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Der schöne Geist des Krachs

Geständnis Nummer 7 aus unserem Febraurheft: Über die Freude beim Hören eines Punkkonzerts, die dazugehörigen Klischees und den Sog der Szenenränder.
Von  Julia Kubik , 

In der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, gab es in den Nullerjahren eine relativ konstante Gruppe Punks am Bahnhof. Ich bewunderte sie für ihre Unangepasstheit, blieb aber stets in beobachtender Distanz, fürchtete mich ein bisschen und wollte gleichzeitig zeigen, dass ich sie gut fand. Dazuzugehören schien mir unmöglich, nur schon weil ich mich nicht getraut hätte, die Privilegien (Gemütlichkeit, Sicherheit, Komfort, Fürsorge) als Mittelschichtskind für das Pathos (oder die Wahrheit) der wilden Freiheit aufzugeben.

Wenn mich jetzt jemand nach Musikvorlieben fragt, sage ich meistens ein paar Namen von kürzlich viel Gehörtem. Und Punk. Dabei stimmt das immer nur im Schatten der Gefahr von Missverständnissen, da Punk so ein grosses Wort ist, eines, um das sich allerlei Abziehbilder und Deutungshoheiten ranken. Ein zweiter Schatten heisst Statustrittbrettfahrerei und fehlende Credibility. Tatsächlich könnte ich spontan keine drei Lieder von den Ramones aufzählen, habe noch nie länger als zufällig die Sex Pistols gehört oder
 mich mit den grossen Namen der Punk-Ursprünge beschäftigt. Ich würde mir auch noch immer keine Sicherheitsnadeln in die Haut oder Ratten auf die Schulter tun und entspreche sowieso ungern einer optischen Vorstellung (genau wie
Punks). Trotzdem habe ich das Bedürfnis, Punk immer als Antwort zu nennen, herumzutragen, ewig zu verteidigen 
und kompliziert auszuholen.

Als ich vorletzten Sommer vorübergehend nach 
Wien zog, freute ich mich vor allem darauf, die lokalen Subkulturräume zu entdecken. Wo Opernhaus, Theater und Konzerthallen stehen, wäre nicht schwer herauszufinden. Die Suche nach versteckteren Räumen fordert hingegen ein bisschen mehr Forschung und beginnt trotz Internet noch immer gelegentlich mit einem Ampelsticker oder einem WC-Kabinenwandhinweis.

Für den ersten Ausgang benutzte ich dennoch Google und fand ein Punkkonzert in einem
 Haus namens Pankahyttn. Die Band, von der ich noch nie gehört hatte, spielte wütendes Gebrüll und scheppernde Instrumente. Ich verstand kein Wort, warf mich in die Mixerdynamik verschwitzter Gliedmassen vor der Bühne und 
war sehr glücklich, fühlte mich ein grosses Stück weiter angekommen in der neuen Stadt.

Dieser Effekt tritt zuverlässig auf und ist mit wenig schlechten Nebenwirkungen verbunden, weshalb ich Punkkonzerte (egal wie technisch schlecht oder plattitüdenmässig fragwürdig) immer wieder als Euphoriehebel benutze. «Guilty» ist dieses Pleasure zwar nicht, aber irgendwie verdreht. Reggaekonzerte haben den umgekehrten Effekt: je weicher, gemütlicher und regelmässiger der Sound, desto aggressiver und ungeduldiger werde ich.

Rohe, brachiale Energie hingegen ist das Gegengift zu verkrusteten Gedanken und der Brötigkeit des hiesigen Alltags. Sie kann ein Frustventil sein oder politisches Medium. Im besten Fall ist Punk (insgesamt, als Geist) für mich ein gutwilliger Fightclub voller Freiheit und Fantasie, wo jede Infrastruktur zur erweiterten Nutzfläche wird. Im schlechtesten heisst es: pöbeln, Hunde anschreien, sich gegenseitig in den ewiggleichen Feind- und Heldenbildern bestätigen und die Freiheit mit durchcodiertem Gruppendruck verstopfen.

Der Einleitungstext einer Doku über Punk in der Schweiz von 1978 sagt: «Punk bedeutet bei uns fast ausschliesslich unreflektierte Schlagzeilen in der Presse,
 und statt dass man seine Impulse beachtet hätte, wurde Punk schon bald zum Modetrend und Geschäft degradiert.» Die Ärzte singen 20 Jahre später im Lied Punk ist…:
 «Du sagst, Punk ist, jeden Tag ultrabesoffen zu sein / Du sagst, Punk ist dreckig, feige und gemein / Du sagst, Punk ist Selbstverstümmelung, Gewalt und Hass / Das klingt nach ’ner ganzen Menge Spass». Dazwischen und danach sagten verschiedenste Alben, Songs, Werbungen und Artikel: Punk’s not dead, und sie haben hoffentlich noch eine Weile recht.

Julia Kubik, 1994, ist Grafikerin. Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter