, 12. November 2019
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Der Pläss

Der Mann aus dem selbsterfundenen Hinterland: Steff Signer erschafft sich seit 50 Jahren sein eigenes Universum. Ein Porträt von Hanspeter Spörri

Steff Signer im August 2019. (Bilder Toni Schwitter und Privatarchiv Steff Signer)

«Unglaublich, was bei ihm für Fäden zusammenlaufen.» Veit Stauffer war bei Steff Signer in Herisau zu Besuch und wendet sich mit einem Mail an Saiten. Er stehe seit 30 Jahren mit Steff in Kontakt, habe erfahren, dass Saiten plane, ihn zu porträtieren. Ob er helfen könne. Veit Stauffer ist der bekannteste Schallplatten- und CD-Händler der Schweiz. Sein Laden RecRec in Zürich ist seit 40 Jahren Anlaufstelle für alle, die Spezielles und Rares suchen.

Stauffer hält Steff Signer «im Gesamtkontext für unterbewertet». Es bestehe zudem die Gefahr, dass er vergessen werde, weil man ihn nicht einordnen könne. Seine Musik passe in keinen Trend. Besonders Eindruck gemacht hat ihm Signers Album mit dem Titel More Music From The Gas Station. In Stauffers Online-Katalog ist die CD immer noch zu finden, dazu ein Text, den Stauffer 1988 selbst verfasst hatte: «Ein grandioses Album, das aus finanziellen Gründen nicht auf unserem Label veröffentlicht werden konnte. Ex Libris ist eingesprungen. Stefan Signer muss gespürt haben, welche Musik in den letzten Jahren durch meinen Kopf gegangen ist: Note für Note hat er sie aufgeschrieben. Mit exzellenten Musiker/-innen und Aufnahmebedingungen und einer wunderbaren Posterbeilage von Zappa-Grafiker Cal Schenkel. Angelehnt an ähnliche Arbeiten von Frank Zappa und dessen Vorbilder wie Varese – aber absolut eigenständig. Bestimmt einer der ernstzunehmendsten Komponisten moderner Klassik unserer Zeit und Umgebung.»

Steff Signer, 1969.

Immer wieder hochgerappelt

Über Signers Schaffen kann man sich heute im Internet schlau machen: Es begann bereits vor 1970 mit dadaistischen Klang- und Textmontagen (Bildstörung) und Folksongs im Appenzeller Dialekt (Holderblues) und führte über bombastischen Rock- und Big-Band-Sound zur erwähnten «modernen Klassik». Die Kantonsbibliothek Trogen hat sein umfangreiches Werk gesammelt, seinen Vorlass übernommen und machte vieles auf einer konsequent durchgestalteten Homepage zugänglich. «Damit kann man arbeiten», sagt Veit Stauffer: «Aber wer wird sich mit ihm einmal gründlicher befassen? Das ist nötig. Und es wäre sinnvoll, wenn das jemand aus einer jüngeren Generation unternähme.»

Steff Signer – «Infra Steff» – ist 68 Jahre alt, hat schwierige Jahre hinter sich, hat sich mit Schaffenskraft und Fantasie nach Tiefschlägen immer wieder hochgerappelt. In meinem Computer findet sich ein Text aus dem Jahr 2012, der gedacht war als Vorwort für ein Buch mit Fotos von Toni Schwitter und Gedichten von Steff Signer: ein weiteres, aber ganz anderes Buch über das Appenzellerland, das nicht dessen Sonnenseiten gezeigt hätte, sondern das, was «schattehalb» liegt. Abgelegene Häämetli, graue Tage, wortkarge Menschen. Signers Texte beschrieben explizit Suizidgedanken, die schwarze Melancholie, die man im Appenzellerland nur zu gut kennt und die das Gegenstück bildet zur fröhlichen Schlagfertigkeit.

Steff Signer, 1971.

Die Publikation kam nicht zustande. Der Stoff war zu hart. Aber das Schreiben, das künstlerische Benennen des kaum Auszusprechenden, half Steff Signer, sich nach und nach aus dem Netz der Depressionen zu lösen. Depressive Zustände wurden abgelöst von kreativ-manischen Phasen, wie er sie nennt. Nach jeder Depression erfand er sich neu. Begann zu wandern, versuchte das Leben auf den nächsten Schritt zu reduzieren – oder ganz im Hier und Jetzt zu leben, wie man heute sagt.

Seelenverwandt: der Pläss

Dann begann er, Pläss-Bilder zu malen. Der Appenzeller Sennenhund erscheint in diesen als abstrahiertes, vereinfachtes Wesen, mit manchen Eigenschaften, die klischeehaft den Appenzellern zugeschrieben werden: fröhlich, frech, pfiffig, rabiat, philosophisch, verletzt oder verletzend – und eben auch melancholisch. Und meistens stehen Worte oder Sätze neben dem Pläss, im Appenzeller Dialekt oder auf Jiddisch: «Ich hob gesucht und hob alein nit gekonnt gefinden.» Sein Pläss sei eine Erfindung, um etwas vom Herzen erzählen zu können, um Kurzbotschaften anzubringen, die sonst vielleicht nicht gehört würden, sagt Signer. Immer wieder findet sich der Pläss vor Prüfungssituationen – klar, dass er ein Alter-Ego seines Erfinders ist, eine experimentierfreudige Seele.

Manche Kunstkenner reagierten eher reserviert, dem Publikum gefiel es, überall in Herisau und an vielen Orten der Welt prangen Pläss-Bilder an öffentlich zugänglichen Orten. Anerkennung fand Signer an einer Art-brut-Ausstellung in Holland. Outsider-Art.

Steff Signer, 1978.

Aussenseiter? Eigensinn? Ja, klar, «aber ich fühle mich nicht eigensinniger als andere». Eigenbrötler? «Sozial fühle ich mich in keiner Weise ausgegrenzt.» Signer benötigte viel Ruhe, lebte zeitweise wie in einer mönchischen Klausur; als Phänomen der Stille bezeichnet er es, dass man in ihr Antworten auf ungestellte Fragen finde.

Der Mann, der in der Röhre singt

Dann kam im November 2018 die Krebsdiagnose. Und wie Steff darauf reagierte, war auch wieder typisch für ihn und den Appenzeller, den er gerne und ein wenig überspitzt verkörpert. Seit je pendelte er zwischen Aufklärung und Magie, rang nicht um ein Entweder-oder, sondern praktizierte ein liebevolles Sowohl-als-auch. Das hiess einerseits: Schulmedizin, volles Programm, Operationen, Chemotherapie, Bestrahlungen, Vertrauen in den medizinischen Fortschritt, die Fachkompetenz der Ärztinnen und Ärzte, der Pflegenden; anderseits: Aktivieren aller denkbaren Geister und Kräfte, wie sie Signer seit Kindheit vertraut sind. Im Kantonsspital St.Gallen war er der Mann, der in der «Röhre» sang.

Steff Signer, 2008.

Es sei ein sehr persönlicher Weg gewesen, sagt er heute rückblickend. Er habe sich als «Gsondsinger» betätigt, sei im St.Galler Kantonsspital der Henderländer gewesen, der Mann aus einem selbst erfundenen Appenzeller Hinterland, der ins 21. Jahrhundert gekommen sei: «Anscheinend liess mich das in seiner Gesamtheit überleben.»

Wie sein Pläss hat Signer immer wieder Masel – was aus dem Jiddischen stammt und Glück bedeutet. Jiddisch, sagt Signer, habe etwas sehr Bodenständiges. In Amsterdam, im Jüdischen Museum, fühlte er sich wie zuhause. Oder im Restaurant Limon in St.Gallen, das jetzt wieder Vater Mahmut führt. Signer schätzt Kulturen und Religionen, aber nicht deren Tendenz zum Aus- und Abgrenzen.

Signer ist – das weiss, wer ihn Jahrzehnte kennt – ein verlässlicher, treuer und inspirierender Freund. Und er ist ganz eigen. Einer, der sich zwar nie darum scherte, ob das, was er unternimmt, Anklang findet – er muss es ganz einfach tun. Aber mit der Welt im Gespräch bleiben, das will er schon. Und wenn die Welt vorübergehend für ihn nur aus Medizinern und Pflegenden bestand.

Steff Signer, 2019.

Hanspeter Spörri, 1953, ist Journalist und Autor in Teufen.

steffsigner.ch

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