, 2. Juli 2018
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Der Spirit der Hafenstadt

In der Lokremise ist am Montagabend, 2. Juli ein Gesamtkunstwerk zu sehen und zu hören: «Linea» nähert sich in Stummfilmen, Livemusik, Texten und Projektionen dem «Kosmos» Stadt an.

Eine Fähre legt an, sie ist überfüllt, aus ihrem Bauch spült es die Menschen an Land, hunderte, vielleicht tausende. Dann schwenkt die Kamera weiter, Schlote rauchen, Krane schwenken, Menschen strömen ameisenartig durch Strassenschluchten, Schiffe kreuzen im Hafen. Manhatta ist ein experimenteller Stummfilm aus dem Jahr 1921, eine Feier des Grossstadtlebens, typisch für die «Golden Twenties».

Manhatta zählt zum Genre der «City Symphonies», ebenso der zweite im Konzert gezeigte und musikalisch kommentierte Film: Regen von Joris Ivens und Mannus Franken, 1929 gedreht, porträtiert New York in allen möglichen Regen-Zuständen. Die Begleitmusik zu diesem Film stammt von Hanns Eisler: Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben aus dem Jahr 1941.

Solche «City Symphonies», sagt die Initiantin des spartenübergreifenden Projekts, die Berner Musikerin Karin Jampen, seien ein Kind der Urbanisierung und des technischen Fortschritts der damaligen Zeit: «Die Grossstadt in ihrer Vielschichtigkeit dient dabei als Fundus für neue Techniken, Bilder und auch für neue Klänge und Geräusche», erklärte sie in einem Interview der Zeitung «Der Bund». «Auch wenn zwischenzeitlich 100 Jahre vergangen sind, so ist das Gefühl eines Individuums in der modernen Grossstadtgesellschaft doch ein ähnliches geblieben.»

Die Stadt: Treffpunkt der Nationen

Das Projekt mit dem Titel «Linea» ist eine assoziative Bild-Klang-Expedition rund um diese beiden Filme. Der dritte Schwerpunkt im Programm ist das Hörstück Zena des britischen Klangtüftlers Fred Frith, das in dem Konzert als Uraufführung erklingt. Zena ist der Name der Stadt Genua in deren eigenem Dialekt. Frith, mit Gitarre und Elektronik seit Jahrzehnten einer der experimentierfreudigsten Musiker, entwickelt darin Klänge weiter, die Jampen in Genua gesammelt hat. Die Fieldrecordings erklingen einerseits «dokumentarisch», andrerseits übersetzt sie der Komponist für die beteiligten Instrumente: Flöte, Klarinette, Violine, Viola, Cello, Piano und Schlagzeug.

«Linea»: Montag, 2. Juli, 20.30 Uhr Lokremise St.Gallen

schichten.ch

Als weiteres Element neben Film, Musik und Texten (unter anderem von Walt Whitman) kommen Projektionen hinzu. Damit greift das Projekt «Linea» die Sehnsucht nach einem Gesamtkunstwerk auf, das unterschiedlichste Medien zu einem inhaltlichen Ganzen zusammenfügt. «L’art pour l’art» will es aber gemäss Ankündigung nicht sein, vielmehr hat «Linea» eine gesellschaftliche Stossrichtung. Hafenstädte, ob Genua, Amsterdam oder New York, seien seit jeher ein Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen gewesen. New York etwa habe ihm zeitweise den Eindruck vermittelt, alle Menschen, die er hier treffe, seien von woanders gekommen, sagt Fred Frith.

Und Robert Torche, Schüler von Frith und als Live-Elektroniker am Konzert beteiligt, hat auf den Film Manhatta eine Tonspur geschaffen, die ihrerseits die Stadt als multinationalen Treffpunkt zum Thema macht: For all races are here heisst der Titel des Stücks.

Atelier der Städtekonferenz

Das ambitionierte Projekt ist jetzt, nach dem Start in der Reitschule Bern und im Tinguely Museum Basel, in der Lokremise St.Gallen zu Gast. Es wird von einem zehnköpfigen Berner Ensemble um Pianistin Karin Jampen und Schlagzeuger Adrian Schild realisiert. Seinen Ursprung habe es, neben der Faszination für die Stadt als «Ort des Kommens und Gehens», in einem Atelieraufenthalt in Genua gehabt, sagt Karin Jampen. Das dortige Artist-in-Residence-Stipendium betreibt die Konferenz der Schweizer Städte gemeinsam – auch Kunstschaffende aus St.Gallen und Frauenfeld können im Turnus dafür berücksichtigt werden.

 

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