, 26. Mai 2012
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Der Neger seiner Triebe

Die Umarmung am Anfang nimmt kein Ende – Schneeflocken rieseln auf die schöne Desdemona, so dass Othello dahinschmilzt wie Eis und wild wird wie ein Affe. Die Erwürgung am Schluss dauert nochmal eine halbe Ewigkeit, Othello rast vor Eifersucht und Desdemona stirbt nackt unterm Brautschleier mit den ausgesuchtesten Schrei-, Würg- und Gurgeltönen. Das sind zwei […]

Die Umarmung am Anfang nimmt kein Ende – Schneeflocken rieseln auf die schöne Desdemona, so dass Othello dahinschmilzt wie Eis und wild wird wie ein Affe. Die Erwürgung am Schluss dauert nochmal eine halbe Ewigkeit, Othello rast vor Eifersucht und Desdemona stirbt nackt unterm Brautschleier mit den ausgesuchtesten Schrei-, Würg- und Gurgeltönen. Das sind zwei halbe Ewigkeiten zuviel – man möchte das alles, den Anfangsorgasmus wie den Schlussexitus, gar nicht so genau wissen und ausgewalzt sehen auf der Bühne. (Bild oben: Tine Edel)

Thor ist in die Kitschfalle getappt. Thorleifur Örn Arnarsson, der isländische Regisseur, hat in St.Gallen schon «Romeo und Julia» überzeugend verdüstert und Jelineks «Kontrakte des Kaufmanns» raffiniert im HSG-St.Gallen verankert. Jetzt, beim dritten Streich, erleiden er und sein isländisches Team Schiffbruch mit «Othello». Das Stück handelt vom Mohren von Venedig, der es zum General gebracht und Desdemona, die Frau aus den besten Kreisen der Stadt erobert hat – und so den Hass des Intriganten Jago und seiner Kumpane auf sich zieht. Der Mohr heisst in der modernen Übersetzung hier konsequent «Neger». Doch der Neger ist am Ende das Publikum. Die Inszenierung rutscht auf der schrägen Bühnenfläche ins Rührstück.

Thor mag seine Schauspieler und nimmt auf, was sie ins Spiel bringen. Das hat auch hier Spontan-Qualitäten, aber ebenso eine problematische Seite. Der Regisseur hat mit Roman Schmelzer einen so athletischen und emotionalen Othello zur Hand, dass er ihn kurzerhand in einen schwarzen Pelz packt und zum Gorilla macht. Passend röhrt Othello MC erstmal «I’ve got the Feeling» ins Mikro. An seiner Seite ist Boglarka Horvath eine Desdemona, die den appetitlichen Augenaufschlag und Hüftschwung so gut kann, dass die Männer reihum verblöden. Von Shakespeares gesellschaftlich brisanter Konstellation um Macht und Intrige gegen den Andersartigen, den «Mohren», den Emporkömmling bleibt nur noch Sex und Eifersucht als Privatsache übrig. Das Andere, die Differenz ist weg, Othello ist wie wir Männer angeblich alle: der Neger seiner Triebe.

Allerdings ist Thor schlau genug, die Kitschgefahr zu erkennen, und bricht das Gefühlspathos mit Klamauk. Die Narren, gleich im Doppel (Marcus Schäfer, Romeo Meyer), unterlaufen mit Chaplin-Hut und -Schnäuzchen Herzschmerz und Intrige und nehmen den Klassiker auf die Schippe. Das ist manchmal blöd und manchmal unglaublich lustig – der Saal lacht Tränen, wenn Schäfer mühsam die Proklamation des neuen Gouverneurs Othello entziffert und Meyer seine Ansprache synchron für uns Deppen in anzügliche Gebärdensprache übersetzt. Oder wenn Christian Hettkamp als Jago seine Tragödenshow abzieht und dann unterbricht: pardon, falsche Schublade, nochmal von vorn. In solchen Szenen ist das Theater ganz bei sich: Es spielt mit seinen eigenen Mitteln aus der Not, einen vierhundert Jahre alten Text für heute brauchbar zu machen.

Bleiben noch die Negerwitze, eine Extraeinlage der Narren auf Geheiss von Cassio. Manche waren peinlich, einer war ziemlich böse, etwas mit Neger und Winterreifen, die Pointe sparen wir uns, denn man soll das Stück ja schauen gehen trotz allem. Und unter anderem darum, weil es gerade da für einen Moment richtig brenzlig wurde. Dem biederen Cassio gehen die Witze zu weit, die Narren kehren den Spiess um und beschimpfen ihn: Wer Negerwitze rassistisch findet, ist selber ein Rassist.

Da war es, verstörend, aber gleich wieder weg: das Thema der «political correctness», das in «Othello» immer wieder neu verhandelt werden kann. Als die Witze losgingen, verliessen ein paar Leute den Saal. Die andern blieben bis zum Schluss, einige hurra-begeistert, andere säuerlich oder milde ratlos. Schlussdialog unter Abonnenten im Treppenhaus: «Shakespeare war das jedenfalls nicht.» – «Wer weiss; wenn der heute leben würde, vielleicht würde er solche Stücke schreiben.»

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