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Der Verunsicherer

Joachim Rittmeyer, Meister der Ambivalenz und des himmeltraurigen Humors: So erlebte man ihn einmal mehr am Samstagabend in der Lokremise. Dort erhielt er den St.Galler Kulturpreis.
Von  Peter Surber , 

Die St.Gallische Kulturstiftung mag es brötig. Die Einladungskarte zur Kulturpreisverleihung hat bürokratischen Charme, und der Moderator des Abends, Stiftungs-Vizepräsident Markus Linder, trampte so ungeschickt in die Ovationen für Preisträger Joachim Rittmeyer hinein, als wollte man den einst ungeliebten Sohn der Stadt – Rittmeyer hatte als Militärdienstverweigerer Berufsverbot als Lehrer erhalten – möglichst schnell wieder von der Bühne weg haben. Das hätte beinah Stoff für eine Brauchle-Nummer des Kabarettisten abgegeben. «Mengmol muesch einfach dur so Sache dure», hätte dieser dazu vermutlich händeringend gesagt.

Meister der Nicht-Pointe

Ein idealer Abend also für den (neben Manuel Stahlberger) wohl schärfsten Beobachter und liebenswürdigsten Entlarver der Ostschweizer Mentalität. Joachim Rittmeyer, 1951 in St.Gallen geboren und hier aufgewachsen, liess sich denn auch nicht lumpen. Er hatte gleich seine zwei wichtigsten Kunstfiguren mitgebracht, liess Theo Metzler (Bild oben) über die letzten Fragen im Altersheim sinnieren und Hanspeter Brauchle (Bild unten) sein Leid mit dem doppelten Fliegentätscher beklagen. Und setzte noch eins drauf mit dem wundersamen Organisten-Choral – eine Hommage an seine Mutter, die Organistin und Pianistin Nelly Rittmeyer.

Was es mit dem Ostschweizerischen im Speziellen und dem Allgemeinmenschlichen überhaupt im Schaffen Rittmeyers auf sich hat, brachte der Schriftsteller Peter Stamm in seiner Laudatio auf den Punkt. Rittmeyer sei der Meister der Antiklimax, der «Verweigerung des scharfen Gewürzes», der Abwesenheit von Pointen, Tempo und Spannung, Spezialist für Anfänge, die nie anfangen, für Ambivalenz und Differenzierung. «Ziel seiner Arbeit ist das lustvolle Verunsichern, das seine Programme viel fundamentaler politisch macht als das wohlfeile Ironisieren und Moralisieren, das einen so grossen Teil des politischen Kabaretts ausmacht.»

rittmeyer1Lektionen des Unbehagens

Rittmeyers Instrumentarium, darin ganz Lehrer, seien Lektionen, Instruktionen, Übungen, sagte Stamm. «Orientierungsabend» heisst denn auch eins seiner zahlreichen Soloprogramme. Doch auch hier läuft das Üben immer ins Leere beziehungsweise ins existentiell Unlösbare. Noch einmal Peter Stamm: «Es geht Joachim Rittmeyer um das Grundsätzliche: das Unbehagen des modernen Menschen in der Zivilisation, seine Vereinsamung, die Instrumentalisierung von Menschen, die Verdrängung von Randgruppen und immer wieder die missglückende Kommunikation.»

Jetzt hat immerhin die Kommunikation wieder funktioniert zwischen der Heimatregion und dem in jungen Jahren ausgewanderten Kabarettisten: Die st.gallische Kulturstiftung hat mit ihrem Kulturpreis den Richtigen ausgezeichnet. Und Rittmeyer wusste die Ehrung spürbar zu schätzen: Nach St.Gallen zurückzukommen, «da goht tüüf», sagte er nach der Feier im Gespräch.

Auch ein Förderpreis wurde vergeben: an die Musikerin Natalie Maerten. Stiftungsrat Manuel Giron lobte die Eigenständigkeit und Originalität ihrer Musik. Und die Preisträgerin sang in Begleitung ihrer Band Sika Lobi zwei Lieder aus ihrem im Januar erschienenen Album, die in ihrer stillen Art gut zum unspektakulären Hauptpreisträger Rittmeyer passten.

Bilder: Sämi Forrer

 

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Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

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Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover