In der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, gab es in den Nullerjahren eine relativ konstante Gruppe Punks am Bahnhof. Ich bewunderte sie für ihre Unangepasstheit, blieb aber stets in beobachtender Distanz, fürchtete mich ein bisschen und wollte gleichzeitig zeigen, dass ich sie gut fand. Dazuzugehören schien mir unmöglich, nur schon weil ich mich nicht getraut hätte, die Privilegien (Gemütlichkeit, Sicherheit, Komfort, Fürsorge) als Mittelschichtskind für das Pathos (oder die Wahrheit) der wilden Freiheit aufzugeben.
Wenn mich jetzt jemand nach Musikvorlieben fragt, sage ich meistens ein paar Namen von kürzlich viel Gehörtem. Und Punk. Dabei stimmt das immer nur im Schatten der Gefahr von Missverständnissen, da Punk so ein grosses Wort ist, eines, um das sich allerlei Abziehbilder und Deutungshoheiten ranken. Ein zweiter Schatten heisst Statustrittbrettfahrerei und fehlende Credibility. Tatsächlich könnte ich spontan keine drei Lieder von den Ramones aufzählen, habe noch nie länger als zufällig die Sex Pistols gehört oder mich mit den grossen Namen der Punk-Ursprünge beschäftigt. Ich würde mir auch noch immer keine Sicherheitsnadeln in die Haut oder Ratten auf die Schulter tun und entspreche sowieso ungern einer optischen Vorstellung (genau wie Punks). Trotzdem habe ich das Bedürfnis, Punk immer als Antwort zu nennen, herumzutragen, ewig zu verteidigen und kompliziert auszuholen.
Als ich vorletzten Sommer vorübergehend nach Wien zog, freute ich mich vor allem darauf, die lokalen Subkulturräume zu entdecken. Wo Opernhaus, Theater und Konzerthallen stehen, wäre nicht schwer herauszufinden. Die Suche nach versteckteren Räumen fordert hingegen ein bisschen mehr Forschung und beginnt trotz Internet noch immer gelegentlich mit einem Ampelsticker oder einem WC-Kabinenwandhinweis.
Für den ersten Ausgang benutzte ich dennoch Google und fand ein Punkkonzert in einem Haus namens Pankahyttn. Die Band, von der ich noch nie gehört hatte, spielte wütendes Gebrüll und scheppernde Instrumente. Ich verstand kein Wort, warf mich in die Mixerdynamik verschwitzter Gliedmassen vor der Bühne und war sehr glücklich, fühlte mich ein grosses Stück weiter angekommen in der neuen Stadt.
Dieser Effekt tritt zuverlässig auf und ist mit wenig schlechten Nebenwirkungen verbunden, weshalb ich Punkkonzerte (egal wie technisch schlecht oder plattitüdenmässig fragwürdig) immer wieder als Euphoriehebel benutze. «Guilty» ist dieses Pleasure zwar nicht, aber irgendwie verdreht. Reggaekonzerte haben den umgekehrten Effekt: je weicher, gemütlicher und regelmässiger der Sound, desto aggressiver und ungeduldiger werde ich.
Rohe, brachiale Energie hingegen ist das Gegengift zu verkrusteten Gedanken und der Brötigkeit des hiesigen Alltags. Sie kann ein Frustventil sein oder politisches Medium. Im besten Fall ist Punk (insgesamt, als Geist) für mich ein gutwilliger Fightclub voller Freiheit und Fantasie, wo jede Infrastruktur zur erweiterten Nutzfläche wird. Im schlechtesten heisst es: pöbeln, Hunde anschreien, sich gegenseitig in den ewiggleichen Feind- und Heldenbildern bestätigen und die Freiheit mit durchcodiertem Gruppendruck verstopfen.
Der Einleitungstext einer Doku über Punk in der Schweiz von 1978 sagt: «Punk bedeutet bei uns fast ausschliesslich unreflektierte Schlagzeilen in der Presse, und statt dass man seine Impulse beachtet hätte, wurde Punk schon bald zum Modetrend und Geschäft degradiert.» Die Ärzte singen 20 Jahre später im Lied Punk ist…: «Du sagst, Punk ist, jeden Tag ultrabesoffen zu sein / Du sagst, Punk ist dreckig, feige und gemein / Du sagst, Punk ist Selbstverstümmelung, Gewalt und Hass / Das klingt nach ’ner ganzen Menge Spass». Dazwischen und danach sagten verschiedenste Alben, Songs, Werbungen und Artikel: Punk’s not dead, und sie haben hoffentlich noch eine Weile recht.
Julia Kubik, 1994, ist Grafikerin. Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.
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