, 2. Dezember 2019
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«Der Lohn ist ein grosses Thema»

Aus dem Dezemberheft: Alexandra Akeret, die neue VPOD-Geschäftsführerin, über Lohngleichheit, Druck am Arbeitsplatz und die Spitaldebatte.

Alexandra Akeret, 1973, leitet seit Dezember das Regionalsekretariat des VPOD (Verband des Personals öffentlicher Dienste) und ist Stadtparlamentarierin der SP. (Bild: Tine Edel)

Saiten: Gewerkschaften klagen zum Teil über Mitgliederschwund. Ist Gewerkschaftsarbeit noch aktuell?

Alexandra Akeret: Ja, sie hat total ihre Berechtigung. Ich bin seit August hier tätig und erschrecke über die grosse Zahl von Beratungen, zum Beispiel für Leute um die 60, denen gekündigt worden ist. Üble Geschichten – ich hätte mir nicht träumen lassen, was da abgeht in der Arbeitswelt.

Was geht da ab?

Vielerorts geht es ganz klar ums Sparen. Und vielerorts kennen die Chefs das Arbeitsrecht nicht. Ich habe das gerade wieder bei einer aus unserer Sicht missbräuchlichen Kündigung erlebt – Chefs haben oft keine Ahnung, was die Rechte der Mitarbeitenden betrifft. Hilfe in Arbeitskonflikten ist ein grosser Teil unserer Arbeit. Und betroffen sind längst nicht nur ältere Personen.

Wen vertritt der VPOD?

Alle Berufe des Service public: im Gesundheitswesen, in der Bildung, im Sozialen. In den einzelnen Branchen sind wir unterschiedlich präsent. Bei den VBSG etwa gibt es eine starke Vertretung. Neben dem VPOD setzen sich diverse Berufsverbände ebenfalls für ihre Mitglieder ein – sie sind aber weniger politisch. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit sind die Gespräche mit den Sozialpartnern.

Wo harzt es am meisten? Bei der Gleichstellung?

Aktuell stecken wir in den Lohnrunden. Die Löhne sind unter Druck durch die Sparprogramme der öffentlichen Hand. Die generelle Lohnerhöhung liegt zwischen Null und sehr wenig. Und individuelle Lohnerhöhungen sind nicht das, was wir wollen. Wir stehen ein für eine Lohnentwicklung für alle. Leistungslöhne und Boni erhöhen zudem den Druck am Arbeitsplatz, besser zu sein, effizienter zu sein, ja nicht krank zu werden etc.

Stichwort Lohngleichheit: Das war die grosse Forderung am Frauenstreik.

Gesamtschweizerisch versuchen wir, mit den Kitas stärker ins Gespräch zu kommen. Dort gibt es einen relativ akzeptablen Einstiegslohn, danach aber null Lohnentwicklung. Die Folge ist, dass dort kaum Männer und kaum ältere Frauen arbeiten. Der Lohn ist ein grosses Thema.

Eigentlich existiert ja Lohngleichheit…

Aber die typischen Frauenberufe sind immer noch tiefer entlöhnt. Und was die Lohngleichheit unterläuft: Männer haben faktisch oft mehr Berufserfahrung, weil sie Karriere machten, während die Frauen die Kinder betreut haben. Da stimmt in unserer Gesellschaft vieles noch nicht.

Wie könnte man das ändern?

Mit Massnahmen, damit die Betreuungsarbeit gleichwertig aufgeteilt werden kann. Mein Traum ist, dass bei einem Einstellungsgespräch einer Frau ihre Kinderpläne kein Thema mehr sind – oder dann auch beim Mann thematisiert werden. Wie weit wir davon entfernt sind, zeigt die Diskussion um den Vaterschaftsurlaub.

Die grösste Ungleichheit herrscht weiterhin in den Führungspositionen.

Einer der Gründe ist sicher, dass Männer in dieser Hinsicht besser sozialisiert sind, dass sie sich mehr zutrauen, dass sie anders auftreten – und eben: nicht das «Kinderrisiko» als Hürde haben. In den Schulen ist da bereits viel passiert, dank Jobsharing. Die Vorteile sind klar, die Arbeit verteilt sich auf mehrere Schultern, man hat mehr Ansprechpersonen, bei Krankheit kann jemand einspringen.

Quoten?

Mittlerweile bin ich für Quoten. Früher war ich skeptisch, heute stelle ich fest: Ohne Quote geht nichts oder fast nichts vorwärts. Vielleicht muss man im Moment gerade in technischen Berufen noch mehr Aufwand betreiben, um eine Frau zu finden – aber das ist eine Frage der Zeit. Und hat wiederum viel mit Rollenvorbildern zu tun.

In einer VPOD-Umfrage zur Job-Zufriedenheit diesen Frühling gaben drei Viertel der Befragten an, die psychische Belastung habe in den letzten Jahren zugenommen. Und als ein Hauptgrund wurde der wachsende administrative Aufwand genannt. Was kann man tun dagegen?

Im VPOD wurde daraus die Forderung «Lasst uns unsere Arbeit machen» formuliert. Ich selber habe als Lehrerin das Anwachsen der Bürokratie miterlebt, ein dringendes Thema ist es auch bei den Pflegeberufen. Der Wunsch ist stark, wieder mehr zu pflegen und weniger Formulare ausfüllen zu müssen.

Wie stellt sich der VPOD zur Spitaldebatte?

Eine Kampagne zu den Spitalschliessungen ist in Planung. Wir sind nicht gegen Anpassungen, aber wir wehren uns gegen den Kahlschlag. Wenn etwa in Wattwil das Spital geschlossen wird, ist das auch wirtschaftlich ein Einbruch für die ganze Region. Man kann diskutieren, ob es sinnvoll ist, überall das volle Angebot zu haben, aber es braucht sicher mehr als bloss eine Notfallversorgung. Wir wollen hören, was das Personal für richtig hält – die Bewegung soll von unten kommen.

Wie siehst du die Arbeitswelt der Zukunft?

Mein Wunsch wäre ein stärkeres Miteinander. Wenn es denn schon ein «Oben» und «Unten» geben muss, wäre wichtig: Dass die «oben» sich bewusst sind, was die «unten» leisten, und dass diese Leistung gesehen und auch honoriert wird.

Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.

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