, 20. April 2013
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Der Stargast war gefälscht

In der Lokremise wurde über Plagiate diskutiert – und das Plagiat praktiziert: mit der angeblichen Bestsellerautorin Helene Hegemann als „special guest“. Die Fälschung funktionierte.

Blond, lange Haare, deutsche Schnoddrigkeit: Diese Attribute hätten auf die richtige Helene Hegemann auch zugetroffen – jene Berliner Autorin, die vor drei Jahren gerade einmal 17jährig mit dem Roman „Axolotl Roadkill“ Sensation gemacht hatte und dann des Plagiats bezichtigt worden war. Die als „special guest“ von den Veranstaltern der 2. Buch-Biennale angekündigte Hegemann war aber gefälscht.

Nehle Breer, Schauspielschülerin an der Zürcher HdKZ, spielte zusammen mit dem schlagfertigen St.Galler Schauspieler Matthias Flückiger als Interviewer ihren einstudierten Part so gut, dass der Grossteil des Publikums bis zum Schluss an das Original glaubte, und dies trotz offensichtlich einstudierter Redepassagen und trotz nervigem Geplauder ohne wirklichen Informationswert.

Was damit bewiesen worden ist?  Zum einen: dass der Mensch grundsätzlich lieber glaubt als anzweifelt, was ihm vorgesetzt wird – auch wenn es sich um eine kritisch-intellektuelle, literarisch geschulte Klientel handelt wie an diesem Abend. Und zum andern: dass sich daran auch in medial gefluteten Zeiten wie der heutigen nicht wirklich etwas geändert hat.

Davon handelte an der vom St.Galler Zentrum für das Buch und dem neuen Verein Buchstadt St.Gallen organisierten Veranstaltung die vorangegangene Podiumsdiskussion. Auch sie brachte jedoch nicht wirklich Licht ins schatten- und facettenreiche Feld von Plagiaten, Kopien, Originalen und Urheberrechten. Die Berliner Plagiatsfahnderin Debora Weber-Wulff plädierte für klare Zitierregeln und erzählte, ihr Institut werde überrollt von Anfragen zur Plagiatskontrolle. Dani Landolf vom Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband wünschte sich eine „neue Kultur der Ehrlichkeit“, war zugleich aber gegen eine Internetpolizei. Brisantester Punkt: der akademische Publikationsdruck. Wer universitär Erfolg haben wolle, müsse auf Teufel komm raus publizieren, in möglichst vielen Journalen, egal worüber und egal,obs jemand lese, kritisierte Weber-Wulff. Das fördere den Hang beziehungsweise Zwang zum Abschreiben – zur Not auch bei sich selber, wie im Fall des Zürcher Ökonomen und Selbstplagiators Bruno Frey.

Wie eine offene Gesellschaft, in der Wissen und künstlerische Werke möglichst allen zugänglich sein sollen, mit Plagiaten umgehen kann: Diese zentrale Frage wurden nur am Rand berührt. Die richtige Helene Hegemann hätte dazu sicher mehr zu sagen gewusst.

Mehr zum Thema Plagiat, Kopie, Mash-up und Recycling von geistigem Eigentum gibt es im Aprilheft von Saiten.

(Bild zum Beitrag: Claudius Krucker)

 

 

 

 

 

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