Ein Montags-Kinoabend Ende Februar im Kino Rex St.Gallen: Mit meiner cineastischen Gefährtin schaue ich Gloria, die Biographie der mexikanischen Sängerin Gloria Trevi. Während es im Film laut und wild abgeht, herrscht um uns Leere: Wir sind die einzigen Menschen im kleinen Saal des Rex.
Als ich in der Pause Popcorn hole, merke ich: Wir sind auch die einzigen Menschen im ganzen Dreisaal-Kino. Der einzige Angestellte hockt verloren im Kassenhäuschen.
Wären wir nicht gekommen, hätte er heute die drei Filme gar nicht erst starten müssen – und das, obwohl zwei davon (Chocolat und Gloria) damals gerade neu angelaufen waren. Gloria vom Zürcher Regisseur Christian Keller hatte zudem im Vorfeld in der Schweiz einiges an medialer Aufmerksamkeit erhalten, denn aus dessen unglaublicher Entstehungsgeschichte könnte man einen eigenen Film drehen.
Der Trailer zu Gloria:
Ein gähnend leeres Kino an einem der einst beliebten Montag-Kinoabende (weil das Ticket ein paar Franken weniger kostet und der Kinoabend den Montag verschönert) ist unheimlich – passt aber zu den jüngsten Nachrichten aus der lokalen Kinowelt.
Einsaalkinos rentieren nicht mehr
Denn nachdem 2012 das Kino Corso geschlossen wurde, erwischt es jetzt das Storchen. Schon Jahre zuvor gingen die Stadtkinos Tiffany und Palace zu. Noch gibt es in St.Gallen das Scala (6 Säle) und das Rex (3 Säle) sowie in Abtwil das Cinedome mit 8 Sälen.
«Einsaalkinos sind in Innenstädten kaum mehr rentabel zu betreiben», sagt dazu René Gerber, Generalsekretär von ProCinema, dem Dachverband der Schweizer Kino- und Filmverleihunternehmen.
Tatsächlich ist das Storchen kein Einzelfall: Fast zeitgleich wurde in Bern, wo ProCinema seinen Haupsitz hat, bekannt, dass das traditionsreiche Kino Capitol ebenfalls geschlossen wird. Grund: Das Kino ist laut den Besitzern «kommerziell nicht mehr tragbar».
Laut Gerber geht der Trend zu Mehrsaalkinos bis hin zum Multiplex mit bis zu zehn Sälen. In diesen kann man mit wenig mehr Personal als in einem Einsaalkino deutlich mehr Besucher unterbringen. In den Städten finden derart grosse Bauten kaum Platz.
Den Konzentrationstrend spiegeln auch die jährlich erhobenen Zahlen des Dachverbands: So gab es 1999 bei 329 Kinos 471 Säle in der Schweiz. Ende 2014 war die Zahl der Kinos auf 282 geschrumpft, jene der Säle jedoch auf 563 angestiegen. 2015 kamen über 20 Säle dazu.
«Noch herrscht in der Schweiz eine erfreuliche Kino-Vielfalt», sagt dazu Gerber. Neben Kino-Multis wie Kitag oder Pathé existieren noch immer Familienbetriebe und Landkinos sowie zahlreiche Programmkinos. «Es entstehen zudem nach wie vor neue Kinos, wie etwa das 2015 in Winterthur eröffnete Programmkino Cameo», sagt Gerber. Das Cameo sei aber ein Beispiel für ein Kino, das vor allem vom «Herzblut seiner Betreiber» lebe.
2014 war schlecht, 2015 wieder besser – aber 2016 wird hart
Trotz dieser Vielfalt läuft das Kinogeschäft harzig: 2014 war ein sehr schwaches Kinojahr. In der Schweiz wurde damals ein Besuchertotal von 13,2 Millionen gezählt – das schlechteste Ergebnis seit 1995.
Die soeben veröffentlichten Zahlen für 2015 sind aber wieder besser. Rund 14,8 Millionen Besucher wurden gezählt, ein Plus von 11,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dazu beigetragen haben laut Gerber vor allem Blockbuster wie James Bond oder Star Wars.
Die Kinobetreiber können sich aber nicht zurücklehnen. Auch 2016 dürfte ein schwieriges Kinojahr werden: Die Fussball-Europameisterschaft sowie die Olympischen Spiele im Sommer halten erfahrungsgemäss Zuschauer vom Gang ins Kino ab, wie Gerber sagt.
Er betont aber, dass sich das Kino angesichts der gestiegenen Konkurrenz auf dem Unterhaltungsmarkt gut gehalten habe: Die Besucherzahlen sind im langjährigen Durchschnitt fast gleich geblieben, heute liegen sie etwa auf 90 Prozent des Standes von 1995. «Die Kinobetreiber haben in den letzten Jahren viel in die Digitalisierung und den Komfort investiert. Sie glauben an ihr Geschäft.» Mit neuen Modellen, bei denen der Kinobesuch mit einem Event verbunden wird oder Grossveranstaltungen aus Sport und Kultur ins Kino übertragen werden, werde zudem versucht, ein breiteres Publikum anzusprechen.
Kino- oder Kulturbetrieb im Storchen?
Welche Pläne die Kitag in St.Gallen mit ihren zwei verbleibenden Stadtkinos Rex und Scala verfolgt, bleibt offen: Auf Anfrage teilt die Kitag, die an 9 Standorten schweizweit 88 Säle betreibt, lediglich mit, man sehe davon ab «Strategien, Vorhaben oder Geschäftszahlen öffentlich bekanntzugeben».
Das Gebäude, in dem das Kino Storchen untergebracht ist, gehört noch immer dem St.Galler Ex-Kinokönig Anton Brünig. Gegenüber dem «Anzeiger» sagte dieser, er würde sich wünschen, dass in dem Haus wieder ein (Nischen-)Kino oder ein sonstiger Kulturbetrieb einziehe.
Ein ausführlicher Überblick zur Geschichte des Kino Storchen, das in St.Gallen mit Unterbrüchen seit 1908 in Betrieb war, findet sich hier.
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.