, 5. Mai 2020
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Der Thurgau von unten

In seiner neuen, grossen historischen Reportage spürt Stefan Keller den Lebensgeschichten der Thurgauer Unterschichten im 19. und 20. Jahrhundert nach. Spuren der Arbeit erscheint am Donnerstag und ist ein biografisches und sozialhistorisches Feuerwerk mit bittersüssem bis saurem Beigeschmack.

Szene aus der Giessereihalle bei Saurer in Arbon um 1930. (Bild: Historisches Museum Arbon)

Als einer seiner Garnwäscher streikte, war sich der kauzige «Libanon-Mayr», ein alleinstehender Thurgauer Textilunternehmer und Antisemit, nicht zu schade, selber ins eisige Wasser zu steigen, wobei er fast erfror. Der Indiennes-Drucker und ehemalige Orientreisende soll später im «Jahr ohne Sommer» sein Haus nur noch auf dem Floss verlassen haben, weil wegen des Wetters lange alles unter Wasser stand. Den Mietsleuten seiner Liegenschaften soll Mayr geraten haben, die Fische doch zu fangen, die durch ihre Stuben schwammen.

Natürlich hatten es 1816/17 die wenigsten so lustig wie dieser Fabrikbesitzer, der von der fürchterlichen Hungersnot, die auch im Thurgau hunderte Menschenleben forderte, ohne dass die Kantonsbehörden nennenswert eingeschritten wären, nur vom Hörensagen erfahren hatte.

Stefan Keller: Spuren der Arbeit. Von der Manufaktur zur Serverfarm. Rotpunktverlag, Zürich 2020. Fr. 38.–

Wer die Texte – und beispielsweise die monatliche Bildkolumne im Saiten – des Historikers und Journalisten Stefan Keller kennt, wird nicht überrascht sein über die erzählerische Farbenpracht, den anekdotischen Witz und die akribisch recherchierten biografischen Schlaglichter, die sich durch sein neustes Buch Spuren der Arbeit – Von der Manufaktur zur Serverfarm ziehen. Keller, ein Meister der Verdichtung, legt im Auftrag des Thurgauer Amts für Wirtschaft und Arbeit nichts weniger als eine umfassende Geschichte der Arbeitenden im 19. und 20. Jahrhundert vor. Weltgeschichte im Konkreten, erzählt aus der Perspektive der unteren Schichten.

Die Wut der Verreckenden

Nicht die Sicht der Besitzenden, der Mächtigen, der Unternehmer und der Politiker wird erzählt, sondern jene der Armen, der Hungernden, der Ausgebeuteten, der Verlierer des technologischen und industriellen Fortschritts. Zügig schreitet Keller auf gut 200 Seiten durch zwei Jahrhunderte Thurgauer Arbeitsgeschichte, öffnet den Blick aber immer wieder in die Restostschweiz und stellt Bezüge zur Weltgeschichte her.

Vernissage und erste Lesungen des Buchs mussten aus bekannten Gründen verschoben werden. Für die Lesung vom 7. Mai in der Comedia-Buchhandlung in St.Gallen wird ein Ersatzdatum gesucht. Bestätigt ist die Lesung im Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich am 24. September.

Da hockt man plötzlich mit napoleonischen Soldaten in der Frauenfelder Gaststube, reist mit thurgauischen Textilhändlern und Söldnern nach Südostasien, mit bekehrten Mormonen über den Atlantik nach Utah oder lauscht einer Predigerin aus dem Baltikum, die das Volk in Arbon in Ekstase versetzt, oder ein knappes Jahrhundert später den tobenden italienischen Hilfsarbeiterinnen, die einen der grossen Arboner Streiks auslösen.

Hafenarbeiter pausieren in Arbon. Postkarte um 1908. (Bild: Privatsammlung Stefan Keller)

Man spürt die Wut der vor Hunger verreckenden Bichelseer Bevölkerung, die mit Gewalt droht, wenn die Regierung nicht bald Nahrung heranschafft. Diese aber verhaftet die beiden Überbringer des Protestschreibens des aufmuckenden Ausschusses von «elf Bürgern und einer Bürgerin», verpasst einen Termin in Zürich, bei dem eine Spende des russischen Zaren an die Ostschweizer Kantone verteilt wird, und verzeichnet für 1817 dennoch einen Gewinn von 19’000 Franken in der Staatsrechnung, während die Bevölkerung weiter hungert.

Sicherheitspolitisch agierten die Behörden damals allerdings agiler: Die Polizei wird aufgestockt, hält die Kantonsgrenzen dicht und vertreibt die lästiger werdenden Bettler aus dem noch schlimmer betroffenen Appenzellerland und dem Toggenburg.

Das Buch ist durchsetzt von Kürzestbiografien. Es erzählt etliche Einzelschicksale, die immer auch kollektive Schicksale darstellen, von arbeitenden und geschundenen Kindern, von geplagten Dienstmädchen, von Arbeiterinnen in den Fabriken und Knechten auf den Bauernhöfen. Kellers Arbeitsgeschichte ist zu einem wesentlichen Teil auch eine Frauen- und Kindergeschichte.

Fotos von Fabrikarbeiterinnen sind selten: Unbekannte Textilarbeiterinnen posieren vor ihren Maschinen, stehen einen Moment zusammen und halten still, damit das Bild nicht verwackelt. (Bild: Privatsammlung Stefan Keller)

Im biografischen Reichtum zeigt sich die enorme Recherchearbeit, die Stefan Keller in den vergangenen sechs Jahren geleistet hat. Unzählige Lokalblätter, zum Teil seit einiger Zeit digital greifbar, hat er durchforstet, Gerichtsakten, Tagebücher und Briefwechsel studiert. Ausserdem schöpft er aus seinem unermesslichen Fundus an gesammeltem Bildmaterial. Das letzte Kapitel lässt nur noch die Bilder sprechen, einige mit Bezug auf geschilderte Ereignisse, andere erzählen eigene Geschichten.

Programmatisch schreibt Keller: «Viele Lebensgeschichten wären noch zu erzählen. Aber von den meisten Leuten, die ein Leben lang arbeiten, weiss man am Ende wenig oder nichts. Sie bleiben unauffällig, hinterlassen keine Spuren in der Öffentlichkeit. Höchstens dann, wenn sie mit der Arbeit aufhören, wenn sie zum Beispiel verunfallen, sterben oder einen hohen Geburtstag feiern, werden sie kurz wahrgenommen.»

Keller hat diesen Leuten nachgestöbert, schildert ihre Ängste, Nöte und Glücksmomente, aber auch Mord und Totschlag, Rassenverfolgungen, Arbeiterinnenkravalle, Krankheiten und Unfälle. Immer im Stil der historischen Reportage spritzt das Blut, fault der Oberkiefer und zerquetschen die Gliedmassen, während Magistraten und Fabrikanten schlemmen, schwärmen, reden oder schweigen.

«Attraktiver wäre das Appenzellerland gewesen»

Dabei wird der Text nie reisserisch. Keller lässt die Geschichten für sich selber sprechen und hält sich mit politischen Kommentaren weitgehend zurück. Natürlich lässt sich das Buch als Ganzes dennoch als grosser politischer Kommentar lesen.

Als Orientierungsrahmen folgt Keller in Spuren der Arbeit der äusserst zögerlichen und schrittweisen Einführung der Sozialwerke in der Schweiz und im Thurgau und den grossen Linien der Wirtschafts- und Industriegeschichte in der Ostschweiz: Aufstieg und Niedergang der Baumwoll- und später der Stickerei- und Maschinenbauindustrie, die Kriegs-, Zwischen- und Nachkriegs-Krisen. Kommt dann aber auch zum Schluss: «Kaum hatte Saurer mit hohen sozialen Kosten bewiesen, dass man hierzulande keine Fahrzeuge und keine Maschinen mehr bauen konnte, kaum hatten weitere Maschinenfabriken ihre Produktion der Reihe nach eingestellt, fing die Stadler Rail AG in Bussnang an, Eisenbahnzüge in die ganze Welt zu verkaufen.»

Die Autofähre in Romanshorn entlädt sich, vermutlich in den 1960er-Jahren. (Bild: Richard Kopiczek)

Spuren der Arbeit beginnt mit dem hübschen Satz: «Attraktiver wäre das Appenzellerland gewesen.» Daraus spricht natürlich kein Bedauern des Autors über den geografischen Fokus seiner Arbeit. Die spitzbübische Provokation ist eine Absage an all jene, die ein weiteres historisches Heimatbuch über das feuchte Land des Nebels und des Mosts erwartet hätten, von denen es im Thurgau nicht mangelt.

Möslangs Beitrag und der Autor als Teil der Geschichte

Nichts liegt dem in Zürich lebenden Keller ferner als Volkstümelei und Glorifizierung seines alten Heimatkantons. Passend dazu hat der Künstler Norbert Möslang, der Gestalter der binären Bahnhofsuhr in St.Gallen und Freund Kellers, für das Buch die Audiodaten des Thurgauerlieds illustrativ dargestellt. Attraktiv ist diese gräulich braune Fläche, die an einen schlecht gewobenen Jutesack erinnert, nicht anzusehen. Erst bei genauerer Betrachtung, beim Heranzoomen, wird aus dem dichten Muster ein hübsches Farbenspiel.

Der Verfasser der Thurgauer Kantonsgeschichte, Albert Schoop, schrieb einmal über dieselbe, sie sei «so undramatisch wie die Landschaft selbst». Nicht, dass Stefan Keller auch etwas an der schönen Thurgauer Natur auszusetzen hätte – im Gegenteil. Er beschreibt sie eingangs sogar in fast romantischer Weise, wenn er die Reise des deutschen Dichters Hölderlin nachzeichnet, der 1801 als Hauslehrer zu den Gonzenbachs in Hauptwil – und eben nicht ins «attraktivere» Appenzellerland zu den Zellwegers in Trogen – zieht, was Hölderlins ursprünglicher Plan gewesen wäre.

Männer montieren 1903 Telefondrähte beim Bahnhof Weinfelden. (Bild: Karl Enz, Bürgerarchiv Weinfelden)

Im letzten Kapitel mit dem Titel «Digital» wird der Reporter selbst Teil der Geschichte. Keller schleicht dort um die Serverfarm am Rand von Diessenhofen herum. Es handelt sich um einen der drei globalen Standorte von SWIFT, die für über 11’000 Banken den Zahlungsverkehr abwickelt. Für Diessenhofen hat man sich entschieden, weil man sich hier vor den US-Geheimdiensten in Sicherheit wähnt – ob zurecht, weiss niemand. Keller schreibt: «Der Feind kommt aus dem Netz. Aus dem Gelände kommt der neugierige Historiker und fotografiert über den Zaun.»

Schmerzliche Lücken geschlossen

Als 1960 der Bauernromantiker und Dichter Alfred Huggenberger in Diessenhofen zu Grabe getragen wurde, hat dies die «NZZ» unter anderem zum bitteren Kommentar verleitet, der Verstorbene habe zur weitverbreiteten Meinung beigetragen, der Thurgau sei ein bäuerlicher Kanton geblieben. Dass das nicht stimmt, hat sogar schon Albert Schoop gewusst, der ansonsten nicht für sein Gespür für gesellschaftliche Vorgänge berühmt war. Seine Kantonsgeschichte widerspiegelt einzig die Perspektive der politischen und wirtschaftlichen Führung. Er hat sie in den 1980er und -90er-Jahren nach schon damals völlig veralteten Methoden erarbeitet.

Stefan Keller ist nun nicht angetreten, um den thurgauisch-industriellen Errungenschaften zu huldigen. Vielmehr schliesst er – im staatlichen Auftrag – schmerzliche Lücken in der Aufarbeitung der Geschichte des Kantons. Es hat zuvor schon sozialgeschichtliche Ansätze gegeben: Zu erwähnen sind etwa die Arbeiten von Historikerinnen wie Verena Rothenbühler, Adrian Knoepfli, Kurt Bünzli oder auch Staatsarchivar André Salathé und nicht zuletzt Kellers eigene Beiträge, etwa über die bewegte «Saurer»-Stadt Arbon (Die Zeit der Fabriken, 2001). Aber eine sozial-, arbeiter-, frauenund kinderhistorische Überblicksarbeit in dieser kompakten und doch detailreichen Form hat es für den Thurgau – und wohl für die meisten Kantone – noch nicht gegeben.

Das Land zwischen Zürich, St.Gallen, Konstanz und dem Bodensee kann sich glücklich schätzen, einen Historiker engagiert zu haben, der die Finger auf die vielen wunden Punkte legt. Präzise, unpolemisch und äusserst unterhaltsam, wie man es sich vom Verfasser von Grüningers Fall (1993) und Maria Theresia Wilhelm, spurlos verschwunden (1991) gewohnt ist.

 

Stolze Bewegung: Die Arbeiterradfahrer Vorwärts in Romanshorn posieren für die Nachwelt. (Bild: Privatsammlung Stefan Keller)

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