, 28. Oktober 2015
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Der stadtweite Jazzclub

Am Anfang war eine Knelle. Zwei Jazz-Liebhaber machten daraus ein Jazzlokal. So beginnt vor 20 Jahren die Geschichte des «Gambrinus». Peter Hummel erzählt sie im Zeitraffer, in Text und Bildern.

Clubambiance im Gambrinus Jazz-Club an der Gartenstrasse, Bilder: Peter Hummel

Gambrinus war zu Ende des Mittelalters ein germanischer König, dem die Erfindung des Bierbrauens zugeschrieben wird. Kunststück, gab es einst viele Wirtschaften, die diesen Namen trugen. Und gewiss war der Name passend für eine Jazzbeiz. Hier die Geschichte im Zeitraffer: Im September 1995 eröffnen die beiden Jazzmusiker Suzanne Bertényi und Hector «Gato» Zemma sel. das «Gambrinus» als Jazzlokal und geben dem Verein «Jazz neb de Landstross» eine neue Bleibe. Von Beginn an dominiert hier aber das Musikniveau, nicht die Bierseligkeit; legendär, wie Suzi unliebsamen Plauderern das Schildchen «Ruhe» vor die Nase hielt…

Zick-Zack durch die Stadt

Weil die Liegenschaft dem Einstein-Kongresszentrum weichen muss, sind eine neue Lokalität und eine finanziell breitere Trägerschaft gefragt. Im Frühjahr 2004 wird der Verein «gambrinus jazz plus» (gjp) gegründet und man wechselt von der Wassergasse in den «Kastanienhof» bei der Kreuzbleiche, wo gjp Gastrecht geniesst. Das Lokal erweist sich als sehr stimmungsvoll, nur die etwas periphere Lage lässt den Besucheraufmarsch zuweilen unter die Schmerzgrenze sinken, was auch den Wirt nicht sehr freut. Neue Ausstrahlung erhofft man sich durch den grosszügigen Umbau, der aber jahrelang hinaus geschoben wird.

1_harald haerter

Stilblüte aus dem Ur-Gambrinus an der Wassergasse: Harald Haerter in kurzen Hosen und Hawaii-Hemd, passend zum geblümten Vorhang und der Schalldämmschaumstoffdecke…

Da ist es ein Glücksfall, dass Jazzliebhaber Bert Haag die Möglichkeit bekommt, ein eigenes Lokal zu eröffnen und gjp als Musikpartner im Boot haben will. Gambrinus Jazz ist damit in doppeltem Sinne «back to the roots»: Die neue Lokalität in den Arkaden an der Gartenstrasse ist zum einen nur einen Steinwurf vom Ur-Gambrinus entfernt, und zum zweiten ist damit endlich wieder eine richtige Heimat gefunden, was schon im Namen zum Ausdruck kommen soll: Gambrinus Jazzclub.

Mit der Eröffnung im November 2009 ist eine Programmausweitung möglich: Zu den ungefähr wöchentlichen «grossen» Konzerten gibts montags Auftritte der Hausband und jeden letzten Mittwoch Jamsessions. Doch divergierende künstlerische und kommerzielle Erwartungen und Interessen zwischen dem Verein (der wiederum nur Gastrecht geniesst) und dem Wirt führen schon nach einem Jahr zum vorzeitigen Ende der Partnerschaft.

Nach einem Jahr Pause entfaltet gjp seit Ende 2011 neue Aktivitäten in wechselnden Lokalitäten – gedacht als Interregnum, bis ein neuer Club gefunden ist. Mit dem Hauptpost-Keller eröffnet sich auch eine vielversprechende Perspektive; Pläne werden erstellt, die Finanzierung des Umbaus und der Einrichtung ist praktisch schon sichergestellt – doch die Aussicht auf untragbar hohe jährliche Betriebskosten zwingt zum Übungsabbruch. Stattdessen werden die wechselnden Konzertorte zum Konzept erhoben: Gambrinus als «stadtweiter Jazzclub von St.Gallen».

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Zum 50er-Jahre Rock’n’Roll der Blue Flagships geht im Kastanienhof die Post ab (September 2005).

In den bisherigen dreieinhalb Jahren wurden über 20 Lokalitäten bespielt: Kugl, Lok, Tartar, Palace, Ortsbürgerkeller, Pfalzkeller, Tonhalle, Klubschule, Stickerei, Roter Platz, Katharinensaal, Einsteinsaal, Weinlokal 1733, Offene Kirche, St.Laurenzenkirche, Blumenmarkt, Kulturfestival, Grabenhalle, The Irish Pub, Kaffeehaus oder Klosterbistro.

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Bassist Marc Jenny als «Aushilfe» bei Raphael Wressnig (September 2006)

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Bluesprofessor Wale Liniger (April 2010) an der Gartenstrasse

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Iiro Rantala in der Lokremise (Dezember 2011)

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A.Spell eröffnen die Reihe «Live im 1733» (April 2013)

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Jazz in der Stickerei mit Vinylist Valentin Butz (Mai 2013)

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Plattentaufe von Sika Lobi im Palace (Januar 2014)

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Gregor Hübner Trio mit Startrompeter Paolo Fresu im Pfalzkeller (September 2014)

Auch wenn die logistische Herausforderung gross ist, glaubt Gjp-Präsident Andreas B. Müller, dass sich der Mehraufwand lohnt: «Wir sind überzeugt, dass wir das Manko eines festen Clubs mit permanenter Ausstrahlung durch diese stadtweite Wahrnehmung mehr als wettmachen können.» Ist für Gambrinus ein fixes Lokal damit endgültig vom Tisch? «Wenn sich ein jazzaffiner Mäzen mit einem geeigneten Lokal meldet, sind wir sicherlich dabei», sagt Müller.

Stilvielfalt ist Programm

Der Verein gambrinus jazz plus (gjp) zählt gegenwärtig rund 200 Mitglieder. Ziel ist die «Pflege anspruchsvoller Musik aus verschiedenen Kulturen, insbesondere im Bereich des Jazz und artverwandter Musik». Für Stilvielfalt bürgt das Plus im Namen: Von Blues über Folk, Gipsy, World bis zu Poetry Slam hat unter diesem Label (fast) alles Platz. Für gewisse Genres wurden sogar eigene Serien initiiert, etwa Klassik Plus, Piano Nights oder neuerdings Voices.

Das Jubiläumsprogramm:
2. 11.: Yvonne Moore Bluesband, 1733 Weinlokal
3. 11.: Jazz Jam Session Special Edition, Offene Kirche
4. 11.: Mike Stern Band feat. Dennis Chambers, Tonhalle
5. 11.: Christian Scott Band, Palace
6. 11.: Rosset Meyer Geiger play Standards, Kaffeehaus
7. 11.: Jazz On Vinyl Only, Blumenmarkt
8. 11.: Konzert-Gottesdienst mit Claude Diallo, Kirche St.Laurenzen

Weitere Zwecke sind die Förderung junger Musikerinnen und Musiker und der Kulturaustausch. Talentförderung hat gjp immer wieder mit speziellen Plattformen betrieben, etwa dem LabOhr im Kugl, den Jam-Sessions, der Mittwochsreihe in der Stickerei und nun «Live im 1733» an der Goliathgasse. Seine Vermittlerrolle kann gjp mit dem Newsletter wahrnehmen, der zu einer überregionalen Jazzagenda avanciert ist.

Dass «Gambrinus» zum Markenzeichen für exzellente Jazzkonzerte geworden ist, beweist eine kleine Aufzählung arrivierter Namen, die hier in den zwei Jahrzehnten gastierten: Richie Beirach, Lee Konitz, BennyBailey, Red Holloway, Franco Ambrosetti, Irène Schweizer, Ed Neumeister, Tony Lakatos, Supercharge, Barbara Dennerlein, Wolfgang Muthspiel, Marc Copland, John Abercrombie, Erika Stucky, Thierry Lang, Jacky Terrasson, Roman Schwaller, Philipp Fankhauser, Glenn Ferris, Frank Möbus, Jojo Meyer, Heiri Känzig, Marc Ribot, Oregon, Iiro Rantala, Raphael Wressnig, Nils Petter Molvaer, Paolo Fresu und viele mehr.

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Kyle Shepherd in der Klubschule / The Art of Piano II (Oktober 2012)

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Oscar Petersons Easter Suite mit dem Jazz-Trio Kordes-Tetzlaff-Godejohann in der St.Laurenzenkirche (April 2014)

 

 

 

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