, 6. Mai 2014
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Der Preis der Dinge

Öffentliche Auktionen verlieren mit eBay, Ricardo & Co. zunehmend an Bedeutung. Im Treppenhaus in Rorschach liess sich am Samstagabend an einer Vintage-Gant die Stimmung dieser aussterbenden Verkaufsform miterleben. Cathrin Caprez war dabei.

Geschichtsträchtiger Veranstaltungsort

Die 470-jährige Liegenschaft an der Kirchstrasse 3 in Rorschach hat eine bewegte Geschichte: Nachdem sie unter anderem als Pfarreihaus, Zoohandlung und Jugendtreff genutzt worden war, erlebte sie Anfang 2014 ihre Auferstehung als «Treppenhaus – Café / Bar / Konzertlokal». Die Betreiber warten mit grossem Ideenreichtum auf: Nebst Konzerten von in- und ausländischen Künstlern stehen Chasperlitheater, Aufklärungsliteratur oder eine Reparierbar auf dem Programm.

Für jeden Geschmack und jedes Portemonnaie

Auch an diesem nass-grauen Samstag Anfang Mai erwartet das Treppenhaus seine Besucher mit einem ungewöhnlichen Anlass: einer Vintage-Gant. Der Einfall stammte von Niklaus Reichle, selber ein begeisterter Sammler von Vintage-Stücken und Programmverantwortlicher des Treppenhauses. «Es war an der Zeit, bei mir zuhause wieder Platz zu schaffen. Ausserdem stellte ich mir vor, dass eine Gant bestens ins Treppenhaus passen würde.»

Vintage_gant_3

Nebst privaten Auktionsstücken stockten zwei Vintage-Händler aus der Region die Auswahl der zu vergantenden Ware auf. Die Gegenstände konnten am Samstagvormittag von den Bietern besichtigt werden, bevor am Nachmittag in einer ersten Runde ein gutes Dutzend an Spielsachen und Kinderwagen versteigert wurde.

Das zweigeteilte Lokal ist randvoll, als um 20 Uhr die eigentliche Hauptversteigerung beginnt. Ein paar Schaulustige müssen sich mit einem Platz vor dem Fenster zufrieden geben. Auf der Bühne walten David Häne und Niklaus Reichle – beide im Betriebsteam des Treppenhauses – als Kassier respektive Präsentator der angebotenen Waren. Als Auktionator amtet Andreas Triet, Radio-Moderator von FM1 und FM Schnauz. Das Trio führt das Publikum derart kurzweilig durch die Versteigerung der knapp 75 Warenposten, dass eine Pause einmütig ausgeschlagen wird.

Kauferlebnis der besonderen Art

«Zum Ersten, zum Zweiten,…….. und zum Dritten!»: Die Ansagen werden nicht selten von einem Freudenjauchzer begleitet und mit Applaus quittiert. Wahre Bieterkämpfe entstehen um ein Dreier-Set an Wasserkrügen, das mit den Schriftzügen verschiedener Whiskey-Marken bedruckt ist; eine kleine Tischlampe wird plötzlich für gut das Doppelte erstanden, wie ein ähnliches Exemplar wenige Minuten zuvor. Die Mischung aus Spannung, Nervenkitzel und anerkennendem Raunen aus dem Publikum, wenn ein besonders mutiger Bieter den Preis in die Höhe treibt, schafft eine ganz spezielle Stimmung.

vintage_gant_2

Als kurz nach elf Uhr abends der letzte Gegenstand unter den Hammer gekommen ist, sieht man den Käufern den Stolz über ihre Errungenschaften an. Es wird geschnuppert, getastet, die Gegenstände auf Funktion und Robustheit geprüft. Interessenten, die sich im Verlauf der Auktion nicht zum Mitbieten haben ermuntern lassen, drängen sich auf der kleinen Bühne inmitten der nicht verkauften Sessel, Dreibein-Tischchen und Lampen.

 

Rorschach ist nicht Wien

Ziel des Abends war es, für alle Gegenstände einen Käufer zu finden – denn fünf Prozent des Verkaufspreises, der in einem Fall sogar per Telefongebot ermittelt wurde, gingen direkt ans Treppenhaus.

Nicht wenige der Stücke seien weit unter ihrem Wert verkauft worden, meinte ein Antiquitäten-Händler hinterher bei einem Glas Bier an der rege besuchten Bar. «Manche der hier angebotenen Stücke finden sich im Katalog des Dorotheums in Wien, eines der grössten internationalen Auktionshäuser Europas. Dort wird zum Teil der zehnfache Preis dafür geboten!»

Doch um den «wahren» Preis der Dinge, beziehungsweise deren Marktwert zu kennen, braucht es einiges an Expertenwissen über die Geschichte, die Machart und Qualität der Gegenstände. An diesem Abend aber waren wahrscheinlich nicht allzu viele Fachexperten im Treppenhaus anzutreffen. Stattdessen fand sich unter den Schaulustigen, Schnäppchenjägern und Vintage-Interessierten so manch einer, der sich über den frischen Wind freute, der neu von der Kirchstrasse 3 durch Rorschachs Strassen weht.

 

 

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