernfahrerin von ihren abenteuerlichen Touren, ein gestandener Mann von seinen Kinder- und Jugendjahren in Heimen für Schwererziehbare; oder es berichtet eine Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin für Kriegs- und Folteropfer, die seit 30 Jahren in eigener Praxis tätig ist, von ihren Erfahrungen und persönlichen Herausforderungen.
Ein weiterer Gast ist Regisseur Fredi M. Murer, dessen letzter Film Liebe und Zufall (2014) auf einem autobiografischen Roman seiner Mutter basiert. Als diese ihn schrieb, war sie 75 Jahre alt. Als Murer ihn verfilmte, war er ebenso alt. 1997 erhielt der Regisseur den Innerschweizer Kulturpreis, 2019 den Pardo alla carriera des Filmfestivals Locarno und in diesem Jahr den Ehrenpreis für das Lebenswerk vom Bundesamt für Kultur.
International
Ein Anlass mit Tradition ist das Literaturfestival Zürich. Seit 2013 findet es alljährlich im Juli statt; es lädt die internationale Literaturszene damit bereits zum 10. Mal an den Zürichsee. Sämtliche Veranstaltungen sind nicht nur vor Ort, sondern auch über Live-Stream erlebbar. Andreas Heusser, Kulturchef des Kaufleuten, verantwortet mit der Leiterin des Literaturhauses Zürich, Gesa Schneider, und Barbara Tribelhorn das international ausgerichtete Programm mit Konzerten, Lesungen und Gesprächen, Spoken Word und Kabarett.
Am 11. Juli startet das Festival mit dem Booker-Preisträger Marlon James, einem der bedeutendsten Literaten seiner Generation und Gallionsfigur der queeren Literatur. Das «Time Magazine» zählt James zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Jeder Band seiner Dark Star-Trilogie erzählt dieselbe Geschichte aus dem Blickwinkel eines anderen Protagonisten, angesiedelt in einer bildgewaltigen Fantasywelt mitten in Afrika und gespickt mit exzessiven Sex- und Gewaltszenen.
Literaturfestival Zürich, 11. bis 21 Juli, Kaufleuten und Alter Botanischer Garten Zürich
literaturfestivalzuerich.com
Am 12. Juli liest Tsitsi Dangarembga, aktuelle Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, Teile aus ihrer Roman-Trilogie um die Hauptfigur Tambudzai. Die Autorin gehört zu den wichtigsten literarischen Stimmen Afrikas. Seit vielen Jahren engagiert sie sich als Aktivistin für feministische Anliegen und politische Veränderung. Des Weiteren treten Elvira Sastre, Shooting-Star der spanischen Literatur- und Poetry Slam-Szene, David Grossman, Booker-Preisträger aus Israel, Ece Temelkuran, Romanautorin und politische Kommentatorin aus der Türkei sowie der Österreicher Wolf Haas mit seinem neuesten Brenner-Roman Müll auf.
Der 17. Juli, als letzter Festivaltag, steht im Zeichen von Spoken Word: Reeto von Gunten, Jule Weber, Christoph Simon, Fine Degen und Cachita treten ab 20 Uhr im Alten Botanischen Garten auf, moderiert von Marco Gurtner, TV-Moderator, Podcaster und Musiker.
Klassisch
Das Literaricum Lech am Arlberg, ein drei Tage andauerndes Literaturfest Mitte Juli, das 2022 zum zweiten Mal stattfindet, hat sich zum Ziel gesetzt, Unterhaltung und Bildung zusammenzudenken. Aufgabe der Literatur sei es, so die Veranstalter:innen, die Leser und Leserinnen in fremde Welten zu entführen. Der Tradition des grossen Geschichtenerzählens verpflichtet, lädt das Festival namhafte Persönlichkeiten zum Austausch über Literatur ein.
Literaricum Lech, 14. bis 17. Juli, Lech am Arlberg
lechzuers.com
Initiiert von den Autoren Michael Köhlmeier und Raoul Schrott und kuratiert von Nicola Steiner, Kulturjournalistin bei SRF, steht jeweils ein Klassiker der Weltliteratur im Zentrum, von dem aus die Teilnehmenden unter anderem verschiedene Genres und Romane beleuchten. In diesem Jahr ist es die Erzählung Bartleby, der Schreiber des amerikanischen Autors Herman Melville, dessen Protagonist den einprägsamen Satz «Ich möchte lieber nicht» zu seinem Arbeits- und Lebensmotto macht.
Elke Heidenreich hält am 14. Juli in der Neuen Kirche Lech den Eröffnungsvortrag und geht darin den Fragen nach, was heutzutage diesen Klassiker der Weltliteratur ausmacht, wie der Roman wahrgenommen wurde und wird, und was er uns heute noch zu sagen hat.
Auf die Frage nach den Herausforderungen des literarischen Übersetzens, gerade wenn es sich um einen Roman aus einer vergangenen Zeit handelt, versucht der in Basel lebende Übersetzer Ulrich Blumenbach, bekannt durch seine Übertragungen der Werke von David Foster Wallace, kluge Antworten zu finden. Eine weitere Veranstaltung geht der Frage nach, was die Romane von David Foster Wallace, Frank Witzel und Herman Melville gemeinsam haben. Schliesslich arbeitet sich Raoul Schrott am 16. Juli in seiner Veranstaltung an altägyptischer Liebeslyrik ab – das Motto seines Vortrags lautet: «Die Blüte des nackten Körpers».
In Lech treffen zwischen dem 14. und 17. Juli bekannte Persönlichkeiten aus der Literaturwelt aufeinander: Elke Heidenreich, Nicola Steiner, Michael Köhlmeier, Thomas Sarbacher, Juliane Marie Schreiber, Karl-Heinz Ott, Christoph Bartmann (ehemaliger Direktor des Goethe Instituts in Warschau), Raoul Schrott, Ulrich Blumenbach und Frank Witzel. Am letzten Tag klingt das Festival mit einem Brunch im Burg Hotel Oberlech aus.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.