, 29. März 2018
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Der Ostermontag, an dem ich meine Nase verlor

Charles Pfahlbauer jr. über österliche Narben, seine nasenbewusste Sippe, Menschencarpacchio, den Reichendoktor am Pfahlsee und seine diesjährigen Feiertagsvorsätze.

Ostern oh je! Höchste Zeit, wieder mal persönlich zu werden. Mit dem Hasen und den Eiern hat es rein gar nichts zu tun, aber die Ostern sind für mich jedes Jahr eine höchst zwiespältige Angelegenheit, respektive: eine schwere Prüfung. Meistens bedeuten die Tage von Gründonnerstag bis Ostermontag, um es in den grossen Worten des Anlasses zu sagen, mehr Kreuzigung als Auferstehung, also eine Crux, ein Kreuz, wie man sagt. Und was an Schimmern der Hoffnung übrig bleibt, nehme ich noch so demütig und dank- bar an; als alter Passivkatholik, der bekanntlich zu Glaubenskriegen neigt. Ernsthaft: Was sich an österlichen Narben und Prellungen in meinem Leib und meiner Seele so alles eingebrannt hat über die Jahre, geht auf keine österliche Kuhhaut.

Falsche Erwartungen, enttäuschte Hoffnungen, selbst erfüllende Prophezeiungen der schlechtesten Wendung. Es beginnt schon beim Wetter: Immer ist es zu heiss oder zu kalt, und immer so, wie man es sich nicht vorgestellt hat. Wenn man zuhause bleibt und auf Regen hofft, um aufzuräumen, wettzulesen oder nur zu faulenzen, brennt die Sonne überm Land, und wenn man wanderlustig in eine Hütte verreist, kommt wenn nicht ein Schneesturm, so ein fieser Niesel. Es ist einfach nicht gut Wetter mit mir und Ostern. Und wenns ausnahmsweise doch mal passt, funkt die Pfahlsippe dazwischen: Irgendjemand macht Probleme, schon ist das Lamm vergiftet und hat man das Osterschlamassel. Und alle Strassen verstopft mit Cabrioheinis und Töffbuben, die um jeden Preis Frühvollgas geben, bis hier ein Stau und dort ein Unfall. Langweilig, sogar für Statistikfreaks.

Schon in meiner Jugend an jedem Ostern ein böser Zwischenfall. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, verlor an einem Karfreitag mein Koalabär ein Auge und fiel ich ein Osterjahr später von einem Klettergerüst. Aus vier Metern auf den Kopf. In späteren Jahren ging jeweils direkt an oder um Ostern mein James-Hunt-Rennspielauto kaputt, schlug mir der tolpatschige Hochhausnachbarbub beim Landhockey eine Platzwunde in die Schläfe und sass ich bei den Junioren des Fussballclubs trotz zuletzt spielentscheidender Szenen erstmals auf der Ersatzbank. Die schlimmsten Ostern waren jene, als ich mit Harry Grim vier Tage in einem alten Wohnwagen verbrachte, den wir in einem menschenleeren Nordostjura-Dorf vor einem ehemaligen Schlachthaus parkiert hatten: Es gab da nichts, es regnete, wir froren, wir assen und schliefen schlecht, wir hatten kein Geld und wenn wir jemanden trafen, wurde es feindlich. Zwischen uns sowieso auch. Hernach wollten wir jahrelang nichts mehr voneinander wissen.

Und dann gab es noch den Ostermontag, an dem ich meine Nase verlor. Ausgerechnet, denn erstens bin ich ein grosser Nasenfan, unter anderem wegen Meryl Streep, für die ich einst als Teenager an einem heissen Sommernachmittag in die Gallenstadt fuhr, um sie im Kino für mich allein zu haben, aber der Brüni-Operateur den Film nicht zeigte, weil ich ja allein war und er mindestens drei Billette verkaufen musste, um zu starten. Beim späteren Termin waren wir dann zu fünft. Zweitens entstamme ich einer nasenbewussten Pfahlfamilie, in der das männliche Oberhaupt behauptet, es habe die wahrscheinlich schönste Nase der Ostrandzone, was in seinen Augen eine klassisch römische Nase ist, was immer das heisst. Nicht dass ich selber eine grossartige Nase habe, ähm hatte, aber doch eine passable. Was längst nicht mehr der Fall ist, wegen jenem vermaledeiten Ostermontag. Seither hab ich einen Hick im genähten Zolggen, und rund um die zusammengeflickten Stellen rötet der sich oder wuchern Talggebilde, dass es zum Erbarmen ist und unsereiner gar einen Gang zum Mang erwägt. Sie wissen schon, der Reichendoktor unten am Pfahlsee, oder auch: Nasenkönig (und Busenschnippler).

Wie ich die Nase verlor? Also nicht, wie Sie jetzt annehmen, durch eine sagenhafte Schlägerei oder eine tollkühne Turnübung. Nein, ein lapidar lustiger Unfall: Ich tschuttete vor der Hütte am Langen See mit den Goofen eines Pfahlgenossen, als der Ball unter eine Terrasse flog. Dort gabs ein Beet voller Rosen, und auf die gab ich acht, als ich den Ball schnappen ging und den Goofen zukickte. Ich im Sprung hinterher, aber jäh gestoppt: feiner Draht, leider übersehen, Charlie liegt im Gras, zwei Sekunden bewusstlos, dann nur Rot vor den Augen, im Gras nach der Brille rudernd, kein Schmerz, aber ein Schock und eine dumpfe Ahnung. Pfahlsippenmenschen rennen herbei: Die Brille ist dein kleinstes Problem, du hast was anderes verloren… So ist es, es hängt mir übers Maul: Die Nase an einem Faden, das ganze Stück Haut von unter den Augen abwärts bis zum Höcker, Menschencarpacchio, Kartoffelschale, oder wie mit dem Gemüseschäler eine Gurke enthäutet, etwa so. Sehr viel Blut. Und trotz massivem Kopfverband noch viel Blut, wie wir rund um den See gefahren im Spital ankommen. Dort warten nur wenige österliche Motorradverkehrsopfer, und bald nähen sie meine Nase wieder zusammen, so gut sie grad können. Der Rest in den Wochen darauf ist geduldige Salberei und Verbands- und Aufbauarbeit, die am Ende wenig nützt. Lassen wir das.

Von Ostern erwarte ich nichts mehr, schon gar keine Auferstehung. Höchstens noch, dass ich keine weiteren Körperteile verliere. Auch dieses Jahr habe mir nichts vorgenommen, ausser stundenlang Bolognese-Vorräte zu kochen, mit Braunauge im Rheindelta Schlüsselblümchen zu suchen und einen dicken südafrikanischen Science-Fiction-Roman zu lesen. Ich muss damit rechnen, dass noch aus diesem wenigen nichts wird. Aber was ich sicher weiss: Ist Ostern mal vorbei, kann das Jahr nur besser werden.

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