Es begab sich in jenen dunklen vorweihnachtlichen Tagen, als in meiner Gegend an Bushaltestellen und Strassenkreuzungen auf blaureinen Weltformatplakaten die Bibelchristen den tröstlichen Aufruf «Vergebt einander» verbreiteten und die abgehängte Ostrandzone mit der Bundesratswahl einer fleissliberalen Punkdolmetscherin aus dem Fürstenland samt Gesundglatzegatten und Hundilein neue Hoffnung schöpfte, es begab sich also in jenen vielerorts nur von Kerzenlicht beleuchteten Tagen, dass der Vermieter an meine Tür klopfte. Sehr früh, sehr bestimmt. Respektive ein Mann im Auftrag des Vermieters.
«Rissaufnahmen», brummte er und stand mit strengem Kennerschnauzblick schon der Wohnung. Rissaufnahmen? Ich brauchte einen Moment, um zu merken, dass der Kennerschnauz mir nicht böse kommen, sondern helfen wollte. Demnächst würden sie hier vor meinem Schlafgemach noch mehr Häuser abbrechen und Baugruben ausheben und ein fürchterliches Gerumpel mit bedrohlichen Erschütterungen veranstalten. Also müsse man den Zustand des Hauses prüfen, gerade unseres, das ja als eines der wenigen noch stehen bleibe, damit man später allfällige Bauschäden geltend machen könne. Das klang gut, aber sein Resultat dann weniger beruhigend: Der Mann registrierte bereits drei Risse in Decken und Wänden, vermutlich von einem Erdbeben oder einer früheren Baustelle, was die Zuversicht doch ziemlich wackeln lässt, wenn rundum alles ausgehöhlt und sie wieder mehrstöckig Parkgaragen in die Tiefe graben und zusätzlich nach Erdwärme bohren.
Aber gut, ich will nach diesem Jahr nicht klagen, nach so wenig Wasser und so vielen Toten, toter Lieblingsonkel Edward schon im Januar, tote Liebstallerdingsschonuraltkatze von Braunauge im April, tote Lieblings-, ach fangen wir gar nicht an. Selber war in mir mit sinkenden Temperaturen im Herbst ständig ein Zünden und Ziehen in der Brust, also in der Lungenherzgegend, so dass ich nachts zeitweise annehmen musste, Edi und die andern drüben bald wieder zu treffen. Letzter Zwick an der Geissel, sagte Doktor Grubenmann, der mich schon das halbe Leben an der Lunge hat. Fertiglustig, Herr Pfahlbauer junior, Ende Feuer, jetzt gilt der Oma-Ferienspruch «Nichts muss, alles darf» scharf umgekehrt: Alles muss. In Ihnen. Jedes Organ. Inklusive Hinterhaltwillen und Verschlaufgeist. Mit Rauchen aufhören.
Er meinte es ernst, ich meinte es ernst, aber weil ich den Impuls nicht spürte, oder sagen wir langzeitraucherslanggetreulich: irgendwie nicht spüren wollte, sagte er: Wundermittel. Das mit der höchsten Erfolgsquote. Für alle, die müssen, aber tiefinnerst nicht wollen. Ich sag dem jetzt so, um keine Werbung zu machen für das schäbige Chemieprodukt, diese Krücke, wenn man selber nicht laufen mag. Gegen mein Gelübde «Ich bin der letzte Raucher», das ich erst diesen Sommer erneuert hatte, nehme ich das Wundermittel seit zwei Monaten. Samt den sehr häufigen und den häufigen Nebenwirkungen, die bei mehr als 1 von 10 und 1 bis 10 von 100 Personen auftreten können, bei mir häufig: Einschlafstörungen, vorzeitiges Erwachen, abnorme Träume einschliesslich Alpträume, Kopfschmerzen, Übelkeit, gesteigerter Appetit, Kurzatmigkeit, Unterbauchschmerzen, Blähungen, Durchfall, Juckreiz, Rücken- und Gelenkschmerzen, plus, ja auch noch Zahnschmerzen. Dazu einige der gelegentlichen Nebenwirkungen, die bei 1 bis 10 von 1000 auftreten, aber gut. Alles muss, und ich da durch. Auch weil ich Edi noch ein Weilchen vertreten will hier unten.
Ein Kampf, ein Krampf, ein Endkampf, und solcherart Zuspitzung macht einen empfänglich für alte Freunde und noch ältere Weise. Einen solchen, der beides vereint, traf ich in der Pfahlsiedlung am Grossen See. Wir hockten im Thaispunten an der Eisenbahnschiene, wir assen scharf und der weise Freund noch viel schärfer, wir plauderten über Prägungen und Gegengewichte, irgendwann standen wir draussen, er noch immer Raucher, ich mit akutem Rückfall, trotz Wundermittel, und er raunt plötzlich: «Sator-Arepo-Tenet-Opera-Rotas. Das musst du gegen den Rauchtrieb aufsagen, von vorn und hinten und quer, eine Zauberformel, sie soll helfen.» Ich hatte keine Ahnung, er musste es dreimal wiederholen und mir dann aufschreiben. Mich interessierten weniger die blödsinnig lateinisch klingenden Wörter als sein phänomenales Gedächtnis für vieles, offenbar auch für Satzpalindrome.
Zuhause machte ich mich schlau, ohne wirklich schlau zu werden: In Säulen geritzt, in Pompei, aber auch in (Lieblingsonkel Edis) Manchester finde sich die lateinische Wortfolge, übersetzt etwa «Der Sämann hält mit Mühe die Räder» oder auch «Der Sämann hält die Werke – es hält die Werke der Sämann», bekannt als Sator-Quadrat und in Spätantike und Mittelalter verbreitet, magische Beschwörung gegen Seuchen und Unheil. Und ach, heute von Wunderheilern zur Rauchentwöhnung empfohlen. Gut, dass der thaigeschärfte Weise breit grinste. Und mir dann auch Ludwig Hohls Notizen ans Lungenherz legte, die könnten eher helfen als der rotierende Sämann. Tatsächlich kommt Hohl prima in den Kerzenzwischenlichtjahrtagen, und ich halte mich, als Neozwangsoptimist, an die positiven Notizen: «Es splittert – und Geist kommt hervor.» Und der Sämann leitet die Versammlung meiner Organe: Vergebt einander. Guetsneusgell.
Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.
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